Schach: Magnus Carlsen knetet, fegt, zittert – und gewinnt dann doch
Trotz einiger Zitterpartien gewinnt der 22-jährige Magnus Carlsen das WM-Kandidatenturnier. Nun darf er gegen den Weltmeister Viswanathan Anand antreten.
© Oli Scarff/Getty Images

Magnus Carlsen (l.) spielt beim Kandidatenturnier gegen Alexander Grischuk
Magnus Carlsen hat es geschafft, aber der fast dreiwöchige Kampf gegen sieben Konkurrenten hat auch ihn geschafft. Auf der Pressekonferenz am Ostermontag wollte der 22-jährige Norweger von Siegesfeiern nichts wissen, sondern nur noch ins Hotel und ins Bett. Er hat zwar das Londoner WM-Kandidatenturnier gewonnen und damit das Recht errungen, den Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien zum Zweikampf herauszufordern. Doch um ein Haar wäre aus dem Favoriten ein tragischer Held geworden, als er in der 14. und letzten Runde mit Weiß dem Russen Peter Svidler unterlag.
Hätte Wladimir Kramnik seine Partie gegen Iwantschuk gewonnen oder auch nur remis gehalten, wäre Carlsen Zweiter geworden. Aber auch Kramnik verlor gegen den unberechenbaren Ukrainer, der zwischen unglaublicher Brillanz und unfassbarem Versagen pendelte. Fünf Partien verlor Iwantschuk durch Zeitüberschreitung, weil seine Stellungen so komplex waren, dass ihm zwei Stunden Bedenkzeit für vierzig Züge nicht reichten. Er grübelte und grübelte – manch ein Hobbyschachspieler mochte sich in seiner Entschlusslosigkeit wiedererkennen.
Carlsen war, obwohl der Jüngste und daher Unerfahrenste, als Favorit ins Turnier gegangen. Anfangs hatte er wenig auszustehen. Er hielt seine Partien unentschieden oder konnte ohne große Mühen gewinnen. Mehr Aufsehen erregte da der Armenier Lewon Aronian, der groß aufspielte. Zur Halbzeit lagen beide mit beachtlichen 1,5 Punkten Vorsprung in Führung.
Der dritte Anwärter auf den Turniersieg, der ehemalige Weltmeister Wladimir Kramnik, hatte bis dahin zwar nichts verloren, tat sich trotz hervorragender Stellungen mit dem Gewinnen aber schwer. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des Turniers, als er zum Spitzenduo aufschloss. Aronian hielt der nervlichen Anspannung offenbar nicht stand und verlor seine Partien in der 9. und 11. Runde. In der 12. Runde schlug ihn dann auch noch Kramnik. Weil Carlsen zugleich gegen Ivantschuk verlor, lag Kramnik plötzlich in Führung – ohne Verlustpartie. Alles schien jetzt auf ihn zuzulaufen.
Ein Stöhnen ging durch die Schachwelt. Kramnik als Weltmeister war ein Langweiler, der nur noch auf Sicherheit spielte und nichts mehr zeigte. So einen wünscht man sich ja nicht zurück. Nur in Russland freute man sich; die stärkste Schachnation der Welt will endlich wieder den Weltmeister stellen.
In der 13. Runde gelang Kramnik gegen den Israeli Boris Gelfand dann nur ein Remis, während Carlsen einmal mehr das Unmögliche vollbrachte und mit Schwarz eine sehr remisverdächtige Stellung knetete und knetete, bis der Aserbaidschaner Teimur Radjabow Schwächen zeigte. Carlsen fegte den Weltranglistenvierten vom Brett, und nun hing alles an der letzten Runde.
Sie hätte dramatischer kaum sein können. Peter Swidler mit Schwarz nutzte eine Ungenauigkeit aus, brach Carlsens Königstellung auf, opferte einen Läufer und siegte mit einem Bauernsturm. Iwantschuk hingegen ließ seine Genialität aufblitzen statt zu grübeln und es war nun Kramnik, der in einer Partie seines Lebens nicht mehr durchblickte.
Am Ende hatten Carlsen wie Kramnik 8,5 Punkte aus 14 Partien. Gegeneinander hatten sie zweimal unentschieden gespielt. Das Reglement sieht für diesen Fall vor, dass die höhere Zahl der Gewinnpartien im Turnier den Ausschlag gibt. Carlsen hat fünfmal gewonnen, Kramnik nur viermal. Man hat diese Bestimmung einst eingeführt, um die Spieler zu aktivem Spiel zu ermuntern. Aus Kramniks Sicht ist das mehr als bitter: Er hat fantastisch gespielt, ist punktgleich Erster und nach Wertung doch nur Zweiter.
