Fett wie ein Turnschuh / Fett wie ein Turnschuh : Kaiser Tuvia, der Eroberer Tirols

Selbst im Tiefschnee schwingt sich unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom zu sportlichen Höchstleistungen auf. Beim Schneeschuhwandern bekommt er herrschaftliche Gefühle.

Letztes Jahr habe ich in Berlin zwei aus Sportjournalisten verschiedener Medien bestehenden Mannschaften beim Fußballspielen zugesehen. Interessanterweise stellten die brillantesten Vertreter ihres Fachs einen erstaunlichen Mangel an Talent zur Schau. Um es freundlich auszudrücken: Eine hinkende Katze könnte besser vor den Ball treten als sie alle zusammen.

Das ist natürlich nichts Neues, und wenn man genau hinsah, konnte man die Schamestränen in ihren Augen sehen. Aber eigentlich, das muss man fairerweise sagen, hätten sie es gar nicht so schwer nehmen brauchen. An Sportjournalisten sollte man schließlich keine höheren Ansprüche stellen als an die Kulturkritiker dieser Zeit. Es ist zum Beispiel bekannt, dass heutzutage die bekanntesten Theaterkritiker selbst nichts anderes als gescheiterte Künstler sind, dass die schlauesten Literaturkritiker keine zwei Sätze logisch aneinanderfügen können und dass die berühmtesten Filmkritiker chronisch farbenblind sind. Ganz zu schweigen von den fußlahmen Tanzkritikern und den grottenhässlichen Sex-Kolumnisten.

All das wusste ich bereits, bevor ich mich auf diese Kolumne einließ, und genau deshalb habe ich mich dazu entschieden.

Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh". Im November erscheint sein neues Buch Allein unter Juden: Eine Entdeckungsreise durch Israel.

Ich werde Menschen beim Schwitzen zusehen, habe ich mir gesagt, und ganz genau den Geruch beschreiben, den sie dabei aussondern. Klingt brillant, finden Sie nicht?

Doch dann geschah etwas Seltsames: Als ich Menschen beim Fitnesstraining zusah, bemerkte ich, wie süchtig Fitness macht. Ja, Fitness macht sehr, sehr süchtig. Hat man einmal angefangen, fällt es schwer, wieder aufzuhören. Vor allem, wenn man auf eine ganz besondere Form von Fitness stößt – zum Beispiel: im Tiefschnee herumlaufen.

Sie glauben vielleicht, ich habe den Verstand verloren, aber nein. Jedenfalls noch nicht.

Durch die wissenschaftlich nachgewiesene Erderwärmung, unter der unser Planet leidet, ist es dort, wo ich gerade bin, eiskalt: in Kaiserwinkl, Tirol. Ich verstehe zwar nicht ganz, warum, aber die schneebedeckten Berge um mich herum bringen mich dazu, das Ganze zu beschönigen, und ich lasse mich von der magischen Schönheit, der ich gegenüberstehe, komplett verzaubern.

Ein einheimischer Tiroler namens Markus, der jede Art von Skiern verkauft und vermietet, erzählt mir von seinen als Bauern lebenden Vorfahren, die Spezialschuhe für das Wandern im Tiefschnee erfunden haben. Das Vieh, erzählt er mir, musste versorgt werden, egal bei welchem Wetter, und die Bauern mussten Lebensmittel heranschaffen, wo auch immer es sie gab. Doch auf der Suche nach Nahrung große Strecken im Schnee zu laufen, verlangte nach besonderer Ausrüstung, unter anderem Spezialschuhe. Also haben sie genau solche Schuhe erfunden.

Ach bitte, könnte ich diese Schuhe einmal ausprobieren?, frage ich ihn.

Markus versteht meine Begeisterung und leiht mir lächelnd seine Schneeschuhe.

Es überrascht nicht sonderlich, dass es einen eigenen Begriff für diese sportliche Betätigung gibt: "Schneeschuhwandern".

Ich ziehe diese seltsamen Schuhe an, die wie sehr breite und sehr kurze Skier geformt sind und über meine eigenen Schuhe passen. Dann stecke ich meine Füße in den Schnee.

Welch' Schönheit!

Ich wandere hierhin und dorthin und stelle mir vor, ich wäre der Eroberer dieser endlosen Berge, die teils großartige, poetische Namen tragen wie "Wilder Kaiser" und "Zahmer Kaiser", und mein Herz singt im Rhythmus meiner Schritte. Ein wunderbares Erlebnis!

Es schneit weiter, während ich an diesem kalten Erderwärmungstag in Kaiserwinkl die Berge hoch und runter wandere, und schon bald male ich mir aus, mein Name wäre Kaiser Tuvia. Vielleicht würde man sogar einen dieser Berge nach mir benennen: "Tuviaberg" beispielsweise. Bescheiden, wie ich bin, mag ich es simpel und klar.

Liebevoll wende ich mich dem Berg zu und frage ihn, ob ihm der Name gefällt; er sagt Ja und der Wind bläst mir freundlich zustimmend ins Gesicht.

Welch' Freude!

Zwischen dem Schnee, Tuviaberg und mir besteht eine tiefgehende Verbundenheit, und plötzlich packt mich der Neid. Wieso, frage ich den Berg, wurde ich nicht zu Lebzeiten von Markus' Vorfahren geboren?

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Berge umtaufen ganz einfach

Berge umzubenennen ist gar nicht so schwer. In Südtirol haben es die Italiener mit Gewalt gemacht, deswegen sind sie auch so unbeliebt. In Osttirol hat eine Wurstfirma einen Berggipfel im Rahmen eines Sponsorings umtaufen lassen. Das hat sie beliebt gemacht, weil die Gemeinde viel Geld bekommen hat und der Bürgermeister sich ein neues Restaurant bauen konnte. Das könnte Herr Tenenbom ja nachmachen.