Paolo Di CanioDer schwierige Umgang mit dem Faschisten auf der Trainerbank

Paolo Di Canio, Fußballtrainer und Faschist, verursacht in England einen Skandal. Wie zu seiner Zeit als Spieler könnte er das für seine Karriere nutzen.

Paolo Di Canio posiert mit einem Sunderland-Fußball.

Paolo Di Canio posiert mit einem Sunderland-Fußball.

Paolo Di Canio hat als Kind oft eingepullert, bis er zehn oder elf Jahre alt war. Die Familie wohnte damals in einem armen Viertel Roms, er musste mit seinem älteren Bruder in einem Bett schlafen. Das beschreibt er in seiner Biografie. Das Buch ist 13 Jahre alt, aber dieser Tage brisant wie lange nicht mehr.

Der ehemalige Fußballstar Paolo Di Canio gilt als bekennender Faschist. Als er noch selbst spielte, hat er seine Fans im Stadion mehrmals mit ausgestrecktem rechten Arm gegrüßt. In Deutschland nennt man das Hitlergruß. In Italien erinnert es an Benito Mussolini, den ehemaligen Führer Italiens. Auf Di Canios Oberarm prangt ein Tattoo, das eben diesem huldigt. Di Canio ist stolz darauf. Er leugnet seine Neigungen zu Mussolini nicht. Als hässlichste Fratze des Fußballs wurde er deshalb oft bezeichnet. Und dieses Gesicht wird ab jetzt einen Verein der englischen Premier League vertreten.

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Der AFC Sunderland schaffte es vor Ewigkeiten als erstes britisches Team dreimal die Meisterschaft zu gewinnen. In den vergangenen Jahren spielte der Traditionsverein mal in der ersten, mal in der zweiten Liga. Dieser Tage geht die Abstiegsangst beim Tabellensechzehnten wieder um. Der bisherige Coach musste deshalb am Osterwochenende seinen Posten räumen, und Di Canio folgte als neuer Trainer.

Di Canio war nie der Beste

Ein Faschist mit Führer-Tattoo auf der Trainerbank? Nein, Danke! So lautet die tugendreiche Antwort auf diese Geschichte. Doch es gibt ihn nun mal, auch wenn es ihn nicht geben sollte, gerade im Fußball, wo Helden und Identifikationsfiguren schneller erschaffen werden, als in vielen anderen Gesellschaftsteilen.

Unmittelbar nach dem Wechsel trat der ehemalige Außenminister Großbritanniens David Miliband von seinem Posten als Vorstandsmitglied des Vereins zurück. Der Chef des Netzwerks Fußball gegen Rassismus in Europa (Fare) klagte über den "ersten faschistischen Trainer" in Englands erster Fußballliga. Das Wort Skandal war in vielen englischen und deutschen Medien zu lesen. Das ist einerseits gut, gehört der Entschluss der Vereinsführung von Sunderland doch verurteilt. Andererseits profitiert Di Canio auch davon.

45 Jahre wird der Römer in diesem Sommer alt. Mit 17 begann seine Profikarriere bei Lazio Rom. Der Stürmer spielte für zehn Vereine, darunter große Namen wie Juventus Turin, AC Mailand und West Ham United. Ein ehemaliger Trainer in West Ham sagte einmal, andere Fußballer würden Geld bezahlen, um einen wie ihn nur trainieren sehen zu dürfen. Das klingt nach einem Helden, ist aber sehr übertrieben.

Di Canio war ein guter, vor allem ehrgeiziger Stürmer, aber der beste war er nie. In die italienische Nationalelf schaffte er es nicht. Aber durch seine skandalösen Auftritte war er zeitweise prominenter als viele Nationalspieler.

"Wie schön, dieser Gruß."

Als er für seinen Heimatverein Lazio Rom Tore schoss, inszenierte er sich nicht nur als Stürmer: Er war Spieler und Fan zugleich. Er war einer der Irriducibili, Roms rechter Ultrafans. In seiner Biografie schreibt er, er sei als Fan so nah dran gewesen, dass gegnerische Ultras ihn mit Steinen beworfen hätten. Er wurde von der Polizei mit Tränengas beschossen, verprügelt und stand einige Meter entfernt als ein Polizeichef erstochen wurde.

Nachdem Di Canio 2005 im Stadion den Hitlergruß gezeigt hatte, jubelten die Irriducibili und taten es ihrem Idol beim nächsten Auswärtsspiel nach. Alessandra Mussolini, die Enkelin des italienischen Führers sagte damals: "Wie schön, dieser Gruß. Das hat mich sehr bewegt."

