Depressionen im FußballMarkus Miller, der Torwart aus der Klinik

Im Herbst 2011 ließ sich Markus Miller wegen Depressionen behandeln. Nach seiner Rückkehr bewahrt er eine kritische Distanz zum Profisport. von 

Hannovers Torwart Markus Miller

Hannovers Torwart Markus Miller  |  © Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Dieser kurze Fußmarsch vom Trainingsplatz zurück zum Stadion kann stolz machen oder Selbstvertrauen kosten. Ron-Robert Zieler, der Nationaltorhüter im Team von Hannover 96, wird ständig von Fans und Autogrammjägern verfolgt. Markus Miller, sein stiller Stellvertreter, darf den etwa zweiminütigen Gang in die Umkleidekabine meistens unbehelligt antreten.

Das Getöse der Bundesliga ist in Hannover in diesen Tagen wieder besonders laut. Sie haben ihren Geschäftsführer Jörg Schmadtke verloren, der entnervt aufgegeben hat. Sie verloren ihr so wichtiges Heimspiel gegen den Meister Bayern München am Samstag 1:6. Da wird es eine Randnotiz bleiben, dass Miller gerade seinen Vertrag um zwei Jahre verlängerte. "Ich bin hier ein Teil von etwas Großem. Kein großer Teil, aber ich bin ein Teil davon", sagt der 31-Jährige.

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Miller arbeitet seit fast drei Jahren bei Hannover 96. Er hat in dieser Zeit ein einziges Pflichtspiel bestreiten dürfen und ist doch berühmt. Man kennt ihn als diesen Profi, der mitten in einer Saison wegen mentaler Erschöpfung in eine Klinik musste.

Seine Rolle klingt undankbar. "Miller bleibt Zielers Schatten", hat das Fußball-Fachmagazin kicker gerade kühl und sachlich getitelt. Man könnte sich vor den bohrenden Fragen, wie sich ein ehrgeiziger, einst erfolgreicher Profi angesichts dieses Schattendaseins fühlt, verstecken und in Selbstmitleid zerfließen. Miller macht das nicht.

Lernen, mit Enttäuschungen umzugehen

Er musste mit therapeutischer Hilfe lernen, wie er mit Enttäuschungen umgeht. Im September 2011 hatte er nach Absprache mit seinem Verein ein öffentliches Bekenntnis abgelegt und sich eine elfwöchige Pause unter ärztlicher Aufsicht genommen. Verletzungen hatten ihn zurückgeworfen, Schmerzmittel mussten ihn durch den Trainingsalltag bringen, in seinem Kopf türmte sich eine riesige Last. "Der Körper hat nicht mehr mitgemacht. Irgendwann bin ich morgens mit dem Auto zu meinem Traumberuf gefahren und habe mich vor einer unlösbaren Aufgabe gesehen. Es war, als ob mein Gehirn verklebt", erzählt Miller.

In Hannover hatten sie großes Verständnis für seine Erkrankung und haben ihm den Rücken gestärkt. Ein Klub, in dessen Obhut sich Robert Enke am 10. November 2009 wegen schwerer Depressionen das Leben genommen hat, muss für die Sorgen seiner Angestellten besonders sensibilisiert sein. Die Vereinsführung hatte nach der Verarbeitung der Trauer um Enke von der Mehrheit der 96-Spieler signalisiert bekommen, dass sie ihren eigenen Weg gehen möchten. Deshalb gehört auch Hannover 96 zu jenen 16 Vereinen der 1. Bundesliga, die auf eine dauerhafte Zusammenarbeit mit Sportpsychologen verzichten.

"Ich kann die Berührungsängste der Vereine mit dem Thema Depressionen verstehen", sagt Miller. Er hatte lange überlegt, ob er lieber schweigen und lügen soll, bevor er sich mit seiner Erkrankung in die Öffentlichkeit gewagt und damit seine Karriere aufs Spiel gesetzt hatte. Enke hatte geschwiegen.

Leserkommentare
  1. Ich möchte hier ein Beispiel geben, das aus meinen Online-Spielen herrührt. Ich spiele diese berüchtigten Egoshooter aber auch Schach. Wenn man sich dann noch vorstelt, man sei existenziell von seiner Leistung abhängig, ist klar, wie potenziert die Probleme werden können.
    Ähnliches gilt auch in der Kunst, übrigens.
    In allen Berufen, die auf eigenen Talenten basieren.

    Im Schach ganz besonders ist die Anspannung gross. Jeder Zug, jede Unkonzentrietheit, die Augenblicke, wo man eine Stellung in einer Weise einschätzt, die in der Folge falsche Strategieschwerpunkte setzt, kann die Niederlage bringen. Nach zwei oder drei Blitz.Partien bin ich wirklich geschlaucht.

    Und im Egoshooter, ein Spiel, das generell unterbewertet wird, aufgrund der Anforderungen an die Intelligenz (ja), gehts u.a. darum einen guten Eindruck zu machen. Gegenüber den anderen Spielern, mit seiner eigenen Score.
    An sich wird in diesem Egoshooter eine stark marsianische Komponente gespiegelt, steht also in symbolischen Bezug zum Mars, den die Astrologen als Planet der Durchsetzung kennen. Die Konkurrenzgesellschaft unterliegt ebenso diesem Mars, wie jeder Wettkampf-Sport. Wir haben diesen Eifer im Blut, deswegen leben wir ja auch in der Konkurrenzgesellschaft und brauchen entsprechende Tätigkeiten.
    Nur kann man nicht immer mithalten. Man wird schnell erkannt als "noob" (Versager) oder als Könner. Wer dauernd der Versager bleibt, macht nicht lange das Spiel mit. Es braucht noch nicht mal Häme geben.

  2. Nun ist dieses Gefühl ein Versager zu sein, gerade entscheidend. Niemand ist ein Versager. Aber wir werden dazu gemacht, nicht nur durch die Gegenwart. Im Spiel ist es lächerlich, sich dazu viel zu machen. Aber im wirklichen Existenzkampf, fühlt man sich zugleich auch ausgestossen.
    Ich weiss nicht, wie das ist bei Miller oder gewesen ist bei Enke.
    Wenn es in der Tat eine Depression war, dann meine ich, liegen die wahren Gründe in der Art, wie wir erzogen wurden. Ich hatte auch meine Depression, als ich damals mit 22 begann, meinen Weg finden zu wollen, weil ich eine entsprechende Kindheit hatte-. Das genügte bereits. In dieser Kindheit wurde mir dauernd gesagt, du bist nicht wert, wenn du nicht.... - also Bedingungen wurden aufgestellt, die man sehr stark psychologisch übernommen hat. Das ganze Selbst-Sein oder was man dafür hält, wird meiner Ansicht nach in Depressionen schon früh untergraben und mag erst sehr viel später ausbrechen.

  3. Ich halte es für eine menschlich sehr reife Leistung in unserer kranken Ego-Leistungsgesellschaft eine Schwäche zuzugeben. Das ist souverän und mutig. Ich glaube, dass Menschen, die auf eine Überforderung mit Depressionen und nicht mit Verdrängung reagieren die psychisch weitaus Gesünderen sind.

    Jiddu Krishnamurti: "Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein."

    2 Leserempfehlungen
  4. Klarer kann man den "Wert" eines Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft nicht ausdrücken.

    Kenne das ganze leider nur zu gut und wünsche Herrn Miller alles Gute für die Zukunft !

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