BasketballDie Frau, die NBA-Trainerin werden möchte

Per Zufall verschlug es Natalie Nakase auf die Trainerbank. Zunächst in Wolfenbüttel, dann in Tokio. Nun will sie als erste Frau ein NBA-Team trainieren. Von T. Jochheim von 

Natalie Nakase

Natalie Nakase  |  © Kevin Grey

Die beste Basketball-Liga der Welt ist ein Produkt, das ständig optimiert wird. Es gibt nichts, was in der NBA nicht schon einmal ausprobiert wurde – außer einem weiblichen Trainer. Eine Ausnahme gab es, 1996, doch diese Revolution war nach 100 Minuten vorbei und fand nur auf der Kinoleinwand statt.Eddie hieß die Komödie, in der Whoopi Goldberg mit den New York Knicks immerhin die Play-Offs erreichte.

Natalie Mitsue Nakase sagt, sie habe den Film nie gesehen. Die Kalifornierin ist 32 Jahre alt, 1,58 Meter groß, die Tochter eines japanischstämmigen Gärtners, hat schon deutsche und japanische Basketballteams trainiert, kann fluchen wie ein Seemann und will die erste Frau werden, die ein NBA-Team trainiert. "Mein Geschlecht war nie ein Thema", sagt sie.

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Wer Nakase zwischen den riesigen Spielern des NBA-Teams Los Angeles Clippers, der Mannschaft der Stunde, herumwuseln sieht, könnte sie für ein Cheerleader halten, aber irrt. Nakase macht ein Jahrespraktikum in der Videoabteilung des Teams. Sie weiß das zu schätzen, begreift diesen Job aber doch nur als Durchgangsstation, als Fuß in der Tür zu den Räumen des Coaching-Teams. "Was ich hier lerne, ist unbezahlbar", sagt sie.

Nakase hat erst Feierabend, wenn jeder Spielzug der vorherigen und zukünftigen Gegner und jede Eigenheit jedes Spielers katalogisiert sind. Zwischendurch spielt sie Ballmädchen für die Stars. Freie Stunden sind selten. Pionierarbeit ist furchtbar unglamourös. Wenn sie Freizeit hat, fährt sie an den Strand. Wie jeden Morgen um 6.30 Uhr. Nicht, um den Sonnenaufgang zu bewundern. Sondern um die Treppen zu den Dünen hinaufzusprinten.

Ihre Motivation ist unheimlich. Ihr Twitter-Feed quillt über vor Botschaften wie "Workout more ~ sleep less :) #tryit" und Fotos von Büchern über Positives Denken. Dazu die Retweets: weise Worte von Einstein und den Alten Griechen, Markiges von Michael Jordan und Küchenpsychologisches von Oprah Winfrey. Die Twitterei betreibt Nakase mit der gleichen Strebsamkeit wie jeden anderen Teil ihres Lebens. Dieses Pathos, diesen heiligen Ernst hinter dem Zahnpasta-Lächeln kann man leicht als typisch amerikanisch verspotten. Aber der Verzicht auf ironische Distanz verlangt Selbstbewusstsein. Und das verleiht Autorität. Es ist ein positiver Nebeneffekt ihrer ganz eigenen Art.

2012 Natalie Nakase Profile Piece from Raajik Shah on Vimeo.

Jeder Chef braucht Autorität – erst recht, wenn seine Angestellten im Schnitt 5 Millionen Dollar verdienen. Der typische NBA-Coach zieht diese Autorität aus der eigenen Profi-Vergangenheit. Nakase hat ebenfalls professionell gespielt, aber nicht in den legendären, großen Hallen wie dem New Yorker Madison Square Garden, sondern beim Damen-Bundesligateam in Herne. 2008 war das Knie kaputt, sie konnte nicht mehr spielen.

Als der Liga-Konkurrent Wolfenbüttel einen Trainer suchte, witterte Nakase ihre Chance. Als Übergangslösung wurde sie verpflichtet. Nina Hartwich, die heute wie damals dort spielt, erinnert sich an viele innovative und vor allem harte Trainingseinheiten: "Natalie hat quasi in der Halle gelebt." Dass es ihre erste Trainerstation war, erwähnte Nakase gegenüber den Spielerinnen nicht. Sportlich blieben die Wolfenbüttel Wildcats in den eineinhalb Saisons unter Nakase im Mittelfeld, weit weg vom Abstieg, aber auch von der Tabellenspitze.

In ihre Wohnung in L.A., die sich Nakase mit ihrer Schwester teilt, kommt sie nur zum Schlafen und zum Fernsehen: Irgendeines der 30 NBA-Teams spielt täglich, die Zeitverschiebung innerhalb der USA sorgt für Materialnachschub und damit auch Arbeit vom frühen Abend bis zum Morgengrauen. Dazu kommen Wiederholungen von Klassikern, Highschool- und College-Partien. Es hört nie auf. "Die meisten meiner Freunde verstehen mich nicht wirklich", sagte Nakase einmal. "Sie fragen immer: 'Willst du nicht ausgehen? Oder irgendetwas anderes?' Ich sage dann nur: 'Nö.'"

