Es gibt keine aktuellen Erkenntnisse über den Gemütszustand des Verteidigers Dante vom FC Bayern München. Dass er schlecht gelaunt ist, ist trotzdem weitgehend auszuschließen, weil Dante eigentlich nie schlecht gelaunt ist – vermutlich nicht einmal, wenn seine Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Der Mann mit der fröhlichen Lockenpracht hatte wie sein Vorgesetzter Uli Hoeneß für den nationalen Konkurrenten Borussia Dortmund als Gegner im Halbfinale der internationalen Champions League votiert: "Weil wir dann sicher sind, dass eine Mannschaft von uns im Finale steht, und das ist gut für unser Land." Unser Land? Dante ist Brasilianer.

Statt mit Dortmund bekommen es die Bayern am 23. Mai zu Hause mit dem FC Barcelona zu tun (Rückspiel am 1. Mai, live im ZDF), der BVB trifft auf Real Madrid (Hinspiel am 24. April, live im ZDF, Rückspiel am 30. April). Und doch ist es vor allem bemerkenswert, dass Dante den Nationalitätengedanken so weit fasst, obwohl sich für ihn erst vor ein paar Wochen mit dem Debüt in der brasilianischen Nationalmannschaft ein Herzenswunsch erfüllt hat. Im Grunde hat er natürlich recht. Wenn in anderthalb Wochen die Halbfinal-Begegnungen in der Champions League ausgespielt werden, geht es nicht um Bayern oder Barça, Dortmund oder Real. Dann geht es in der Tat auch um unser Land. Beziehungsweise das Duell mit dessen aktuell ärgstem Widersacher im Fußball. Im Halbfinale des Europapokals wird die Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Spanien auf anderer Ebene fortgeführt. Zufall ist das wohl nicht.

Das Duell ist der heißeste Zweikampf, den der internationale Fußball derzeit zu bieten hat. Angedeutet hat sich diese Entwicklung seit längerem. Spanien und Deutschland sind die beiden einzigen Nationalmannschaften, die es bei den jüngsten drei großen Turnieren stets unter die letzten vier geschafft haben. In der Fifa-Weltrangliste belegen die Spanier seit Menschengedenken Platz eins, dahinter folgen inzwischen die Deutschen. So wie der Welt- und Europameister die dominierende Macht der jüngeren Fußballgeschichte ist, so ist die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw zumindest zum hartnäckigsten Verfolger der Roten Bestie geworden – wobei das Duell für den Herausforderer bisher, im EM-Finale 2008 und im WM-Halbfinale 2010, eher ernüchternd ausgefallen ist. Spanien ist für die Deutschen Vorbild und Trauma gleichermaßen, ein Gegner, an dem sich die Mannschaft bisher vergebens abgearbeitet hat. "Die Spanier beherrschen fast alles", hat Löw einmal gesagt, was ihm als Fußballästhet einerseits gefällt. Andererseits: "Wenn die Spanier nicht so überragend wären, hätten wir auf jeden Fall einen Titel gewonnen."

Erstmals zwei deutsche Mannschaften im Halbfinale

Vielleicht lässt sich das ja auf Vereinsebene nachholen. Seitdem Bayern 2001 die Champions League gewonnen hat (gegen den spanischen Vertreter Valencia!), ist die Bundesliga ohne europäischen Titel geblieben. Die Primera Division hingegen hat im selben Zeitraum insgesamt neunmal in Champions League, Uefa-Cup und Europa League triumphiert. Doch wenn die jüngsten Eindrücke nicht täuschen, sind die Kräfteverhältnisse gerade in Bewegung geraten. Zum ersten Mal überhaupt stehen zwei deutsche Teams unter den letzten vier des Meister-Wettbewerbs. Und nach den Auftritten im Viertelfinale gelten nicht etwa die Passkünstler aus Barcelona oder Real Madrid als erster Favorit auf den Titel – die Bayern sind derzeit das heißeste Ding in Europas Fußball. "Der unzerstörbare deutsche Panzerkreuzer", hat die spanische Zeitung "Marca" nach deren Sieg in Turin geschrieben.

"Bayern und Dortmund haben in dieser Saison bewiesen, wozu sie in der Lage sind", sagt Bundestrainer Löw. Für ihn ist das Halbfinale der Champions League "wie ein großes Entscheidungsspiel einer WM oder EM, also eine riesige Herausforderung und ein großes Erlebnis für jeden einzelnen Spieler". Aus solchen Sätzen spricht auch die Hoffnung, dass bei seinen Nationalspielern durch die Erfolge im Verein die Gewissheit wächst: Spanien ist schlagbar. Die personellen Überschneidungen sind schließlich enorm – sowohl auf deutscher wie auf spanischer Seite.

Borussia Dortmund hat sich in der Vorrunde des laufenden Wettbewerbs bereits gegen Real Madrid behauptet, den spanischen Rekordmeister vor eigenem Publikum 2:1 besiegt und im Estadio Bernabeu ein bemerkenswertes 2:2-Unentschieden erreicht. Bei den Bayern besteht immerhin die berechtigte Hoffnung, dass der Rückstand auf Barça seit dem letzten Aufeinandertreffen im Camp Nou deutlich kleiner geworden ist – wenn er denn überhaupt noch existiert. 2009 verloren die Münchner mit ihrem Trainer Jürgen Klinsmann im Viertelfinale der Champions League 0:4. "Barcelona ist stark, aber wir sind immer stärker geworden", sagt Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer, der sich deshalb am Freitag über ein "nettes Los" freute.

Verzagtheit klingt anders.

Erschienen im Tagesspiegel