Mir fällt das hier nicht leicht, das musst Du wissen, lieber FC Bayern. Wie viele andere mochte ich Dich nie besonders. Dein Mia-san-mia-Getöse, Deine Großmannssucht, Deine Nähe zur CSU, zum Freistaat, zum großen Geld. Die Effenbergs und Kahns, diese Griesgrame, die nie lachten, denen die Gier die Gesichter verzog. Immer ging es um mehr, mehr, mehr, Druck, Druck, Druck. Dabei soll Fußball doch Freude machen. Wer in den vergangenen Jahren ein Herz hatte, lieber FC Bayern, musste Dich blöd finden.

Am Schlimmsten war Dein Fußball. Du hast immer gewonnen. Das war todlangweilig, aber gar nicht das, was mich störte. Das war Dein furchtbares Spiel. Ohne Idee, ohne Konzept. Du hattest immer das meiste Geld und brauchtest trotzdem Bayern-Dusel. Das, lieber FC Bayern, habe ich nie verstanden.

Ich habe mal gelesen, Deine Arroganz sei Teil Deiner Marketingstrategie. Du willst gar nicht gemocht werden. Du willst, dass die Leute Dich doof finden und verlieren sehen wollen. Weil Dich das aufputscht und weil es die, die trotzdem zu Dir halten, zusammenschweißt. Nun, vielleicht musst Du Dir bald was Neues überlegen.

In diesem Jahr hast Du dich verändert. Ich habe Dich am Wochenende in Mönchengladbach gesehen. 4:3, was für ein Spiel! Du hast es gedreht, obwohl Du gar nicht musstest. Du hast schöne Tore geschossen, obwohl Du sie nicht brauchtest. Du hast alles gegeben, obwohl Du in einer Woche Größeres vorhast. Du hast gespielt, wie Du die ganze Saison gespielt hast, in der Bundesliga, im Pokal, in der Champions League: klug und wild, mit Herz und Verstand.

Es schaut so leicht aus und dennoch zielstrebig, so heißblütig, aber dennoch strukturiert. Ribery, der Artist, Schweinsteiger, die Stimmgabel, Dante, der Leuchtturm – ihnen allen könnte ich stundenlang zuschauen. Lieber FC Bayern, endlich spielst Du den schönen Fußball, den Du schon immer hättest spielen sollen.  

Du hast in diesem Jahr viele Rekorde aufgestellt: die meisten Punkte, den größten Vorsprung, die höchste Tordifferenz, die wenigsten Gegentore und Niederlagen. 25 Rekorde sind es, Du hast sie etwas angeberisch auf Deiner Homepage gelistet. Aber das ist okay. Für dieses Jahr gebührt Dir Respekt.

Zum Glück gibt es noch Deine Chefetage

Damals, Anfang der Neunziger, ich war vielleicht zwölf Jahre alt, konnten wir uns in der Provinz meiner Heimat nur zwischen Dir und Dortmund entscheiden. Ich hatte doch keine Ahnung und trug einen Pullover mit dem Bazi drauf, Deinem Maskottchen, das längst in Rente ist. Es war auch kein Gefühl, eher eine rationale Entscheidung. Wenn wir mal jubeln wollten, gab es nur rot oder schwarz-gelb. Eine Wahl wie zwischen Nogger und Flutschfinger oder Blur und Oasis. Als ich begann, zu begreifen, als ich die Arroganz erkannte, fand ich Dich doof. Und schämte mich. 15 Jahre habe ich niemandem von diesem Pullover erzählt.

Wie damals hätten in diesem Jahr Deine Spieler wieder alle Gründe, den großen Max zu markieren. Aber die Demut steht ihnen gut. Du polterst nicht mehr, FC Bayern. Du musst nicht mehr jedem sagen, dass Du der Beste bist, Du bist es einfach. Du hast sogar einen Trainer, der weint. Und Du hast Thomas Müller. Er ist auch Mia-san-Mia, aber kann über sich lachen. Er ist der Anti-Kahn, der Anti-Effenberg. Kein Druck, nur Freude.

Zum Glück gibt es noch Deine Chefetage. Sie ist gierig, wie früher, und passt so gar nicht zu dem, was auf dem Feld passiert. Uli Hoeneß wälzt sich. Nicht etwa, weil er den Staat betrogen hat, uns alle, also auch Dich, lieber FC Bayern. Sondern weil er Angst hat, nicht mehr dazuzugehören. Dazu kommen Rummenigges angestrengte Attacken. Und jetzt auch noch Sammer, Dein Mecker-Maskottchen. Ich bin ein wenig froh, dass es die gibt.  Sonst müsste ich fast doch noch nach meinem alten Pullover suchen.

Ich werde Dich niemals lieben, aber nach dieser Saison, vor diesem Champions-League-Finale erschrecke ich manchmal. Ich ertappe mich dabei, wie ich möchte, dass Du ein Tor machst. Weil Du es endlich verdient hast.