Fett wie ein Turnschuh: Kaiser Tuvia, der Eroberer Tirols
Selbst im Tiefschnee schwingt sich unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom zu sportlichen Höchstleistungen auf. Beim Schneeschuhwandern bekommt er herrschaftliche Gefühle.
- Datum: 04.04.2013 - 15:34 Uhr
Letztes Jahr habe ich in Berlin zwei aus Sportjournalisten verschiedener Medien bestehenden Mannschaften beim Fußballspielen zugesehen. Interessanterweise stellten die brillantesten Vertreter ihres Fachs einen erstaunlichen Mangel an Talent zur Schau. Um es freundlich auszudrücken: Eine hinkende Katze könnte besser vor den Ball treten als sie alle zusammen.
Das ist natürlich nichts Neues, und wenn man genau hinsah, konnte man die Schamestränen in ihren Augen sehen. Aber eigentlich, das muss man fairerweise sagen, hätten sie es gar nicht so schwer nehmen brauchen. An Sportjournalisten sollte man schließlich keine höheren Ansprüche stellen als an die Kulturkritiker dieser Zeit. Es ist zum Beispiel bekannt, dass heutzutage die bekanntesten Theaterkritiker selbst nichts anderes als gescheiterte Künstler sind, dass die schlauesten Literaturkritiker keine zwei Sätze logisch aneinanderfügen können und dass die berühmtesten Filmkritiker chronisch farbenblind sind. Ganz zu schweigen von den fußlahmen Tanzkritikern und den grottenhässlichen Sex-Kolumnisten.
All das wusste ich bereits, bevor ich mich auf diese Kolumne einließ, und genau deshalb habe ich mich dazu entschieden.

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".
Ich werde Menschen beim Schwitzen zusehen, habe ich mir gesagt, und ganz genau den Geruch beschreiben, den sie dabei aussondern. Klingt brillant, finden Sie nicht?
Doch dann geschah etwas Seltsames: Als ich Menschen beim Fitnesstraining zusah, bemerkte ich, wie süchtig Fitness macht. Ja, Fitness macht sehr, sehr süchtig. Hat man einmal angefangen, fällt es schwer, wieder aufzuhören. Vor allem, wenn man auf eine ganz besondere Form von Fitness stößt – zum Beispiel: im Tiefschnee herumlaufen.
Sie glauben vielleicht, ich habe den Verstand verloren, aber nein. Jedenfalls noch nicht.
Durch die wissenschaftlich nachgewiesene Erderwärmung, unter der unser Planet leidet, ist es dort, wo ich gerade bin, eiskalt: in Kaiserwinkl, Tirol. Ich verstehe zwar nicht ganz, warum, aber die schneebedeckten Berge um mich herum bringen mich dazu, das Ganze zu beschönigen, und ich lasse mich von der magischen Schönheit, der ich gegenüberstehe, komplett verzaubern.
Ein einheimischer Tiroler namens Markus, der jede Art von Skiern verkauft und vermietet, erzählt mir von seinen als Bauern lebenden Vorfahren, die Spezialschuhe für das Wandern im Tiefschnee erfunden haben. Das Vieh, erzählt er mir, musste versorgt werden, egal bei welchem Wetter, und die Bauern mussten Lebensmittel heranschaffen, wo auch immer es sie gab. Doch auf der Suche nach Nahrung große Strecken im Schnee zu laufen, verlangte nach besonderer Ausrüstung, unter anderem Spezialschuhe. Also haben sie genau solche Schuhe erfunden.
Ach bitte, könnte ich diese Schuhe einmal ausprobieren?, frage ich ihn.
Markus versteht meine Begeisterung und leiht mir lächelnd seine Schneeschuhe.
Es überrascht nicht sonderlich, dass es einen eigenen Begriff für diese sportliche Betätigung gibt: "Schneeschuhwandern".
Ich ziehe diese seltsamen Schuhe an, die wie sehr breite und sehr kurze Skier geformt sind und über meine eigenen Schuhe passen. Dann stecke ich meine Füße in den Schnee.