Leser-Kommentare
  1. Wenn ein Mensch den Ehrgeiz besitzt, im Sport Erfolge erringen zu wollen, dann ist es mir völlig unbegreiflich, warum er sich ausgerechnet die größten Verlierer der Geschichte zum Vorbild nimmt.

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  2. Der italienische Faschismus hat Rassismus als wesentliches Kennzeichen, dazu noch:

    - Führerkult
    - Verherrlichung von Gewalt
    - Totalitäres Auftreten
    - Verfolgung von Kritikern und Andersdenkenden

    Also ist er als Trainer unhaltbar, schließlich geht es hier um ein Spiel, indem Spieler nichtmehr alle nur ethnisch homogen sind, sondern auch ein Spiel welches große Probleme mit gewaltbereiten Fans hat.
    Mussolini war kein Chorknabe, er spielte in der selben Liga wie Hitler und Stalin, er hat Hitlers Holocaust aktiv mitgefördert.
    Er ließ Minderheiten erschießen weil sie sich weigerten italienisch zu sprechen.

    Und solche Ideologien haben weder auf dem Fussballplatz noch in irgentwelchen Parlamenten was verloren.

    8 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Schwieriges Thema..."
  3. Wenn dieser Herr aus D käme oder einen deutschen Verein trainieren würde wäre in der Presse ein ganz anderes Getobe zu hören.
    Meiner Ansicht nach sind es genau im Übrigen solche Typen die dem Fussball ohne Ende schaden.

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    • fse69
    • 03.04.2013 um 16:45 Uhr

    "...Nehmen wir mal kurz an, Di Canio sei kein Rassist. Ist die Ablehnung des demokratischen Rechtsstaats denn kein hinreichender Grund, um Di Canio als Trainer in einem demokratischen Land prinzipiell auszuschließen?..."

    So lange ein Mensch keine Anstalten macht, das System, in dem er sich befindet, widerrechtlich abzuschaffen, geht Gesinnung zunächst einmal niemanden etwas an. Ein inquisitorischer "Gesinnungstüv" stellt einen demokratischen Rechtsstaat weit stärker in Frage, als die extremistische Orientierung Einzelner. Wo wollen Sie anfangen, wo aufhören? Ein Paul Breitner war bekennender Maoist, Ewald Lienen Kommunist. Wollen Sie Transfer- und Beschäftigungskriterien für Fußballer und Trainer aus Ländern wie Iran, China, Nordkorea oder Russland um einen antitotalitaristischen Gesinnungstest erweitern?

    Faschistische Regime oder zumindest faschistoide Diktaturen gab es gerade auch in etlichen Nationen, die man zu den "Großen" im Fußball zählt, ob nun in Südeuropa oder auch Lateinamerika. Die gesellschaftlichen Zerwürfnisse in diesen Ländern halten bis heute an, was aber auch gleichbedeutend mit dem Umstand ist, dass diese Systeme auch heute noch ihre Anhänger bis weit in die Mitte der jeweiligen Gesellschaften haben. Es wäre naiv zu glauben, dass Fußballer davon ausgenommen seien. Ich will gar nicht wissen, wievielen überzeugten Faschisten wohl jeder Fußballfan auf dieser Welt schon zugejubelt hat, ob nun aus Italien, Spanien, Portugal oder Argentinien.

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  4. Für mich ist das was da passiert symptomatisch. In Deutschland wäre das zwar auf offizieller Ebene undenkbar, aber es gibt auch hier eine Unmenge so genannter Fans die ihre Leidenschaft auf die gleiche Art und Weise für rechtes Gedankengut begeistern können wie für ihren Verein. Das liegt offenbar in der Natur der Sache. Faszination und Faschismus haben sprachlich die gleiche Wurzel. Das muss nicht zu den Verhältnissen führen, die man vom Fußball her kennt. Beim Eishockey ist es schließlich auch nicht so. Aber der Massenfußball hat eine andere Geschichte. Auch wenn er heute nichts weiter als ein Millionengeschäft ist. Und die bindet schichtenspezifisch Menschen, die sich wohl eher nach einfacher gestrickten politischen Weltbildern orientieren. Ich glaube nicht dass sich das wirklich verändern lassen wird. Das dieser Mann als Trainer verpflichtet wird finde ich trotzdem dumm. Weil man von offizieller Seite zumindest versuchen muss das Phänomen zu steuern. Und diese Entscheidung setzt ganz klar die falschen Signale.

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