Fett wie ein TurnschuhBeim Baseball wird an den Essständen gepunktet

Fressende Fans, Pepsi-Party-Girls und rotzende Millionäre. Im Baseball-Stadion der Mets lernt unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom, um was es im US-Sport geht: Kohle. von Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom beim Baseball: Statt mir zu antworten, spielt der Lautsprecher Rapmusik

Tuvia Tenenbom beim Baseball: Statt mir zu antworten, spielt der Lautsprecher Rapmusik  |  © Isi Tenenbom

Eine der sichersten Methoden, Millionär zu werden, ist, in der Major League Baseball zu spielen, und ich finde, es wird Zeit, dass auch ich Millionär werde. Ich weiß nicht viel über Baseball, habe nie so ganz den Sinn verstanden, aber ich denke, dass es nicht so schwierig sein kann. Genau wie alle Profis der großen Major League im Fernsehen habe ich zwei Hände, zwei Beine, alle Zeit der Welt, um zu spielen, und ein kleiner Ball für 50 Cent ist mit Sicherheit auch noch drin. Ich werde ein Pitcher sein, ein Batter, ein Catcher – oder wie man das nennt – und werde in Nullkommanichts reicher sein als Donald Trump. Ich bin in New York, hier träumt jeder davon, Millionär zu sein, wieso nicht auch ich?

Natürlich muss ich die wesentlichen Regeln lernen: Wie man Punkte erzielt und wie man spuckt. Ja, spuckt. Im Fernsehen wird immer gezeigt, wie diese Major-League-Spieler spucken – was ich absolut ekelhaft finde, aber was offenbar eine ganz eigene Kunstform ist, denn sie tun das alle fünf Minuten und die Kameras fangen jedes Mal ihren Speichel ein.

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Ich versuche, mir von verschiedenen Leuten Baseball erklären zu lassen, aber jeder, mit dem ich rede, verwirrt mich nur noch mehr. Also beschließe ich, das Spiel zu lernen, indem ich den Meistern zusehe: den Mets. "Let's go Mets", lautet der Slogan, also sehe ich mir ein Spiel der Mets im Stadion der Mets an, dem berühmten Citi Field.

Als ich gerade an meinem Platz ankomme, dröhnt es immer lauter aus dem Lautsprecher:

"Mets-Fans: Wollt ihr eine Million Dollar gewinnen?"

Dieser Lautsprecher kann Gedanken lesen!

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh". Im November erscheint sein neues Buch Allein unter Juden: Eine Entdeckungsreise durch Israel.

Ja, Baby!, schreie ich zurück. Will ich! Bringst du mir das Spiel bei?

Doch statt mir zu antworten, spielt der Lautsprecher Rapmusik. Das ist nicht mein Ding, das gebe ich zu, aber ich bin geduldig. Ich sage mir, wer Millionär werden will, muss Geduld haben.

Ich sehe mir die Leute an, die neben mir sitzen, und frage mich, ob sie alle aus demselben Grund hier sind wie ich. Ich versuche, mit ihnen zu reden, meinen potenziellen Mitbewerbern, aber das ist schwierig, weil sie alle sehr, sehr beschäftigt sind: Sie essen Hotdogs, schlucken Popcorn und trinken Pepsi. Ja, alle trinken Pepsi, die einzige Cola, die es hier zu kaufen gibt. Wer Coca-Cola will, muss das Stadion verlassen und woanders hingehen. Interessant.

Ich sehe runter aufs Spielfeld, aber mir ist nicht ganz klar, was die Spieler da tun. An einem Ende des Feldes ist ein riesiges Pepsi-Logo aufgebaut und ich frage mich langsam, ob das hier ein Baseball-Spielfeld ist oder ein Pepsi-Automat.

Plötzlich beginnen die Leute zu schreien, und ich habe keine Ahnung, wieso. Ich sehe hinauf zu den riesigen Anzeigetafeln neben dem Pepsi-Logo, auf denen recht komplexe Zahlenreihen zu lesen sind. Ich verliere fast den Überblick, doch zum Glück sind die meisten der Ziffern Nullen.

Was bedeutet das alles?

Über den Nullen sind die Namen Mets und Padres zu erkennen. Hier müssen sich die Padres und die Mets gegenüberstehen, sage ich mir. Natürlich halte ich instinktiv zu den Mets. Ich weiß nicht genau, wieso, aber innerhalb von Sekunden kann ich mich selbst schreien hören: Let's go Mets!