Welch' Schönheit!
Ich wandere hierhin und dorthin und stelle mir vor, ich wäre der Eroberer dieser endlosen Berge, die teils großartige, poetische Namen tragen wie "Wilder Kaiser" und "Zahmer Kaiser", und mein Herz singt im Rhythmus meiner Schritte. Ein wunderbares Erlebnis!
Es schneit weiter, während ich an diesem kalten Erderwärmungstag in Kaiserwinkl die Berge hoch und runter wandere, und schon bald male ich mir aus, mein Name wäre Kaiser Tuvia. Vielleicht würde man sogar einen dieser Berge nach mir benennen: "Tuviaberg" beispielsweise. Bescheiden, wie ich bin, mag ich es simpel und klar.
Liebevoll wende ich mich dem Berg zu und frage ihn, ob ihm der Name gefällt; er sagt Ja und der Wind bläst mir freundlich zustimmend ins Gesicht.
Welch' Freude!
Zwischen dem Schnee, Tuviaberg und mir besteht eine tiefgehende Verbundenheit, und plötzlich packt mich der Neid. Wieso, frage ich den Berg, wurde ich nicht zu Lebzeiten von Markus' Vorfahren geboren?
© Isi Tenenbom

Tuvia Tenenbom, Bruder der Berge, Bruder des Schnees
Markus unterbricht meinen Gedankengang. Wir müssen eine Pause machen, sagt er, es ist Zeit für den traditionellen, stark alkoholhaltigen Jagertee.
Ich habe keine Ahnung, was das für ein Tee sein soll, aber ich liebe Traditionen, vor allem in Kombination mit Alkohol, also stelle ich keine Fragen, bis auf eine: Wie kommen wir hier, mitten im Nirgendwo, an Jagertee?
"In Günthers Gasthof."
Während ich mich im Traum in die Zeit von Markus Vorfahren versetze, komme ich schnell zu dem Schluss, dass Piraten jederzeit auftauchen können, und beschließe nachzufragen, wer dieser Günther ist, bevor ich mir sein Gebräu an die Lippen setze.
- "Fett wie ein Turnschuh" - Die Fitness-Kolumne
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Hantelschwingen und Bodypumpkurse boomen: Allein in Deutschland gibt es knapp 6.000 Fitnessstudios. Im Jahr 2011 trainierten dort erstmals mehr als sieben Millionen Menschen – mehr als der größte deutsche Sportverband, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Mitglieder zählt. Fast jeder zehnte Deutsche packt demnach seine Sporttasche und schwitzt an schwerem Gerät oder in Gymnastikkursen.
Wieso ist der Fitnesssport so erfolgreich? Was fasziniert die Menschen daran? Und wieso?
Für unsere Kolumne "Fett wie ein Turnschuh" schicken wir den (noch) etwas korpulenten New Yorker Autoren Tuvia Tenenbom in die Welt der Fitten und Starken. Er will die Fitnessjünger kennenlernen und abnehmen. Alle zwei Wochen wird er auf ZEIT ONLINE von seinen Erlebnissen berichten.
Ich ziehe meine Schneeschuhe aus und frage Günthers Mutter.
Sie sucht nach einer Frau für ihn, erzählt sie mir, mit "einem kleinen Bauch – damit sie nicht viel isst, mit großen Händen – damit sie viel arbeitet, und großen Taschen – für das Geld, das sie für ihn verwahren soll."
Ist dieser Günther so ein Baby, dass seine Mama eine Frau für ihn finden muss?
Nein, sagt Günther. Es ist vielmehr so, erzählt er mir, dass er viele Frauen hat.
Wirklich? Und wer ist das?
"Deutsche und holländische Damen. Vielleicht habe ich mit denen auch ein paar Kinder, aber wie viele, weiß ich nicht."
Ich mag den Mann und bestelle sofort seinen Jagertee, der "nur 13 Prozent Alkohol" enthält, neben einigen anderen himmlischen Zutaten.
