FC BarcelonaDie Götter sind verunsichert

In Spanien Meister, in der Champions League von den Bayern gedemütigt: Der FC Barcelona, einst bester Klub der Welt, weiß nicht recht, wie weiter. von 

Lionel Messi während der Meisterfeier

Lionel Messi während der Meisterfeier  |  © Lluis Gene/AFP/Getty Images

Es gab die Meisterparade, 500.000 Menschen auf den Straßen von Barcelona. Es gab einen offenen Bus, Konfettikanonen und Sonnenbrillen, die verkaterte Augen überdeckten. Es gab Meistershirts und Meistertweets ohne Shirts. Alles wie immer, wenn der FC Barcelona eine Meisterschaft feiert, die 22. war es vor ein paar Tagen. Und doch lag über dieser Party ein seltsames Gefühl der Zurückhaltung. Die Fußball-Götter sind verunsichert.

"Wir dürfen uns von dieser Saison nicht verrückt machen lassen", sagte Lionel Messi kürzlich. Doch das fällt schwer. Dieses Jahr war etwas verwirrend für den FC Barcelona. Der Verein hat eine großartige Saison gespielt und dennoch den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Barca wurde Meister, souverän wie selten zuvor, und trotzdem wirken die unzähligen Hymnen, die in den vergangenen Jahren auf Messi, Xavi und Iniesta geschrieben wurden, ein wenig aus der Zeit gefallen. Müller und Schweinsteiger sind die neuen Helden, Götze und Lewandowski. Das müssen die stolzen Katalanen erst einmal verkraften.  

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Barcelonas Trainer Tito Vilanova wurde kürzlich gefragt, wie er die Saison bewerte. Er musste nachfragen: "Meinen Sie in der Liga, oder die ganze Saison?" Die Meisterschaft nämlich, die vierte im fünften Jahr, hat der Klub nach nur 35 von 38 Ligaspielen perfekt gemacht. Was bemerkenswert ist, vor allem, wenn man eine Mannschaft wie Real Madrid als Ligakonkurrenten hat. Wenn Barcelona auch noch die letzten drei Spiele gewinnt, haben sie 100 Punkte gesammelt, mehr hatte kein spanischer Meister zuvor. Sie haben schon jetzt 107 Tore geschossen, in jedem Spiel mindestens eins.

Doch es gibt da auch die andere Seite dieser Spielzeit: Gegen Real Madrid schied der Verein mutlos im spanischen Pokal aus, später wurde er vom FC Bayern München in hohem Bogen aus der Champions League geworfen. 0:4 und 0:3, so gedemütigt wurden die Katalanen noch nie. Und im Gegensatz zu den schmerzhaften, aber unglücklichen Niederlagen der jüngeren Vergangenheit in der Champions League gegen Inter Mailand und den FC Chelsea stellt dieses Aus das große Ganze infrage.

Spielphilosophie steht infrage

Schon läuft Spaniens Sportpresse heiß. Es streiten sich Reformer und Traditionalisten. Die einen sehen den Zeitpunkt gekommen, den Verein umzubauen. Man brauche endlich einen Plan B, ein paar große Männer, bullige Typen, die vorne auch mal den Ball ins Tor drücken und ihn hinten aus der Gefahrenzone köpfen.  

Niemals, sagen die anderen. Damit würde der Verein sich seiner großen Stärke, seiner Spielphilosophie berauben, die den Klub im Innersten zusammenhält. Das könne man doch nicht über den Haufen werfen, nur weil es jetzt einmal schief ging. Selbst durch die Mannschaft scheint dieser Riss zu gehen. "Nun müssen Entscheidungen getroffen werden", sagt der Verteidiger Piqué und sprach von Zugängen. "Diese Mannschaft hat eine Zukunft, wir sollten es nicht so drastisch sehen", sagt Barças Gehirn Xavi. "Wir können nicht einfach den Stil verwerfen, der Barcelona immer gekennzeichnet hat. Wir müssen ruhig bleiben und uns auf die kommende Saison fokussieren", sagt Lionel Messi.

