Magnus Carlsen hat es geschafft, aber der fast dreiwöchige Kampf gegen sieben Konkurrenten hat auch ihn geschafft. Auf der Pressekonferenz am Ostermontag wollte der 22-jährige Norweger von Siegesfeiern nichts wissen, sondern nur noch ins Hotel und ins Bett. Er hat zwar das Londoner WM-Kandidatenturnier gewonnen und damit das Recht errungen, den Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien zum Zweikampf herauszufordern. Doch um ein Haar wäre aus dem Favoriten ein tragischer Held geworden, als er in der 14. und letzten Runde mit Weiß dem Russen Peter Svidler unterlag.

Hätte Wladimir Kramnik seine Partie gegen Iwantschuk gewonnen oder auch nur remis gehalten, wäre Carlsen Zweiter geworden. Aber auch Kramnik verlor gegen den unberechenbaren Ukrainer, der zwischen unglaublicher Brillanz und unfassbarem Versagen pendelte. Fünf Partien verlor Iwantschuk durch Zeitüberschreitung, weil seine Stellungen so komplex waren, dass ihm zwei Stunden Bedenkzeit für vierzig Züge nicht reichten. Er grübelte und grübelte – manch ein Hobbyschachspieler mochte sich in seiner Entschlusslosigkeit wiedererkennen.

Carlsen war, obwohl der Jüngste und daher Unerfahrenste, als Favorit ins Turnier gegangen. Anfangs hatte er wenig auszustehen. Er hielt seine Partien unentschieden oder konnte ohne große Mühen gewinnen. Mehr Aufsehen erregte da der Armenier Lewon Aronian, der groß aufspielte. Zur Halbzeit lagen beide mit beachtlichen 1,5 Punkten Vorsprung in Führung.

Der dritte Anwärter auf den Turniersieg, der ehemalige Weltmeister Wladimir Kramnik, hatte bis dahin zwar nichts verloren, tat sich trotz hervorragender Stellungen mit dem Gewinnen aber schwer. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des Turniers, als er zum Spitzenduo aufschloss. Aronian hielt der nervlichen Anspannung offenbar nicht stand und verlor seine Partien in der 9. und 11. Runde. In der 12. Runde schlug ihn dann auch noch Kramnik. Weil Carlsen zugleich gegen Ivantschuk verlor, lag Kramnik plötzlich in Führung – ohne Verlustpartie. Alles schien jetzt auf ihn zuzulaufen.

Ein Stöhnen ging durch die Schachwelt. Kramnik als Weltmeister war ein Langweiler, der nur noch auf Sicherheit spielte und nichts mehr zeigte. So einen wünscht man sich ja nicht zurück. Nur in Russland freute man sich; die stärkste Schachnation der Welt will endlich wieder den Weltmeister stellen.

In der 13. Runde gelang Kramnik gegen den Israeli Boris Gelfand dann nur ein Remis, während Carlsen einmal mehr das Unmögliche vollbrachte und mit Schwarz eine sehr remisverdächtige Stellung knetete und knetete, bis der Aserbaidschaner Teimur Radjabow Schwächen zeigte. Carlsen fegte den Weltranglistenvierten vom Brett, und nun hing alles an der letzten Runde.

Sie hätte dramatischer kaum sein können. Peter Swidler mit Schwarz nutzte eine Ungenauigkeit aus, brach Carlsens Königstellung auf, opferte einen Läufer und siegte mit einem Bauernsturm. Iwantschuk hingegen ließ seine Genialität aufblitzen statt zu grübeln und es war nun Kramnik, der in einer Partie seines Lebens nicht mehr durchblickte.

Am Ende hatten Carlsen wie Kramnik 8,5 Punkte aus 14 Partien. Gegeneinander hatten sie zweimal unentschieden gespielt. Das Reglement sieht für diesen Fall vor, dass die höhere Zahl der Gewinnpartien im Turnier den Ausschlag gibt. Carlsen hat fünfmal gewonnen, Kramnik nur viermal. Man hat diese Bestimmung einst eingeführt, um die Spieler zu aktivem Spiel zu ermuntern. Aus Kramniks Sicht ist das mehr als bitter: Er hat fantastisch gespielt, ist punktgleich Erster und nach Wertung doch nur Zweiter.

Millionen Schachspieler haben den Kampf in London übers Internet verfolgt. Das Turnier ließ keine Wünsche offen, was Kampfgeist, Eröffnungsüberraschungen und taktische Gemetzel angingen. Auch der Titelkampf verspricht nun etwas ganz Besonderes zu sein: Mit Anfang zwanzig einen Weltmeister herauszufordern, das gelang bisher nur dem legendären Garri Kasparow.

Das Match soll im November stattfinden, ob in Norwegen oder Indien oder anderswo steht noch nicht fest.