Handballtorwart Heinevetter"Wichtig ist nicht, wie du hältst, sondern ob du hältst"

Die Handballtorhüter Silvio Heinevetter und Petr Stochl sind im Verein Kollegen – und in der EM-Quali Gegner. Ein Gespräch über Kahn, Lehmann und unorthodoxe Paraden von Benjamin Apitius und Christoph Dach

Der Handballtorwart Silvio Heinevetter

Der Handballtorwart Silvio Heinevetter  |  © Marijan Murat/picture alliance/dpa

Frage: Herr Heinevetter, Sie teilen sich bei den Berliner Füchsen mit Petr Stochl sowohl das Tor als auch die Spielzeit. Führen Sie eine Art Torhüter-Ehe?

Silvio Heinevetter: Wir sind nun mal die Letzten, die hinten drin stehen und die Chance haben, Tore zu verhindern. Und wenn es bei dem einen nicht läuft, dann kommt der andere und macht es hoffentlich besser. Das ist schon eine Art Sportler-Ehe, ja.

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Frage: Wer von Ihnen ist die bessere Hälfte?

Heinevetter:(zeigt auf Stochl) Er ist auf jeden Fall die erfahrene Hälfte.

Petr Stochl: (lacht) Stimmt.

Heinevetter: Also auch die bessere.

Silvio Heinevetter

Silvio Heinevetter ist seit 2006 deutscher Handball-Nationaltorhüter. Der 28-Jährige hütet zudem das Tor des Bundesligisten Füchse Berlin. Außerhalb des Sports wurde er durch seine Beziehung zu der Schauspielerin Simone Thomalla bekannt.

Frage: Das Trikot mit der Nummer eins ist bei den Füchsen nicht vergeben. Warum nicht?

Stochl: Ich denke, es ist uns beiden egal, welche Nummer wir tragen.

Frage: Wer von Ihnen ist denn die Nummer eins?

Stochl: Wir sind beide Torwart und wollen immer spielen – aber das geht natürlich nicht. Es ist die Sache des Trainers, er muss entscheiden, wen er bringt. Und dann müssen wir versuchen, der Mannschaft zu helfen.

Petr Stochl

Petr Stochl ist ein tschechischer Handballtorwart und hat bisher über 100 Länderspiele für die Nationalelf bestritten. Der 36-Jährige spielt seit 2006 ebenfalls für die Füchse Berlin.

Frage: Herr Heinevetter, Sie wechselten 2009 von Magdeburg zu den Füchsen. Wie hat Sie der damalige Stammkeeper Stochl empfangen?

Heinevetter: Petr war zu der Zeit natürlich der Platzhirsch. Er war schon lange in Berlin und hat den Aufstieg miterlebt. Aber es war ja klar, dass ich nicht komme und mich dann auf die Bank setze.

Frage: Das können Sie aber genauso wenig gewollt haben, Herr Stochl.

Stochl: Es ist ja nicht wie beim Fußball, wo einer der beiden Torhüter dann drei oder vier Jahre auf der Bank sitzt und auf seinen Einsatz wartet. Wenn man im Handball auf Dauer zu den Spitzenmannschaften gehören will, dann braucht man zwei starke Torhüter. Und Heine ist der deutsche Nationaltorwart.

Frage: Also sind Sie auch froh über seinen Wechsel?

Stochl: Heines Anwesenheit motiviert mich natürlich. Ich muss jeden Tag mein Bestes geben und immer besser werden, weil ich sonst nicht spiele. Und so gesehen ist es für mich sehr gut, dass er da ist.

Heinevetter: Das gilt andersherum auch. Wir machen uns gegenseitig besser.

Frage: Im Handball wechselt ein Trainer seine Torhüter auch mal während des Spiels. Ist der Konkurrenzkampf dadurch weniger verbissen als im Fußball?

Heinevetter: Man wird ja nicht ohne Grund ausgewechselt. Und dann setzt man sich eben nicht auf die Bank und ist sauer, sondern versucht, dem anderen Tipps zu geben und ihn zu unterstützen.

Frage: Was bei Oliver Kahn während der WM 2006 als Heldentat empfunden wurde.

Heinevetter: Man will dem anderen ja nichts Böses, im Gegenteil: Wir wollen alle gewinnen. Und am Ende der Saison fragt niemand, wer von uns jetzt welchen Ball gehalten hat.

Frage: Trotzdem sitzen Sie nicht gerne auf der Bank.