"Wer hart genug arbeitet, kann alles schaffen", sagt Nakase. Die Floskel des einen ist das Mantra des anderen, und Nakases Erfolge als Spielerin geben ihr recht. Am Ende ihrer Schulzeit hatte sie ein Vollstipendium für ein unbekannteres College abgelehnt, um an der berühmten University of California in Los Angeles (UCLA) studieren und vor allem spielen zu können. Ein befreundeter Trainer erklärte sie für verrückt: "Du wirst es dort niemals ins Team schaffen". Erst kamen die Tränen, dann der Trotz. Nakase sagte zu, trainierte wie besessen, erkämpfte sich das Recht zu bleiben. In ihren letzten drei Jahren bis zum Abschluss in Psychologie führte sie die traditionsreiche Mannschaft als Kapitänin an.

Es folgten Stationen als erste Spielerin asiatischer Herkunft in der amerikanischen Liga NWBL und, nach den Jahren in Deutschland, der Job als erster weiblicher Coach im tiefkonservativen Japan. Dort übernahm sie das Ehrenamt als Trainerin beim All-Star-Game 2012, dem mit 14.000 Zuschauern bestbesuchten Spiel der japanischen Geschichte. Die fast religiöse Einstellung der Japaner zur Arbeit färbte auf Nakase ab. "Jede Sekunde" des Tages zu nutzen habe sie im Land ihrer Vorfahren gelernt, sagt sie heute, und: "Es hat sich geradezu natürlich für mich angefühlt, Männer zu trainieren". Auch die Spieler sagen, Nakases leidenschaftliche Art hätte alle anfänglichen Zweifel schnell zerstreut.

Leserkommentare
  1. Viel Glück und viel Erfolg, Natalie Nakase!

    2 Leserempfehlungen
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    Man kann sich ihnen da nur anschließen.

    Was die Feministen denken sollte man keine Beachtung schenken die schießen gerne mal über das Ziel hinaus. (Zur Vorbeugung, es gibt Dinge da haben sie recht aber mit solchen Sachen diskreditieren sie sich selbst jede Frau sollte frei ihre Entscheidungen treffen ob sie nun Krankenschwester oder Ingenieur werden möchte oder halt NBA Trainer bei den Männern ohne das andere Frauen sich echauffieren.
    Und ja das Phänomen ist nicht nur bei Feministen zu finden.)

  2. Man kann sich ihnen da nur anschließen.

    Was die Feministen denken sollte man keine Beachtung schenken die schießen gerne mal über das Ziel hinaus. (Zur Vorbeugung, es gibt Dinge da haben sie recht aber mit solchen Sachen diskreditieren sie sich selbst jede Frau sollte frei ihre Entscheidungen treffen ob sie nun Krankenschwester oder Ingenieur werden möchte oder halt NBA Trainer bei den Männern ohne das andere Frauen sich echauffieren.
    Und ja das Phänomen ist nicht nur bei Feministen zu finden.)

  3. ist die etwas ausfuehrlichere Version (vielleicht gar das Original?), dieses Artikels hier nachzulesen:
    http://espn.go.com/espn/e...

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    Freier Autor

    Lieber elChileno,

    das von Ihnen genannte Porträt war tatsächlich eine der Hauptquellen, neben direktem Kontakt zur Protagonistin – deswegen war uns auch wichtig, im Text darauf zu verlinken.

    Weitere gute englischsprachige Texte, die teils als Quellen dienten, sind
    - http://articles.latimes.c...
    - http://www.japantimes.co....
    - http://ajw.asahi.com/arti...
    - http://mochimag.com/2013/...
    - http://onlyagame.wbur.org...

    Nakases ehemaliger Klub Wolfenbüttel Wildcats ist derweil Deutscher Meister geworden – und vor zwei Wochen nur knapp an der Insolvenz vorbeigeschrammt und zwangsabgestiegen:
    - http://www.zeit.de/news/2...
    - http://newsticker.sueddeu...
    - http://www.braunschweiger...

  4. Freier Autor

    Lieber elChileno,

    das von Ihnen genannte Porträt war tatsächlich eine der Hauptquellen, neben direktem Kontakt zur Protagonistin – deswegen war uns auch wichtig, im Text darauf zu verlinken.

    Weitere gute englischsprachige Texte, die teils als Quellen dienten, sind
    - http://articles.latimes.c...
    - http://www.japantimes.co....
    - http://ajw.asahi.com/arti...
    - http://mochimag.com/2013/...
    - http://onlyagame.wbur.org...

    Nakases ehemaliger Klub Wolfenbüttel Wildcats ist derweil Deutscher Meister geworden – und vor zwei Wochen nur knapp an der Insolvenz vorbeigeschrammt und zwangsabgestiegen:
    - http://www.zeit.de/news/2...
    - http://newsticker.sueddeu...
    - http://www.braunschweiger...

    Antwort auf "Fuer anglophone Leser"

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