Real und BarçaSpaniens Fußball-Rettungsschirm reißt

Fußball war lange Spaniens Trostpflaster gegen Arbeitslosigkeit und politischen Frust. Nun haben die Fußballklubs ihre besten Tage hinter sich. Von Christian Spiller von 

Lionel Messi im Spiel gegen Bayern München

Lionel Messi im Spiel gegen Bayern München  |  © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

27,2 Prozent der Spanier sind arbeitslos, mehr als sechs Millionen Menschen, der höchste Wert seit Beginn der Statistik. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ist die Wirtschaft um 0,5 Prozent geschrumpft, der Gewinn der Großbank Santander brach um 26 Prozent ein, der Internationale Währungsfonds, IWF, prognostizierte kürzlich, die Krise werde frühestens 2018 beendet sein. An schlechten Zahlen mangelt es nicht in diesen Tagen in Spanien. Dem Land geht es nicht gut.

Und doch sind es zwei andere Zahlen, die noch stärker am spanischen Selbstverständnis nagen. Eine 8 und eine 1. Kumuliert ist dies das Ergebnis mit dem der FC Bayern München und Borussia Dortmund die beiden Weltvereine FC Barcelona und Real Madrid in seine Einzelteile zerlegten und nach Hause schickten. Una pesadilla, ein Albtraum, war das, schrieb die spanische Presse. In dem gebeutelten Land war der Sport, vor allem der Fußball, der große Trostspender, ein "emotionaler Rettungsschirm", wie ihn ein deutsches Magazin nannte. Der droht nun zu reißen.

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Nach den Halbfinalhinspielen der Champions League hat Deutschland, so scheint es, in der Euro-Zone nicht nur wirtschaftlich das Sagen. Die internationale Presse entdeckt die Bundesliga und erklärt auf Dutzenden Seiten dieses sonderbare Fußball-Land, das so ganz ohne Scheichs und Ölmilliardäre auskommt, dafür aber Stehplätze, billige Tickets und schlaue Trainer im Angebot hat.

Hier und da wird von einer Wachablösung geraunt (Magath, Hitzfeld), andere Experten sind skeptisch (Netzer, Wenger, del Bosque). Es gibt ja noch zwei Rückspiele. Und fußballerische Momentaufnahmen verschließen sich per se gerne einer künftigen Allgemeingültigkeit. Allerdings könnten sich in einigen Jahren Fußball-Historiker über diese Wochen beugen und mit ehrwürdiger Stimme verkünden, dass sich genau hier und jetzt alles änderte. Und weil die Stärke des einen auch der Schwäche des anderen geschuldet ist, muss die Analyse in Spanien beginnen.

Zuallererst: Die spanischen Vereine haben in diesem Jahr schon wieder mehr Punkte für die Uefa-Fünf-Jahres-Wertung gesammelt als alle anderen, auch die Deutschen. Wäre den Dortmundern im Viertelfinale kein Wunder gelungen, stünden mit Malaga, Madrid und Barcelona gleich drei spanische Vereine im Halbfinale der Champions League. In der Uefa-Wertung hat Spanien seinen Vorsprung gegenüber den Engländern ausgebaut, die gegen die drittplatzierten Deutschen an Boden verlieren.

Doch das ist kein Trost, wenn Madrid und Barcelona, um die sich zumindest aus spanischer Sicht die Fußballwelt dreht, so durchgerüttelt werden. Deren augenblickliche Schwäche ist mit ganz eigenen grundsätzlichen Problemen zu erklären.

Der FC Barcelona muss nach Jahren auf höchstem Niveau die Krebserkrankung seines Trainers Tito Vilanova verkraften. Bei Real weiß man derzeit nicht, ob José Mourinho für seine Mannschaft arbeitet oder gegen sie. Er demontierte den ewigen Torwart Iker Casillas und schaffte es so, Spieler, Fans und Presse zugleich gegen sich aufzubringen. Er wirkt, als habe er eigentlich gar keine Lust mehr, Chelsea gilt schon als sein neuer Arbeitgeber. In der Meisterschaft hat Real elf Punkte Rückstand auf Barcelona. Für jeden anständigen Madrilenen eine Beleidigung.

Was beiden Teams gemein ist, und womöglich der größte Unterschied zu den Kontrahenten aus Deutschland: Sie lassen noch immer Starfußball spielen. Ohne Ronaldo beziehungsweise Lionel Messi läuft nicht viel zusammen. Der Portugiese ist vielleicht in der Form seines Lebens, 31 Tore in 31 Ligaspielen, zwölf Tore in elf Champions-League-Spielen. Solch einen Spieler zu haben, ist toll, aber auch gefährlich. Denn ist Ronaldo aus dem Spiel, ist Real aus dem Spiel.