Millionen Schachspieler haben den Kampf in London übers Internet verfolgt. Das Turnier ließ keine Wünsche offen, was Kampfgeist, Eröffnungsüberraschungen und taktische Gemetzel angingen. Auch der Titelkampf verspricht nun etwas ganz Besonderes zu sein: Mit Anfang zwanzig einen Weltmeister herauszufordern, das gelang bisher nur dem legendären Garri Kasparow.
Das Match soll im November stattfinden, ob in Norwegen oder Indien oder anderswo steht noch nicht fest.









(diesen Tipper bitte nicht korrigieren - ist sehr schön so)
Liebe/r Helfe Ihnen,
diesen Gefallen können wir Ihnen leider nicht tun.
Aber danke für den Hinweis.
Viele Grüße aus der Redaktion
Christian Spiller
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Christian Spiller
Bananaware hat man früher gesagt.
Die Ware reift beim Kunden.
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Schade dass es für Aranion nicht gereicht hat, wäre mein Favorit gewesen. Iwantschuk ist für mich aber der Spieler des Turniers.
Es war nach der 10. Runde: Ivantschuk spielte mit Schwarz gegen den Mitfavoriten Aronian das Budapester Gambit, das unter Spitzenspielen einen zweifelhaften Ruf genießt, und verlor nach nur 30 Zügen (!) auf Zeit. In der anschließenden Pressekonferenz gab es mehr oder weniger sanft formulierte Kritik von Kramnik und Carlsen, dass dieses Verhalten am Ende das Turnier entscheiden könnte.
Ich denke, Ivantschuk hat die perfekte Antwort am Brett gefunden.
Carlsen wirkte in der letzten Runde erschöpft, fast schon blockiert. Man konnte förmlich spüren, wie unsicher er war, ob ein Remis reichen würde. Klar, er sieht, dass Kramnik gegen Ivantschuk schlecht steht, er sieht aber auch, dass Ivantschuk wieder einmal horrende Zeitnot hat. Carlsen schien dies zu quälen, er investierte viel Zeit in seiner gleich stehenden Partie, um vielleicht doch noch etwas zu finden und etwas herauszupressen. Viel Zeit, alleine er fand nichts. In knapper Zeit hat Carlsen dann überzogen.
Kramnik wirkte reifer und stabiler. Er hatte einfach Pech, dass Ivantschuk einen grandiosen Tag gegen ihn erwischt hat. Natürlich, hätte Kramnik geahnt, dass ein Remis reichen würde, er hätte sicherlich eine andere Eröffnung gewählt.
Alles in allem: Eine superspannende Schlussrunde im Live-Ticker, da freut man sich schon auf die WM.
...mehr als nur einen Sieger verdient.
Nur: was mich etwas verwundert, dass die Spieler nach 'nur' 14 Runden allesamt müde bis K.O. wirken und sicherlich auch sind. Wenn ich da an frühere Turniere (Interzonenturnier, Kandidatenturnier) um die WM denke, wurden teilweise wesentlich mehr Runden gespielt (und damals noch mit Hängepartien!).
Vielleicht lässt sich die Müdigkeit durch die Leistungsdichte erklären. I don't know.
Jedenfalls war es sehr spannend - und die Live-Kommentare der Engländer klasse, war ja schon fast Fussball-Stimmung. Also warum nicht die WM in London?!
Das war mit Abstand das spannendste Schachturnier, das ich bis jetzt verfolgt habe! Ungewissheit bis zum letzten Zug!
Über das Ergebnis kann man streiten - ich bin damit glücklich. Der kämpferische Carlsen wird Anand auf jeden Fall wesentlich mehr herausfordern als Gelfand letztes Jahr.
Ein zu wenig beachteter Gewinner des Turniers ist Peter Svidler, der auf einen grandiosen dritten Rang kam, über 18 ELO-Punkte dazugewann und auf der Live-Weltrangliste jetzt auf Platz 11 steht.
Sieger der Herzen ist für mich aber Ivantschuk mit seiner Botschaft: "Ich kann jeden hier besiegen, ich will es nur nicht!"
Hier spielt die Kommentarfunktion mir wilde Streiche ...
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