Fredi Bobič"Alle sagen, wir haben schon verloren"

"Das ist doch geil", sagt Stuttgarts Manager Fredi Bobič über Bayerns Favoritenrolle im Pokalfinale. Ein Gespräch über Labbadias Wutrede und die Emotionen der Schwaben von Stefan Hermanns und Michael Rosentritt

Fredi Bobič, ehemaliger Nationalspieler und seit 2010 Sportdirektor des VfB Stuttgart

Fredi Bobič, ehemaliger Nationalspieler und seit 2010 Sportdirektor des VfB Stuttgart  |  © Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

Frage: Herr Bobic, der VfB Stuttgart hat den früheren Sprinter Tobias Unger als Athletiktrainer engagiert. Soll der VfB die schnellste Mannschaft Deutschlands werden?

Fredi Bobič: Tobias kommt für unsere Jugendabteilung. Er bringt unglaublich gute Voraussetzungen mit und ist sehr motiviert. Wir wollen im Nachwuchs hier und da neue Wege gehen. Auffrischung und neue Ideen sind immer gut.

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Frage: Gilt das nicht auch für den gesamten Verein? Im Moment weiß man nicht, wofür der VfB eigentlich steht.

Bobič: Das mögen Sie so sehen. Der Verein steht unter anderem für seine sehr gute Nachwuchsarbeit. Wir sind der Klub, der in der Ersten, Zweiten und Dritten Liga die meisten Spieler ausgebildet hat. Das ist Fakt. Natürlich definiert sich ein Verein auch über seine Erfolge. Die hat es auch gegeben, werden aber gerne mal vergessen. Wir sind in den letzten elf Jahren neun Mal international dabei gewesen, und in dieser Saison haben wir es wieder geschafft. Das ist Beständigkeit auf hohem Niveau.

Frage: Sie sind international dabei, weil BayernMünchen, der Gegner im Pokalfinale, schon für die Champions League qualifiziert ist.

Bobič: Wie du es schaffst, ist egal. Hauptsache, du schaffst es. Aber ich geben Ihnen in einem Recht: Der wichtigste Indikator in der Wahrnehmung ist die Bundesligatabelle. Da sind wir nur Zwölfter geworden. Ein besseres Ergebnis haben wir uns zu Beginn der Rückrunde zerschossen, als wir fünf Mal verloren haben. Trotzdem ist die Freude, in Berlin dabei zu sein, sehr groß.

Frage: Im Rest des Landes wird eher das Grummeln rund um den Klub wahrgenommen.

Bobič: Es wurde sehr viel von Sparen geredet, es wurde von Führungsproblemen geredet und berichtet – der sportliche Aspekt ist dabei leider ein wenig zu kurz gekommen. Dabei haben sich die Dinge beim VfB über die Jahre hinweg auch positiv entwickelt. Aber zum Teil ist der Vorwurf berechtigt. Das habe ich auch intern angemahnt.

Frage: Was meinen Sie?

Bobič: Der VfB hat den Nachwuchs vielleicht ein bisschen aus den Augen verloren, als er erfolgreich war. Aber das passiert vielen Klubs in Deutschland. Die Kunst ist es, auf den eigenen Nachwuchs zu setzen, wenn du erfolgreich bist. Und sich dann nicht von außen einreden zu lassen: Wir müssen jetzt aber mal das ganz große Rad drehen. Die Mischung muss immer stimmen.

Frage: Ist das der Fluch der guten Tat?

Bobič: Seitdem ich Fan des Vereins bin, ist es immer das Gleiche gewesen: Wenn die ganz großen Klubs anklopfen, wird der VfB seine Top-Spieler nicht halten können. Entscheidend ist, dass du in solchen Situationen der Versuchung widerstehst, das mit neuen Stars kompensieren zu wollen. Angenommen, man bekommt für einen Spieler 30 Millionen, kauft aber dafür fünf. Dann hast du fünf Gehälter statt einem und musst fünf Vertragslaufzeiten abschreiben. Das bläst den Ballon ziemlich auf und schiebt alles nach oben.

