Extremsportler PolliDer durch den Felsen flog

Nur mit einem Fluganzug bekleidet stürzte sich Alexander Polli mit 250 Sachen durch ein winziges Felsloch. Ein Gespräch mit dem Internet-Helden über seinen Stunt von Annika Müller

Gerade einmal 7 Meter misst das Nadelöhr am Roca Foradada, der "durchlöcherte Fels" in der Nähe von Barcelona, das der 27-jährige Italo-Norweger Alexander Polli vom Helikopter aus anpeilte. In 700 Metern Höhe und 700 Metern Entfernung sprang er ab und schoss mit 250 Sachen durch das Loch. Ein Fehler wäre tödlich gewesen. Im Internet zählt der Clip rund neun Millionen Clicks.

ZEIT ONLINE: Das Fliegen ist der älteste Traum der Menschheit. Woher kommt dieses Verlangen?

Alexander Polli: Der Wunsch zu fliegen ist tief in uns verankert. Jeder hat schon vom Fliegen geträumt und es als Kind vielleicht auch schon versucht. Nun hat uns die Technik soweit gebracht, dass wir mit der entsprechenden Ausrüstung und langem Training tatsächlich fliegen können. Dies zu erleben, macht mich zum glücklichsten Menschen der Welt und erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Sie sind mit dem Flug durch die Roca-Foradada-Höhle zur Internet-Berühmtheit geworden. Was bedeutet dieser Flug für Sie?

Wingsuit

Der "Wingsuit", der "Flügelanzug", wurde bisher überwiegend beim Skydiving eingesetzt. Bei dieser Sportart springt man aus einem Flugzeug und schwebt dann eine Weile – in ausreichender Entfernung von Objekten wie Gebäuden und Bergen – in der Luft, bevor man zuletzt einen Fallschirm öffnet.

Beim Proximity flying, der Steigerung des Skydivens, versuchen die Akteure so nahe wie möglich an Felswänden oder Bäumen vorbeizufliegen. Sie springen entweder aus einem Helikopter oder Heißluftballon, aber auch – wie die nur mit einem Fallschirm ausgestatteten Basejumper – von hohen Felswänden oder Berggipfeln. Die Kombination aus dem Basejumping und dem Fliegen mit einem Wingsuit wird Wisbase genannt. Beim Objektspringen werden Gebäude als Absprungbasis benutzt.

Training und Sicherheit: Das Fliegen mit einem Wingsuit ist extrem kompliziert und gefährlich (Allein im Jahr 2011 starben zehn Personen bei einem Wisbase-Sprung). Die United States Parachute Association (USPA) rät vor dem ersten Flug mit einem Wingsuit mindestens 200 Skydives im "freien Fall", also nur mit einem Fallschirm praktiziert zu haben. 500 angeleitete Wingsuit-Sprünge sollen vor dem ersten Alleingang stehen. Auch die Hersteller von Wingsuits verlangen beim Kauf den Nachweis dieser Flugerfahrung.

Kritik an Red Bull

Seit im Jahr 2009 zwei Objektspringer bei einem Werbeauftritt im Auftrag von Red Bull sowie bei Dreharbeiten für einen Werbefilm der Getränkemarke tödlich verunglückten, wurde Kritik an der Getränkemarke laut. Red Bull investiert massiv in Extremsportarten und wird derzeit mit dem Vorwurf konfrontiert, zu hohen Druck auf die gesponserten Athleten auszuüben. Seit 2008 kam es zu mindestens acht Todesfällen von Extremsportlern im Zusammenhang mit Events oder Filmen im Auftrag von Red Bull.

Alexander Polli hat keinen Sponsor.

Alexander Polli

Der Italo-Norweger Polli, 27, hat seine Stopover-Basis und sein Materiallager in Mailand. Sonst lebt er aus dem Rucksack. Polli war schon immer ein Mensch der Extreme: Als fünfjähriger Junge ging er mit dem Vater Tauchen und fütterte die Haie, von der Mutter bekam er kaum später den ersten Fallschirm geschenkt. Als Jugendlicher nahm er an Snowboardwettkämpfen teil, bevor er sich den extremen Flugdisziplinen Skydiving, Basejumping und Wingsuit-Fliegen verschrieb.

Polli: Jeder Flug ist ein Akt der Selbstverwirklichung. Ich hatte beim Fliegen nie die Öffentlichkeit im Sinn, sondern betreibe es für mich selbst.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie die Höhle verfehlt hätten, wären Sie womöglich gestorben. Hat Sie das nicht nervös gemacht?

