Es gab die Meisterparade, 500.000 Menschen auf den Straßen von Barcelona. Es gab einen offenen Bus, Konfettikanonen und Sonnenbrillen, die verkaterte Augen überdeckten. Es gab Meistershirts und Meistertweets ohne Shirts. Alles wie immer, wenn der FC Barcelona eine Meisterschaft feiert, die 22. war es vor ein paar Tagen. Und doch lag über dieser Party ein seltsames Gefühl der Zurückhaltung. Die Fußball-Götter sind verunsichert.

"Wir dürfen uns von dieser Saison nicht verrückt machen lassen", sagte Lionel Messi kürzlich. Doch das fällt schwer. Dieses Jahr war etwas verwirrend für den FC Barcelona. Der Verein hat eine großartige Saison gespielt und dennoch den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Barca wurde Meister, souverän wie selten zuvor, und trotzdem wirken die unzähligen Hymnen, die in den vergangenen Jahren auf Messi, Xavi und Iniesta geschrieben wurden, ein wenig aus der Zeit gefallen. Müller und Schweinsteiger sind die neuen Helden, Götze und Lewandowski. Das müssen die stolzen Katalanen erst einmal verkraften.  

Barcelonas Trainer Tito Vilanova wurde kürzlich gefragt, wie er die Saison bewerte. Er musste nachfragen: "Meinen Sie in der Liga, oder die ganze Saison?" Die Meisterschaft nämlich, die vierte im fünften Jahr, hat der Klub nach nur 35 von 38 Ligaspielen perfekt gemacht. Was bemerkenswert ist, vor allem, wenn man eine Mannschaft wie Real Madrid als Ligakonkurrenten hat. Wenn Barcelona auch noch die letzten drei Spiele gewinnt, haben sie 100 Punkte gesammelt, mehr hatte kein spanischer Meister zuvor. Sie haben schon jetzt 107 Tore geschossen, in jedem Spiel mindestens eins.

Doch es gibt da auch die andere Seite dieser Spielzeit: Gegen Real Madrid schied der Verein mutlos im spanischen Pokal aus, später wurde er vom FC Bayern München in hohem Bogen aus der Champions League geworfen. 0:4 und 0:3, so gedemütigt wurden die Katalanen noch nie. Und im Gegensatz zu den schmerzhaften, aber unglücklichen Niederlagen der jüngeren Vergangenheit in der Champions League gegen Inter Mailand und den FC Chelsea stellt dieses Aus das große Ganze infrage.

Spielphilosophie steht infrage

Schon läuft Spaniens Sportpresse heiß. Es streiten sich Reformer und Traditionalisten. Die einen sehen den Zeitpunkt gekommen, den Verein umzubauen. Man brauche endlich einen Plan B, ein paar große Männer, bullige Typen, die vorne auch mal den Ball ins Tor drücken und ihn hinten aus der Gefahrenzone köpfen.  

Niemals, sagen die anderen. Damit würde der Verein sich seiner großen Stärke, seiner Spielphilosophie berauben, die den Klub im Innersten zusammenhält. Das könne man doch nicht über den Haufen werfen, nur weil es jetzt einmal schief ging. Selbst durch die Mannschaft scheint dieser Riss zu gehen. "Nun müssen Entscheidungen getroffen werden", sagt der Verteidiger Piqué und sprach von Zugängen. "Diese Mannschaft hat eine Zukunft, wir sollten es nicht so drastisch sehen", sagt Barças Gehirn Xavi. "Wir können nicht einfach den Stil verwerfen, der Barcelona immer gekennzeichnet hat. Wir müssen ruhig bleiben und uns auf die kommende Saison fokussieren", sagt Lionel Messi.

In der Debatte um die Zukunft Barças kommt den Traditionalisten das Hauptargument zupass: Die eigenen Spieler gehören immer noch zu den Besten ihres Faches, sie waren in den vergangenen Wochen nur in einem schlimmen körperlichen Zustand. Lionel Messi, Sergio Busquets und der Kapitän Carles Puyol waren verletzt, als es wichtig wurde. Der Rest schleppte sich müde über das Feld. Wer Xavi oder Dani Alves im Frühjahr sah, glaubte im Champions-League-Halbfinale an Doppelgänger. "Wir brauchen nicht viele neue Spieler. Wir müssen nur zusehen, dass die wieder fit werden, die wir schon haben", sagte Tito Vilanova nach dem Bayern-Spiel.

Irgendetwas hakte mit der Saisonplanung, die Aufgabe des Trainers ist. Der wiederum ist entschuldigt, weil er sich mitten in der Saison erneut zu einer Krebsbehandlung in die USA begeben musste. Streng genommen verbrachte die Mannschaft mehr Zeit ohne ihren Trainer als mit ihm. Die Niederlagen gegen Real und den FC Bayern widerlegten die beliebte These, jeder Platzwart könne ein Team wie Barcelona trainieren.