Frage: Stimmt es, dass der VfB Personalkosten von 68 Millionen Euro hatte?

Bobič: Es geht in die Richtung. Als ich angefangen habe, haben die Personalkosten mehr als 50 Prozent des Budgets ausgemacht. Das ist nicht gesund. Aktuell sind wir bei 42 Prozent. Trotzdem haben wir wieder etwas Substanz aufgebaut, Europa League gespielt, das Pokalfinale erreicht. Und das mit einem Kader, von dem wir wissen, dass er eigentlich zu klein war.

Frage: Wieso wird das nicht gewürdigt? Haben Sie das nicht ausreichend kommuniziert?

Bobič: Quatsch! Das haben wir oft genug gesagt. Weil wir auch oft genug darauf angesprochen worden sind. Aber das wird halt dann von dem einen oder anderen als Jammern ausgelegt. Wir haben selbst auch einen hohen Anspruch, aber eine faire Einordnung wäre wünschenswert. Von uns wird verlangt, dass wir das Pokalfinale erreichen, dass wir die Europa League nicht abschenken und in der Bundesliga konkurrenzfähig sind. Aber die Bundesliga ist ein extrem harter Wettkampf geworden. Das hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch verändert.

Frage: Inwiefern?

Bobič: Zu meiner Zeit gab es Spiele, die du mit 60, 70 Prozent gewonnen hast. Du hast schnell ein Tor gemacht, da war das Ding durch. Heute müssen die Jungs immer an die Grenze gehen, immer. Das Pokalfinale wird unser 52. Spiel in dieser Saison sein. Wenn du Spieler nicht adäquat ersetzen oder ihnen mal eine Pause geben kannst, wird es schwierig. Deshalb wollen wir Quantität und Qualität erhöhen, damit wir nächstes Jahr konstanter sind.

Frage: Sie sind in Stuttgart aufgewachsen. Fällt es Ihnen leichter, mit der Bruddlermentalität, dem Hang zum Nörgeln, klar zu kommen.

Bobič: Absolut. Das gehört einfach zum Schwaben. Der bruddelt – und weiß manchmal nicht, warum. Unsere Haupttribüne wird immer kritisch sein, vielleicht kritischer als alle anderen Haupttribünen der Republik. Das ist schwer zu verstehen, wenn du von außen kommst. Aber wenn du den Schwaben zum Freund hast, hast du ihn fürs ganze Leben. Der Schwabe kann auch ein angenehmer Zeitgenosse sein.

Leserkommentare
  1. Fredi Bobic erklärt das finanziell konsolidierte Mittelmass zum neuen Saisonziel:

    >>> Aber die Bundesliga ist ein extrem harter Wettkampf geworden. Das hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch verändert.

    Ein deutliches Zeichen, dass die BL ab 2012/2013 eine klare 2.Klassengesellschaft geworden ist: Champions League Bayern und Dortmund, die Deutschlands Beste kaufen auf kurz oder lang, dann 16 weitere Ausbildungsmannschaften. Es war noch nicht allzu lange her, da konnte Bayern froh sein, einen Punkt aus Stuttgart mitzunehmen...
    Bleibt zu hoffen, dass Stuttgart wieder mit jungen Wilden auf sich aufmerksam macht und der BL erhalten bleibt. Freiburg ist ein ganz starker Konkurrent um die Talente geworden.

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    nicht nur Freiburg, auch Hoffenheim.

    Insgesamt gefällt mir sehr gut, was Bobic dort macht. Ob es der richtige Trainer ist, wird sich im nächsten Jahr zeigen. Diese Saison gilt die Ausrede des dünnen Kaders noch, nächstes Jahr muss Labbadia zeigen, was er kann.