Günther liebt die Berge und er liebt es, Tiroler zu sein. Doch seine Mutter, die keinen Jagertee trinkt, demaskiert ihn. "Mein Sohn ist Bayer", verkündet sie.
Autsch …
Ich ziehe meine Schneeschuhe wieder an und wandere weiter durch die Berge. Dieser Sport, das kann ich Ihnen versichern, macht süchtiger als jeder andere, den Sie bisher ausprobiert haben. Man verliert Kalorien und gewinnt an Glück, diese Übung bereichert den Körper und den Geist. Man wird zu einem Teil der Natur, zum Bruder der Berge und des Schnees, während man sich in eine ganz neue Form des Daseins stürzt. Kein Wunder, dass die Einheimischen hier, Menschen, die Tag ein, Tag aus mit den Bergen leben, im Laufe der Jahre faszinierend eigene Denkweisen entwickelt haben.
Christoph zum Beispiel.
Kennen Sie Christoph?
Christoph würde bei den Italienern gerne Wien gegen Südtirol eintauschen, erzählt er mir. "Lass die Italiener Wien bekommen und uns Südtirol zurückgeben", sagt er.
Ich hätte so ein Szenario nie für möglich gehalten; Christoph schon.
Offensichtlich mag Christoph die Italiener nicht besonders. Was hält er von den Deutschen?
"Das sag' ich nicht."
Bitte!
"Die Deutschen sind immer gestresst. Sogar im Urlaub."
Und die Wiener?
"Das sind die Schlimmsten."
Soll ich ihn fragen, was er von Kritikern hält? Nein. Wer braucht schon Kritiker, wo es so viel Schönheit und Kreativität gibt?
Aber es wäre schön, wenn sie zum Tuviaberg kommen würden, um Fußball zu spielen. Das wäre eine Katastrophe, aus der sich ein Theaterstück, ein Bestseller im Hardcover, ein Film mit Rekordeinnahmen und eine fabelhafte Tanznummer machen ließe.
Finden Sie nicht auch?









Werter Mr. Tenenbom,
es gibt im Kaisergebirge Spitzen, deren Namen sich ganz normal anhören: Ellmauer Halt oder Pyramidenspitze etwa. Dann gibt es Felsformationen, die auf so fürchterliche Namen wie Totenkirchl oder Fleischbankpfeiler hören. Wer kam bloß auf solche Bezeichnungen? Da hörte sich Tuviaberg tatsächlich besser an. Es sollte sich ja ein Hügel finden lassen, der nicht gar so gach (steil) ansteigt, einer, der ein bisschen runder daherkommt. Und ein etwas pazifistischerer, der einen nicht gleich umbringt, wenn man runterfällt. Der Stripsenkopf böte sich an. Bleibt zu hoffen, diese Umbenennung wäre in Ihrem, des neuen Kaisers von Tirol, Sinn. Geben Sie Bescheid. Das wird sich schon machen lassen.
Tuviaberg -- klingt wirklich besser als Kesselschneid!
Mir erschliesst sich nicht der Grund, warum diese schwache Kolumne schon gefühlte 20 Jahre online ist. [...]
Gekürzt. Bitte formulieren Sie auch Kritik respektvoll. Danke, die Redaktion/sam
Aber zu mehr als Kommentare auf Zeit Online hat's nicht gereicht... :-)
Berge umzubenennen ist gar nicht so schwer. In Südtirol haben es die Italiener mit Gewalt gemacht, deswegen sind sie auch so unbeliebt. In Osttirol hat eine Wurstfirma einen Berggipfel im Rahmen eines Sponsorings umtaufen lassen. Das hat sie beliebt gemacht, weil die Gemeinde viel Geld bekommen hat und der Bürgermeister sich ein neues Restaurant bauen konnte. Das könnte Herr Tenenbom ja nachmachen.
Entfernt. Wir freuen uns über Kritik, wenn sie sachlich formuliert wird. Danke, die Redaktion/sam
bitte bitte machen Sie weiter - ich amüsiere mich köstlich.
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