In der Debatte um die Zukunft Barças kommt den Traditionalisten das Hauptargument zupass: Die eigenen Spieler gehören immer noch zu den Besten ihres Faches, sie waren in den vergangenen Wochen nur in einem schlimmen körperlichen Zustand. Lionel Messi, Sergio Busquets und der Kapitän Carles Puyol waren verletzt, als es wichtig wurde. Der Rest schleppte sich müde über das Feld. Wer Xavi oder Dani Alves im Frühjahr sah, glaubte im Champions-League-Halbfinale an Doppelgänger. "Wir brauchen nicht viele neue Spieler. Wir müssen nur zusehen, dass die wieder fit werden, die wir schon haben", sagte Tito Vilanova nach dem Bayern-Spiel.

Irgendetwas hakte mit der Saisonplanung, die Aufgabe des Trainers ist. Der wiederum ist entschuldigt, weil er sich mitten in der Saison erneut zu einer Krebsbehandlung in die USA begeben musste. Streng genommen verbrachte die Mannschaft mehr Zeit ohne ihren Trainer als mit ihm. Die Niederlagen gegen Real und den FC Bayern widerlegten die beliebte These, jeder Platzwart könne ein Team wie Barcelona trainieren.

Leserkommentare
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    Danke, Entschuldigung, habe korrigiert.

    Viele Grüße aus der Redaktion
    Christian Spiller

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    • Pnin05
    • 16. Mai 2013 12:33 Uhr

    Schöner und kluger Artikel, Kompliment! Ein wesentlicher Punkt, der Barça verunsichert, scheint mir zu sein, dass der andere FCB, der aus München, immer erfolgreicher auftritt. Und sollte die CL gewonnen werden, dann wäre das sicher noch einmal ein Signal. Aber alleine drei Finalteilnahmen in vier Jahren dürften in Barcelona sauer aufstoßen. Das Team ist einfach inzwischen für viele zu durchschaubar geworden. Und da ist es eher zu vernachlässigen, wenn wichtige Spieler fehlen - das ist eine Frage der Ersatzbank, siehe Bayern. Und in Barcelona ist wesentlich mehr Geld vorhanden als in München. Daran kann es also nicht liegen. Ob vielleicht die pösen, pösen Bayern da was richtig gemacht haben???

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  4. Das fehlen von Zauberfußball aus Barcelona geht für mich Hand ind Hand mit dem Fehlen des Trainers bedingt durch seine Krankheit. Wie der Autor schon schrieb, Barcelona kämpfte mehr ohne als mit dem Trainer.

    Erstens wirkt sich eine Krebserkrankung auch auf die Spieler aus, wenn man den Trainer als Menschen schätzt und ger nhat und zweitens ist auch in meinen Augen ein Trainer der eigentlich 12. Mann, noch vor den Fans.

    Sicher gibt es auch andere Gründe (starke Bayern, etc.), aber 0:4 und 0:3 sind die Schuld der Krankheit. Ob Barcelone mit allzeit gesundem Trainer gewonnen hätten, mag ich an dieser Stelle natürlich nicht zu sagen.

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    (egtl. keine Argumentation at all).

    So etwas kann genauso einen umgekehrten Effekt haben, dass sich eben eine "jetzt erst recht"-Mentalität etabliert.
    Ist das gleiche mit dem Element des Terrors in der Kriegsführung. Kann ein feindliches Heer entweder lähmen oder aber mit noch größerer Wut und Moral kämpfen lassen.

    Die drastischen Niederlagen auf die lange Krankheit des Trainers zu schieben, der ja gegen Bayern und auch zuvor bereits einige Zeit wieder da war, halt ich für billige Apologetik.