    Was hat Stuttgart denn mit den 30 Gomezmillionen gemacht? Oder den 14 Millionen für Khedira? Kuzmanovic ist so ein Beispiel. Und das Märchen von der 2 Klassengesellschaft ist auch weit hergeholt:
    Beispiel für Transfers bei denen tolle Spieler gekauft wurden, oder Ablösefrei waren:
    Leverkusen - Leno, Schürrle, Bender, Sam, Schwaab (der nun zu Stuttgart wechselt)
    Schalke - Obasi, >Neustädter, Holtby, Fuchs, Moritz
    Dortmund - Reus, Gündogan, Leitner, Bender, Hummels
    Bremen - Özil, Marin und einige andere
    Stuttgart - Ibisevic, Harnik, Gentner
    Alle Vereine werben auf kurz oder lang anderen Vereine talentierte Spieler ab. So ist das Geschäft.
    Eh ich mich hier verzettele: http://www.transfermarkt....
    Diese Ansicht gibt mehr wieder, als jede andere Statistik und zeigt eindeutig, dass Bayern zwar mit deutlichem Abstand Transfermeister ist, aber die Klubs nie in der Lage waren, das erhaltene Geld sinnvoll zu investieren und das ist nicht die Schuld von München. Stuttgart hätte eigentlich das Potenzial zu einem Topverein in der Liga, aber es wurden einfach auch viele Einkäufe gemacht, die nicht so sinnvoll waren. Wieder die Statistik: http://www.transfermarkt....
    Das kann man ewig so weiterführen. Fakt ist: Die wenigsten Vereine haben sportlichen Erfolg in bare Münze umgewandelt

  2. nicht nur Freiburg, auch Hoffenheim.

    Insgesamt gefällt mir sehr gut, was Bobic dort macht. Ob es der richtige Trainer ist, wird sich im nächsten Jahr zeigen. Diese Saison gilt die Ausrede des dünnen Kaders noch, nächstes Jahr muss Labbadia zeigen, was er kann.

    • freerk
    • 31. Mai 2013 21:19 Uhr

    nach einigen Erfolgen (Meistertitel usw) war man in Stuttgart, wie die meisten anderen Meister-Vereine auch, ziemlich euphorisch..., viel Geld ausgeben mit kaum Renditen.

    Zumindest ist der Sportchef ein ruhiger Typ und fühlt sich VfB sehr verbunden. Daher bin ich ziemlich optimistisch, was die nächste Saison angeht.

  3. Was hat Stuttgart denn mit den 30 Gomezmillionen gemacht? Oder den 14 Millionen für Khedira? Kuzmanovic ist so ein Beispiel. Und das Märchen von der 2 Klassengesellschaft ist auch weit hergeholt:
    Beispiel für Transfers bei denen tolle Spieler gekauft wurden, oder Ablösefrei waren:
    Leverkusen - Leno, Schürrle, Bender, Sam, Schwaab (der nun zu Stuttgart wechselt)
    Schalke - Obasi, >Neustädter, Holtby, Fuchs, Moritz
    Dortmund - Reus, Gündogan, Leitner, Bender, Hummels
    Bremen - Özil, Marin und einige andere
    Stuttgart - Ibisevic, Harnik, Gentner
    Alle Vereine werben auf kurz oder lang anderen Vereine talentierte Spieler ab. So ist das Geschäft.
    Eh ich mich hier verzettele: http://www.transfermarkt....
    Diese Ansicht gibt mehr wieder, als jede andere Statistik und zeigt eindeutig, dass Bayern zwar mit deutlichem Abstand Transfermeister ist, aber die Klubs nie in der Lage waren, das erhaltene Geld sinnvoll zu investieren und das ist nicht die Schuld von München. Stuttgart hätte eigentlich das Potenzial zu einem Topverein in der Liga, aber es wurden einfach auch viele Einkäufe gemacht, die nicht so sinnvoll waren. Wieder die Statistik: http://www.transfermarkt....
    Das kann man ewig so weiterführen. Fakt ist: Die wenigsten Vereine haben sportlichen Erfolg in bare Münze umgewandelt

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    Sie vergessen die Steuer. Für verkaufte Spieler muss man Steuern zahlen.
    Wieviel? Das weiß ich nicht. Aber sicherlich nicht wenig. In einem Interview war mal die Rede von ca. 30 %. Ob davon Spieler mit Ablösesumme oder ablösefrei gemeint waren, war mir nicht ganz klar.

