Der Nigerianer Ikenna Onukogu, Tormann des nordrhein-westfälischen Bezirksligisten Hertha Hamborn, sagt, während des Auswärtsspiels gegen Dostlukspor Bottrop Anfang März von einer Gruppe Heimzuschauer hinter seinem Tor rassistisch beleidigt worden zu sein. Anschließend lief er auf sie zu und bewarf sie mit einer Flasche. Vom Sportgericht wurde er zunächst ohne Anhörung für drei Spiele gesperrt. Nach Medienberichten, auch auf ZEIT ONLINE, wurde die Sperre aufgehoben. In einer Verhandlung der Bezirksspruchkammer des Fußball-Verbands Niederrhein am 4. April konnte Onukogu seinen Vorwurf nicht beweisen. Prozessbeobachter wundern sich, dass das Gericht Onukogu zunächst gar nicht nach dem Thema Rassismus befragt hat, sondern erst, nachdem sein Anwalt darauf hingewiesen hatte. Onukogu wurde für sechs Spiele gesperrt – wegen sportwidrigen Verhaltens, heißt es in der knappen Urteilsbegründung. Der Verein will Berufung einlegen.

ZEIT ONLINE: Herr Onukogu, sind Sie ein Lügner?

Ikenna Onukogu: Nein, das sind die anderen. Ich schwöre, Zuschauer aus Bottrop riefen mehrfach "Nigger" und "Affe". Einer stand plötzlich fünf Meter neben mir und sagte: "Neger, steck Dir die Flasche in Deinen schwarzen Arsch!" Da bin ich ausgerastet. Das war schlimmer als ein Messerstich.

ZEIT ONLINE: Manch Prozessbeobachter zweifelt an Ihrer Glaubwürdigkeit. Ein Fotograf hat ausgesagt, dass er nichts von Rassismus gehört habe.

Onukogu: Entweder irrt er sich oder er lügt. Übrigens hat er gar nicht bestritten, dass ich beleidigt wurde. Halt nur nicht rassistisch, sondern bloß mit "normalen" Beschimpfungen wie "Hurensohn" und "Arschloch". Ich hätte akzeptiert, wenn das Gericht gesagt hätte: Aussage gegen Aussage, also Freispruch für alle. Aber nun werde ich doppelt bestraft. Kevin-Prince Boateng hat ähnliches getan und Recht bekommen.

ZEIT ONLINE: Eine wichtige Rolle spielt eine Flasche, mit der Sie Bottrops Zuschauer beworfen haben. Sie behaupten, Sie seien damit zuerst beworfen worden. Die Gegenseite behauptet, es sei Ihre Flasche gewesen.

Onukogu: Auch das ist falsch. Der Präsident aus Bottrop hat auch gesagt, dass ich früher einmal zehn Monate gesperrt gewesen sein soll. Das stimmt auch nicht. Ich bekam mal eine Rote Karte wegen einer Notbremse, das passiert einem Tormann nun mal. Bottrops Präsident war übrigens gar nicht bei dem Spiel anwesend. Warum fordert er eine noch höhere Strafe für mich?

ZEIT ONLINE: Welchen Eindruck haben Sie von den Sportrichtern?

Onukogu: Denen ging es nicht um die Wahrheit, auch den Bottropern nicht. Direkt nach dem Spiel, als ich weinend in der Kabine gesessen habe, kamen noch einige Gegenspieler und entschuldigten sich für ihre Zuschauer. Heute will niemand mehr etwas davon wissen.

ZEIT ONLINE: Was unstrittig ist: Sie wiesen den Linienrichter zwei Mal auf die Beleidigungen hin. Daraufhin sendete der Schiedsrichter einen Ordner hinter Ihr Tor. Der Linienrichter selbst wurde in der Pause von Bottroper Zuschauern bedroht. Wurden diese Indizien im Prozess zu Ihren Gunsten gewürdigt?

Onukogu: Nein. Noch was: Ich bin dreißig Jahre alt, ich hab in der zweiten schwedischen Liga vor bedeutend mehr Zuschauern gespielt. Glaubt jemand im Ernst, ich lege mich ohne Anlass alleine mit zehn bis zwanzig Mann an? Ich bin doch nicht bescheuert. Wenn ich so aggressiv wäre, wie die Bottroper und die Richter sagen – warum bin ich dann nicht auf Gegenspieler und Schiedsrichter losgegangen?

ZEIT ONLINE: Erleben Sie Rassismus im Alltag?

Onukogu: Ja, selbst im Kindergarten meiner Tochter, wenn auch nicht so krass. Nach diesem Urteil empfinde ich Deutschland als ein rassistisches Land. Als schwarzer Mann hat man hier keine Rechte. Tut mir Leid, das so zu sagen.

ZEIT ONLINE: Ihr Trainer, Ihr Anwalt, auch Journalisten, die beim Prozess zugegen waren, machen sich Sorgen um Sie. Wie geht es Ihnen?

Onukogu: Mir ist großes Unrecht getan worden. Ich schlafe und esse kaum. Ich habe keine Kraft mehr. Ich kann nur auf Gott hoffen.