Heinevetter: Natürlich will man mehr spielen oder immer. Glücklich ist man nie, wenn man auf der Bank sitzt. Aber viel wichtiger als die eigenen Empfindlichkeiten ist der Erfolg der Mannschaft. Wenn wir gewinnen, dann muss ich mich als Person oder als einzelner Sportler eben dem Gesamterfolg unterordnen.

Frage: Und wenn Ihre Mannschaft dabei ist, zu verlieren?

Heinevetter: Wenn man selbst nicht spielt und es läuft immer noch nicht, dann kommen natürlich die Empfindlichkeiten hoch. Das würde dann im Handball aber nie so hochgepuscht werden wie bei Kahn und Lehmann. Aber das war ja auch ein Aufprall von zwei sehr verschiedenen Torwarttypen – Kahn, der Torwart, und Lehmann, der Spieler.

Frage: Ihre Spielweise unterscheidet sich doch auch sehr.

Heinevetter: Ach, so unterschiedlich sind wir jetzt auch nicht. Wir sind ähnlich groß und haben dadurch auch ungefähr den gleichen Stil. Nicht so wie bei einem großen Torwart und einem kleinen.

Frage: Herr Stochl, wie würden Sie Heinevetters Stil beschreiben?

Stochl: Ich glaube, es spielt sonst niemand wie er. Heine hält die Bälle oben mit dem Fuß und unten mit der Hand, manchmal wirklich sehr unorthodox.

Heinevetter: Das eine ist ja nicht besser und das andere schlechter. Wichtig ist nicht, wie du hältst, sondern ob du hältst. Da ist der Torwartstil ganz egal. Ich kann nicht halten wie Petr, und Petr nicht wie ich. Jeder hat da seine Eigenheiten.

Stochl: Was ich bei Heine ziemlich imponierend finde, ist sein Kopf. Er ist psychisch unglaublich stark. Das ist für einen Torwart sehr wichtig. Seine extremen Emotionen helfen ihm natürlich bei den entscheidenden Bällen.

Frage: Haben Sie davon etwas übernehmen können für Ihr eigenes Spiel?

Stochl: So etwas kann ich mir nicht abgucken oder einfach nachmachen. Das ist eine Charakterfrage, und ich bin ein ganz anderer Typ. Diese Situationen sind Heines Stärke. Ich habe dafür andere Stärken.

Frage: Wann teilt Ihnen Trainer Dagur Sigurdsson mit, wer das jeweils nächste Spiel im Tor stehen wird?

Stochl: Manchmal einen Tag vor dem Spiel, manchmal erst in der Halle.

Frage: Am Donnerstag und im Rückspiel am kommenden Sonntag in der EM-Qualifikation werden Sie nun beide von Beginn an spielen. Petr Stochl im tschechischen Nationalteam, Silvio Heinevetter im deutschen. Auch mal ganz schön, oder?

Stochl: Es ist schon eine besondere Situation, das stimmt. Die Spiele sind sportlich aber auch sehr wichtig, beide Mannschaften haben gegen Montenegro verloren und brauchen die Punkte.

Frage: Wissen Sie eigentlich bereits nach den ersten Bällen, ob das Ihr Tag wird?

Heinevetter: Rein theoretisch, ja. Es geht aber nicht nur um die eigene Leistung. Du musst dem Gegner von Anfang an deutlich machen, dass du heute gut drauf bist und dass es schwer wird für ihn, gegen dich zu treffen. Natürlich haben sie dann mehr Respekt vor dir und denken bei dem einen oder anderen Wurf vielleicht einmal zu lange nach.

Stochl: Es gab schon Tage, da hatte ich vor dem Spiel ein super Gefühl – und dann habe ich gar nichts gehalten.

Leserkommentare
  1. ich denke auch dass der unkonwentionele Stil von S. Heinevetter ein wichtiger Grund für seinen Erfolg als Sportler ist. Feldspieler müssen sich mit Sicherheit erst auf ihn einstellen, wenn das überhaupt möglich ist. Er hat ja selbst an anderer Stelle das "zu lange Nachdenken" der Feldspieler vor einem Wurf angesprochen. Das ist jedenfalls meine Meinung, als ehemaliger Handballtorwart. Und bitte mehr Artikel dieser Art :-)

  2. Der Heini und der Stochi koennen sich offensichtlich nicht besonders gut leiden. Kann ich auch verstehen. Weil es gibt nix unerotischeres als nen Handballtorwart. Mit Sackschuzz und ganz in Flanell gekleidet. Komm hoer mir auf mit Handballtorwartgeschichten. Echt!

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  • Schlagworte Oliver Kahn | Silvio Heinevetter | Handball | Bank | Fußball | Montenegro
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