Polli: Ja, natürlich. Doch nachdem ich die Höhle eingehend studiert hatte, wusste ich, dass ich sie mit meinen Flugfähigkeiten meistern kann. Die Höhle stellte genau genommen keine zu große Schwierigkeit dar. Das einzige Hindernis waren in der Tat meine Bedenken.

ZEIT ONLINE: Nun haben Sie Ihre Treffsicherheit nicht nur sich selbst, sondern auch einem Millionenpublikum bewiesen. Wie fühlt sich das an?

Polli: Ich bin tief berührt von der großen Resonanz und die vielen Zuschriften. Dass mir der Erfolg des Films nun erlaubt, ein wenig Geld mit dem zu verdienen, was ich aus Leidenschaft tue, ist überwältigend.

ZEIT ONLINE: Wie finanzieren Sie Ihren Sport? Sie haben keinen Sponsor.

Polli: Ich habe noch keine besonders gute Lösung gefunden. Ich spiele Poker und bin darin recht erfolgreich.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass manche Extremsportler ein höheres Risiko eingehen, um ihre Sponsoren zu befriedigen?

Polli: Mit Sicherheit. Man muss sich nur ausrechnen, wie viele tausend Extremsportler es gibt und wie viele von denen etwas vom Kuchen abbekommen wollen. Aber wer des Geldes wegen ein solch hohes Risiko eingeht, tut dies aus dem falschen Grund. Sobald ein Vertrag an Bedingungen geknüpft wäre, käme er für mich nicht mehr infrage.

ZEIT ONLINE: Extremsport bedeutet auch Angst.Wie überwinden Sie sie?

Polli: Ich meditiere und mache viele Atemübungen. Wenn ich fliege, atme ich bewusst durch die Nase. Ich nehme jeden Atemzug genau wahr.

ZEIT ONLINE: Ist da noch ein Rest an Zweifel, wenn sie sich im Helikopter zum Absprung bereit machen?

Polli: Nein, dann bin ich absolut ruhig. Spätestens mit den Testflügen legen sich die Zweifel. In dem Moment, in dem ich in den Helikopter steige, glaube ich nicht nur, dass ich es schaffen kann. Ich bin felsenfest davon überzeugt. Nervosität, auch Angst kommen allenfalls einige Wochen vor dem Flug auf, wenn ich mir ein neues Ziel setze. So wie heute, als ich in die Berge gewandert bin, um mir eine neue Flugstrecke vorzunehmen.

Leserkommentare
    • vyras
    • 14. Mai 2013 12:55 Uhr

    "Nur mit einem Fluganzug bekleidet stürzte sich Alexander Polli mit 250 Sachen durch ein winziges Felsloch. Jetzt ist der Waghalsige ein Internet-Held."

    Er riskiert sein Leben um des Kicks willen, manche Menschen fühlen ihre Lebendigkeit am ehesten oder sogar nur in Todesnähe. Solche, dazu ansprechend inszenierten Aktionen werden mit Klicks belohnt, die Unterscheidung zwischen "Held" und "Internet-Held", die der Artikel trifft, finde ich jedoch angemessen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Fähr jemnd mit einem Auto an ihnen vorbei schreien sie doch auch nicht gleich: "Todesnähe!" Oder doch? Vielleicht schauen sie sich das Video nocmal an und lessen den Artikel gründlicher.....

    ... war sicher100% besser vorbereitet, fitter, trainierter, geübter und sich des Risikos 100mal bewusster als die meisten, die jeden Morgen in ihr Auto steigen und zur Arbeit fahren. Was sagen Sie zu denen? Todessehnsucht?

  1. "Polli: Jeder Flug ist ein Akt der Selbstverwirklichung. Ich hatte beim Fliegen nie die Öffentlichkeit im Sinn, sondern betreibe es für mich selbst."

    Genauso riskiert jeder Motorradfahrer freiwillig sein Leben, um des Spaßes/Kicks/wasauchimmer Willen.

    2 Leserempfehlungen
    • genug
    • 14. Mai 2013 13:37 Uhr

    .."beim Fliegen nie die Öffentlichkeit im Sinn hatte, sondern es für sich selbst betreibt.." , würde er damit nicht an die Öffentlichkeit gehen, sondern seinen Sieg über die Gefahr und seine Angst still geniessen.

    Stattdessen gefährdet er mit seinem Spektakel tausende anderer Wagemutiger, was ich verantwortungslos finde.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Afa81
    • 14. Mai 2013 14:01 Uhr

    "Stattdessen gefährdet er mit seinem Spektakel tausende anderer Wagemutiger, was ich verantwortungslos finde."

    Was meinen Sie damit?

    Unterm Strich denke ich, muss jeder selbst wissen, was er macht. Und die Leute, welche die Schulder mit "2013" gehalten haben, waren sich der Gefahr bewusst und wurden nicht dazu gezwungen. Dafür sind sie jetzt teil dieses Spektakels.