  4. Transfers ärgern, dann würde ich doch spontan nach Frankreich schauen, wo ein Aufsteiger mehr für neue Spieler ausgibt, als Bayern in 3 - 4 Jahren. Was gerade zwischen Paris und Monaco passiert wird dem europäischen Fußball noch sehr weh tun und hier finden wir die eigentliche 2Klassengesellschaft des Fußballs und da ist Dortmund das, was Freiburg in der Bundesliga ist.
    Falcao für 60 Millionen zu Monaco und Coentrao wohl ebenfalls.
    In Europa fehlt jegliches Maß, wenn man sich die Transferbilanzen der "Topclubs" anschaut:
    http://www.transfermarkt....
    http://www.transfermarkt....
    http://www.transfermarkt....
    http://www.transfermarkt....
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    Das kann man bei vielen Klubs so weitermachen und es führt zu der einfachen Erkenntnis: Geld schießt keine Tore, aber die Topspieler, die man für Geld kauft.

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    ...und was hat das alles mit dem VfB zu tun?

    "Was hat Stuttgart denn mit den 30 Gomezmillionen gemacht? Oder den 14 Millionen für Khedira?"
    Das fragen sich alle VfB-Fans seit Jahren. Ein Teil ging ins Stadion, ein Teil in Kuz und Marica, und die Personalkosten waren wohl ein großes Problem.

    Stuttgart ist ein Problem an sich. Die Zweiklassengesellschaft (oder sinds 3?) in der Bundesliga ist ein anderes Problem. Die Investoren im ausländischen Ligen sind nochmal ein anderes Problem.

  5. 6. VfB...

    ...und was hat das alles mit dem VfB zu tun?

    "Was hat Stuttgart denn mit den 30 Gomezmillionen gemacht? Oder den 14 Millionen für Khedira?"
    Das fragen sich alle VfB-Fans seit Jahren. Ein Teil ging ins Stadion, ein Teil in Kuz und Marica, und die Personalkosten waren wohl ein großes Problem.

    Stuttgart ist ein Problem an sich. Die Zweiklassengesellschaft (oder sinds 3?) in der Bundesliga ist ein anderes Problem. Die Investoren im ausländischen Ligen sind nochmal ein anderes Problem.

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    dann sind die Bayern eine Klasse für sich und dies ein Umstand, der schwer zu ändern ist. Der Rest, sei es nun Dortmund, Schalke, Leverkusen, Bremen, Hamburg, Stuttgart, Gladbach, Wolfsburg, Hoffenheim, Hannover und das ein oder andere "Überraschungsteam" ist finanziell und sportlich sehr nah beieinander und geht unterschiedlich mit sportlichem Erfolg um. Wenn man also mit Klassengesellschaft Bundesliga argumentieren möchte, dann muss man einen genaueren Blick riskieren. Jetzt kommt einiges im Konjunktiv, aber man sollte es bedenken. Hätte Dortmund die CL verpasst und Bayern nicht Götze gekauft und man nicht so erfolgreich in der CL abgeschnitten, dann würden viele Millionen fehlen. Interessant ist im Übrigen auch, bei wem sich viele Bundesligisten bedienen und das sind in der Regel die 2Ligisten, denen es selten möglich ist, die Klasse zu halten, wenn ihnen der Aufstieg gelungen ist. Hier sehe ich ein Problem.
    Und Beitrag #5 sollte nur aufzeigen, dass die Bundesliga nur Teil eines Systems ist, in dem die Spieler fast immer zu dem Klub gehen, wo das Geld besonders locker sitzt, bzw. sie dahin verkauft werden. Neulich gab es einen Beitrag zum Thema England und Fußballidentität. Der Umgang mit Profis als Ware hat jegliche Identität zerstört. In Deutschland würde man es den Magath Effekt nennen, den man auf Schalke erlebt hat.
    Und Stuttgart? Stuttgart hat so viel Potenzial als Standort, aber irgendwie bekommen sie es einfach nicht wirklich hin, sich ordentlich zu vermarkten.

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