© ZEIT ONLINE

In Barcelona hat sich in dieser Spielzeit mit Lionel Messi ähnliches entwickelt. Schon immer war Messi der, der die schönen, aber zu oft auch ertraglosen Ballzirkeleien von Xavi und Co. mit seinen Toren veredelte. In diesem Jahr ist die Abhängigkeit von Messi, die "Messidependencia", besonders groß. Er traf 43 Mal in 29 Ligaspielen. Zuletzt bewirkte er durch seine schiere Anwesenheit das Weiterkommen. Gegen Paris St. Germain im Viertelfinale mühte sich Barça eine gute Stunde lang, ohne Torgefahr zu produzieren, lag 0:1 zurück und stand vor dem Aus. Dann kam der angeschlagene Messi und bereitete acht Minuten später das 1:1 vor, das zum Weiterkommen reichte. Gegen Bayern, als der Weltfußballer seinen hinkenden Zwillingsbruder geschickt hatte, tendierte Barcelonas Torgefahr gegen null.

Dortmund und Bayern lassen keinen Heldenfußball spielen. Auch sie hatten mit Lewandowski und Müller in den Hinspielen zwar überragende Aktive auf dem Platz, beziehen ihre Stärke aber aus dem Kollektiv. Ihre Ligatore verteilen sich fein säuberlich auf die gesamte Offensive. Nur Lewandowski ragt mit 23 Toren heraus.

Leserkommentare
  1. Guter Artikel aber schlechte Überschrift imo. "Spaniens Fußball-Rettungsschirm reißt".
    Moment mal noch ist gar nichts gerissen. So sehr ich mir ein deutsches
    Finale herbei wünsche noch stehen da zwei Kolosse die sich sicher noch nicht
    aufgegeben haben.

    3 Leserempfehlungen
  2. pesidalla=pesadilla

    • SteB
    • 30. April 2013 16:41 Uhr

    "Denn Bayern und Dortmund wissen: Trotz aller Champions-League-Höhenflüge, das Brot-und-Butter-Geschäft bleibt auch für sie die Bundesliga."

    Ob das den Bayern tatsächlich so bewusst ist? Die Vorgänge in den vergangenen Wochen lassen anderes vermuten.

    "Eine durch zu große Unterschiede wenig spannende Liga würde am Ende weniger Zuschauereinnahmen und sinkende Sponsoringerlöse bedeuten."

    Dieser Zustand dämmert doch schon am Horizont. Ich hoffe, ich werde eines Besseren belehrt. Meistens kommt es ja dann doch ganz anders, als man denkt/fürchtet.

    4 Leserempfehlungen
  3. Ich würde Real noch nicht abschreiben. Ein 3:0 traue ich denen zu, und dann wird schwarzer Rotz und gelbes Wasser geheult. Oder umgekehrt, je nachdem. Gelber Rotz und schwarzes - you know what I mean.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mavel
    • 30. April 2013 16:59 Uhr

    Ich finde es beeindruckend, wie schnell man in Deutschland den spanischen Fussball abgeschrieben hat, dabei ist noch gar nichts gewonnen. Man steht noch nicht einmal im Finale...

    • dacapo
    • 03. Mai 2013 18:55 Uhr

    Eigentlich sollte man auf solch einen Ton/Stil gar nicht eingehen, aber dennoch: Vertan, vertan sprach der Hahn ............

    • cielo
    • 30. April 2013 16:57 Uhr

    "Nun haben die Fußballklubs ihre besten Tage hinter sich"
    Die Abgesänge sind schon da, ein klein wenig deutsche Überheblichkeit.

    c.

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  4. Dortmund haben Bayern vorgeworfen, dass sie ihrer Entwicklungsvorstellung nachgeahmt haben, aber viel aufwaendiger, solange sie ein groesserer Club sind und folglich ueber mehrere finanziele Vorraete verfuegen. Doch scheint es, als wandelt FCB auf Reals Spuren, indem sie allmaehlich eine mit Prominenten ueberquellende Mannschaft werden. Wenn alle elf Spieler Klavier spielen, wer traegt es doch?

    Eine Leserempfehlung
    • Mavel
    • 30. April 2013 16:59 Uhr

    Ich finde es beeindruckend, wie schnell man in Deutschland den spanischen Fussball abgeschrieben hat, dabei ist noch gar nichts gewonnen. Man steht noch nicht einmal im Finale...

    6 Leserempfehlungen
  5. "..., wurde Uli Hoeneß im englischen Guardian zitiert – bevor er selbst seine ganz eigenen Steuerprobleme bekam."

    Das klingt so, als ob Herr Hoeneß schuldlos wäre. Das Gegenteil ist der Fall: er "bekam" keine Steuerprobleme, er hat sie selbst verursacht!

    Und so nett Fußball hin und wieder anzuschauen ist, zeigt doch der immense Schuldenberg, dass im Profibereich etwas gewaltig schiefläuft. Wie bittesehr lassen sich diese grotesken Transfer- und Gehaltssummen rechtfertigen. Doch was rege ich mich auf, ist ja ein alter Schuh...

    Nebenbei @Redaktion: die Abkürzung "Aus- und Einnahmen" ist eine ausgesprochen nette Stilblüte. Denn nur wer Geld einnimmt, kann auch welches ausnehmen. Oder so ähnlich.

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