Manche Menschen mögen St. Pauli, ich mag die Mets. Ganz einfach.

Die Fans, von denen viele eher fett sind, hören jedes Mal auf zu mampfen, wenn sie sehen, dass ein Spieler auf dem Feld schneller als eine Tomahawk-Rakete über das Feld rennt, und rufen "Let's go Mets!" Dann schaltet sich auch der Lautsprecher in die Feierlichkeiten ein und verkündet: "Holt euch ein Budweiser!"

Ein dicker Fan, der am anderen Ende meiner Sitzreihe sitzt und eine Jacke mit der Aufschrift "United States Racing Team" trägt, steht auf und geht mit der Geschwindigkeit eines gewöhnlichen Elefanten in Richtung Spielfeld. Er macht mir den Eindruck, ein Hardcore-Baseballfan zu sein, und ich nehme an, dass er einen guten Grund hat, dorthin zu gehen, wo er hingeht. Was könnte das sein?

Leserkommentare
  1. Sehr interessanter und lustig geschriebener Artikel. Als Europäer reibt man sich verwundert die Augen, wenn man so eine amerikanische Sportveranstaltung mitbekommt. Einerseits ist das ist schon wirklich tolle Unterhaltung, der einem da geboten wird. Der Sportsgeist, die Stars, Spannung bis zur letzten Minute. Aber diese bombastische Präsentation will natürluch auch bezahlt werden. Und das geht nur, wenn das Ereignis kommerziell bis zum Erbrechen ausgeschlachtet wird. Wer sich schon einmal eine Sportübertragung im amerikanischen Fernsehen angesehen hat, weiss, was ich meine. Das Finale der Baseball-Weltmeisterschaft, die ich mir angesehen habe, wirkte da im Vergleich zu einem MLB-Spiel wie eine Kreisklassenveranstaltung. Wohltuend puristisch, aber zugegebenermaßen auch ein bisschen langweiliger.

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  2. Werter Mr. Tenenbom,
    jetzt weiß ich immer noch nicht, nach welchen Regeln Baseball funktioniert. Da spuckt also einer, drischt mit einem Prügel auf einen kleinen Ball ein, und ein anderer, der ebenfalls spuckt, rennt dem Ball hinterher. So ungefähr soll das gehen. Tröstlich immerhin, dass Sie die Regeln auch nicht verstehen. Und das als Ami!
    Millionär wollen Sie also - wieder einmal - werden. In Ihrer letzten Kolumne bekundeten Sie die Absicht, den Kaiserthron Tirols zu besteigen. Da hätten Sie sich den Zehnt in Form von Jagertee, Gröstel und Bretteljause überweisen lassen können. Das wäre einfacher gewesen, als im Baseballstadion zu New York mit Cola-Dosen ein Vermögen zu machen. Irgendwann müssen Sie sich entscheiden, Mr. Tenenbom.

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  3. Hallo, ist da der Kind vom Unterschlupf? Hallo?

  4. 3 Leserempfehlungen
    • Varto
    • 19. April 2013 9:44 Uhr

    hmm klar. ich interessiere mich auch für nix und hab nichts besseres zu tun mich den ganzen tag in Sarkasmus zu sonnen.

    ditsche auf amerikanisch ?

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  5. ... denke ich mir auch, was machen eigentlich die armen Schweine, die viel Geld bezahlen um zu so einem "großen" Boxkampf zu gehen, wo vorher stundenlang Show und rumgeeiere stattfindet und dann im eigentlichen Kampf einer nach 3 Runden k.o. geht.
    Das ist ja quasi so, als würde man sich einen Blockbuster im Kino ansehen, der eine halbe Stunde dauert, aber man muss sich vorher zwei Stunden Werbung ansehen, lol!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Na, die machen "Buh" toben rum und werfen im Zweifel die Werbegeschenke (ich erinnere einen Fall mit Listerine-Fläschchen) in den Boxring.

  6. Na, die machen "Buh" toben rum und werfen im Zweifel die Werbegeschenke (ich erinnere einen Fall mit Listerine-Fläschchen) in den Boxring.

    Antwort auf "Manchmal..."
  7. Herr Tenenboom scheint schon öfter auf dem Platz gewesen zu sein.

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