    Bewundern muss man das nicht, aber ich verstehe jetzt auch nicht, was daran so schlimm sein soll...

    • genug
    • 14. Mai 2013 13:39 Uhr

    .."beim Fliegen nie die Öffentlichkeit im Sinn hatte, sondern es für sich selbst betreibt.." , würde er damit nicht an die Öffentlichkeit gehen, sondern seinen Sieg über die Gefahr und seine Angst still geniessen.

    Stattdessen gefährdet er mit seinem Spektakel tausende anderer wagemutiger Nachahmer, was ich verantwortungslos finde.

    2 Leserempfehlungen
  2. und Held... Exact auf den Punkt gebracht, vyras, ausgezeichnet!
    Nein, ich gehöre nicht zu den 9 Millionen You Tube Clip-Clickern.
    Hierzulande heißt es noch immer: Wer sich selbst oder andere bewußt in Lebensgefahr bringt, gehört in die Anstalt gebracht...
    Wahre Helden bleiben für mich zB. die Kämpfer im Ghetto von Warszawa, im April - Mai 1943.
    Und mit Sport hat das hier gar nichts zu tun. Soll das etwa Spaß machen ?
    Oder gesund für Körper oder Seele sein ?
    Da haben wird in den Niederlanden eine andere Vorstellung von Sport, Freude am Spiel für jeder Mann und jede Frau: Dutch Tennis oder wie es heute heißt Dynamic Tennis, gespielt von Leuten ab 15 bis 85, nahezu ohne Verletzungsgefahr, gut für Herz und Hirn. Und spánnend ohne Ende..denn man weiß nie so genau wo der kleine Ball (17 Gramm) auf dem Feld von etwa 5,2 x 12 Meter landet..Und zählen tun wir nur bis 21. Gerne würden wir von Holland aus Dyntennis internationalisieren...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • deDude
    • 14. Mai 2013 15:46 Uhr

    "Wahre Helden bleiben für mich zB. die Kämpfer im Ghetto von Warszawa, im April - Mai 1943."

    Sie müssen berücksichtigen das sich, bei einer derart inflationären Nutzung des Begriffes "Held/in" wie wir sie heute vorfinden die Bedeutung des Wortes auch ein wenig dem Zeitgeist angepasst hat. Früher war ein Held z.B. jemand der bereit war sich selbst für andere aufzuopfern, heute ist ein Held jemand der im Halbfinale gegen Real-Madrid vier Tore schießt.

    Jede Zeit hat ihre Helden, sein wir froh das die unseren nur Tore schießen und keinen Krieg führen müssen.

    *lach* Sie wollen allen Adrenalinjunkies Seniorentennis verschreiben? Bei allem Respekt, ich mag die Holländer ja wirklich, aber da würd' selbst ich lieber durchs Nadelöhr springen, zumindest, solange ich noch keine 80 bin.
    Ich denke tatsächlich, dass es Spass macht und einfach ein unvergessliches Erlebnis ist (das Springen, nicht das Tennis). Zumindest ging es mir so mit nem simplen Tandemsprung. Wo ist denn das Problem, wenn sich einer selbst umbringt? Mit 200 Sachen die Stunde gegen ne Felswand ist sicherlich schmerzfrei. Natürlich könnte er auch Pech haben und nur ins Trudeln kommen und abstürzen nebst Querschnittslähmung. Well...

    • Afa81
    • 14. Mai 2013 14:01 Uhr

    "Stattdessen gefährdet er mit seinem Spektakel tausende anderer Wagemutiger, was ich verantwortungslos finde."

    Was meinen Sie damit?

    Unterm Strich denke ich, muss jeder selbst wissen, was er macht. Und die Leute, welche die Schulder mit "2013" gehalten haben, waren sich der Gefahr bewusst und wurden nicht dazu gezwungen. Dafür sind sie jetzt teil dieses Spektakels.

    Bewundern muss man das nicht, aber ich verstehe jetzt auch nicht, was daran so schlimm sein soll...

    Antwort auf "wenn er wirklich.."
    • Afa81
    • 14. Mai 2013 14:02 Uhr

    ...Sie haben die besseren Worte gefunden, als ich in Komm. #8.

    Das sind erwachsene Menschen - die (und ihre Helfer) können in diesem Fall selbst entscheiden, welchem Risiko sie sich aussetzen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf
  3. Fähr jemnd mit einem Auto an ihnen vorbei schreien sie doch auch nicht gleich: "Todesnähe!" Oder doch? Vielleicht schauen sie sich das Video nocmal an und lessen den Artikel gründlicher.....

    Antwort auf "Todesnähe"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
Service