  5. In jedem Mannschaftssport ist die Motivation, über sich hinaus zu gehen, in den entscheidenden Phasen des Spiels, die Nuance, die über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.
    Die Bayern war in dieser Saison sehr genervt vom 3-fachen Vizetitel der vergangenen Saison, dass die Spieler einfach alles dafür gegeben haben, dies nicht zu wiederholen.
    Barcelona hingegen war diese Saison evtl. ein wenig zu "satt", um bis an die Grenze zu gehen.
    Das entscheidet über Sieg und Niederlage..
    Alles in Frage zu stellen geschieht sicherlich auf Seite der auflagebezogenen Presse, aber sicherlich nicht in den entscheidenden Gremien in Barcelona....
    Die Bayern haben sich auch "nur" gezielt verstärkt.

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  6. Naja, "modern spielt, wer gewinnt", wie schon Otto Rehagel sagte. Und aktuell sind das die etwas robuster auftretenden Deutschen. Dennoch - ich war auch enttäuscht von den irgendwie beinahe unmotiviert, schläfrig wirkenden Auftritten des FC Barcelona (Real hat im Rückspiel zumindest alles gegeben, und hätte das Ding ja auch beinahe noch gedreht). Ich sehe da also eher eine Formschwäche, weniger ein Systemproblem - es wäre ja nicht so, daß das Tiki-Taka-System unterlegen gewesen wäre, es hat vielmehr nicht einmal stattgefunden.

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    Ich weiß nicht, was Sie für Spiele gesehen haben, aber in beiden Spielen gegen Bayern hat Barca eben genau das durchgezogen, was sie immer spielen: Tiki-Taka.
    Nur Bayern hat dieses System mit dem 3 Box-High Pitch-Forechecking perfekt ausgehebelt.
    Gucken Sie sich zur Not die Statistiken der Spiele an. Ballbesitz, Passanzahl... die sahen gegen Bayern genauso aus, wie in jedem anderen Barca-Spiel sonst auch.

    • dacapo
    • 17. Mai 2013 1:42 Uhr

    ......... hat das Tiki-Taka nicht stattgefunden? Es wurde vom FCB München, erfolgreich, nicht zugelassen, im Hin- und Rückspiel.

  7. dem FC Barcelona geht es gut. Sie haben eine überragende Hinrunde hingezaubert, dann gab es Verletzungen, Formschwächen, Überspielungen etc. Warum wird Barca immer zur unschlagbaren Mannschaft deklariert? Ich glaube das medial gerne ein Fehler unterläuft. Bayern, United, Barca und Chelsea dominierten GEMEINSAM in den letzten Jahren den europäischen Fußball:
    Finalteilnahmen:
    05 Liverpool - Milan
    06 Barca - Arsenal
    07 Milan - Liverpool
    08 United - Chelsea
    09 Barca - United
    10 Inter - Bavaria
    11 Barca - United
    12 Bavaria - Chelsea
    13 Dortmund - Bavaria

    Wenn man sich Sorgen machen möchte, dann kann man fragen, was wurde aus dem ruhmreichen AC MIlan, wo dümpeln die Liverpooler herum? Warum musst Inter sein komplettes Team tauschen? Was ist von Paris, Dortmund, City in Zukunft zu erwarten?

    Ich glaube man macht in der Betrachtung von Barcelona einen sehr großen Fehler, denn das Team wurde verjüngt, hatte viele Rückschläge (menschliche) wegzustecken und steht trotzdem als souveränder Meister da. Vor 10 oder 20 Jahren hätte man gesagt, was für eine sensationelle Saison das war und das zurecht. Manchmal fehlt etwas das Augenmaß um Erfolg zu messen. Ähnliche Probleme wird Dortmund noch bekommen, wenn sie vielleicht die CL Quali verpassen und Bayern, wenn sie in einem Viertelfinale der Pokalwettbewerbe scheitern. Darum mein Apell an Sie stellvertretend für die Medien. Es lag kein Schatten auf Barcelono, bitte Schluss mit dieser Fixierung, denn Krisen macht jede Mannschaft durch.

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