KorruptionDer Gewichtheber-Boss, der seinen Schwiegersohn bezahlt

Von den Konten des Gewichtheberverbandes sind fünf Millionen Dollar verschwunden. Der Präsident Tamás Aján gilt als höchst korrupt. Jetzt ist er wiedergewählt worden. von Grit Hartmann

Russlands damaliger Präsident Dmitri Medwedew (links) überreicht Tamás Aján im Jahr 2011 einen Orden.

Russlands damaliger Präsident Dmitri Medwedew (links) überreicht Tamás Aján im Jahr 2011 einen Orden.  |  © Maxim Shipenkov, DPA

Tamás Aján ist einer der Sportfunktionäre, die selten an sich selbst zweifeln. Der 74-jährige Ungar regiert den Gewichtheber-Weltverband, die IWF, schon so lange wie Sepp Blatter die Fifa: Seit 1976 als Generalsekretär und seit dem Jahr 2000 als Präsident. Das Reich der Eisenstemmer ist viel kleiner als des gigantischen Fußballverbandes, selbst bei internationalen Meisterschaften bleiben die Muskelprotze an den Hanteln oft unter sich. Viele Nationalverbände haben Probleme mit der Nachwuchsfindung. Was auch daran liegt, dass der Hang zum Doping ungefähr so fest verankert ist wie im Radsport: Auf 450 Doping-Fälle kamen die Heber in den vergangenen zehn Jahren – rekordverdächtig im internationalen Sport. Aján, den Dauerpräsidenten, stört das wenig: Ein Buch müsse her, meint er beispielsweise, um seine "revolutionären Verbesserungen" fürs Gewichtheben auch nur "aufzulisten".

 

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Der Fußball jongliert mit einem Milliarden-Vermögen, die Heber nur mit Millionen. Allerdings liegen harte Indizien dafür vor, dass Aján genauso korrupt ist wie viele der Fifa-Fürsten. Damit ist nicht gemeint, dass der Heber-Boss sich mit großzügigen 300.000 Dollar im Jahr fürs Ehrenamt entschädigen lässt oder dass er den Schwiegersohn im Budapester Präsidenten-Büro beschäftigt. Von den IWF-Konten sind auf mysteriöse Weise mindestens fünf Millionen Dollar verschwunden.

Dabei handelt es sich um Geld vom Internationalen Olympischen Komitee, IOC. Das überweist den Weltverbänden seit 1992 Anteile an den TV- und Sponsorenmilliarden, die es für die Olympischen Spiele kassiert. Am Tropf dieser Zuweisungen hängen die meisten der 35 olympischen Föderationen; Selbstversorger wie der Fußball sind die Ausnahme. Die IWF bekam zwischen 1992 und 2008 rund 23,3 Millionen Dollar – allerdings wussten die Nationalverbände das nicht. Grund: Aján hortete den Großteil des Geldes auf zwei Schweizer Konten, auf die er exklusiven Zugriff hatte. Als die Sache 2009 aufflog, fehlten nach Rechnung einiger Funktionäre einige Millionen.

Aufklärungsversuche wehrte Aján erfolgreich ab: Statt die Transaktionen auf den Konten offenzulegen, lamentierte er mal über "unbelegte Beschuldigungen" gegen ihn, mal wies er Fragen als "eine hochgefährliche Angelegenheit" zurück, "die die Einheit des Gewichthebens spaltet".

Derlei Gerede kennt man aus der olympischen Welt, wo "Einheit" und "Familie" Schlüsselbegriffe sind. Sie zielen auf die Omerta, jene Schweigepflicht, die auch über den Geschäften eines anderen Gesellschaftszirkels liegt. Allerdings: Für den Sport gibt es leise Hoffnungsschimmer, wie beim IWF-Wahlkongress am Pfingstwochenende in Moskau zu besichtigen war. Wenig zurückhaltend twitterte zum Beispiel Christian Baumgartner, der Chef des deutschen Gewichtheber-Verbandes: "Morgen wird sich zeigen, was sich ein IWF-Präsident alles ungestraft leisten kann."

Erstmals in vier Jahrzehnten musste sich Aján einem Gegenkandidaten stellen: dem Italiener Antonio Urso, der den europäischen Kontinentalverband leitet. Urso, ein ehemaliger Heber, arbeitet inzwischen als wissenschaftlicher Direktor an einer Universität in Rom. Er hält Gewichtheben für "die absolut beste Sportart der Welt". Dass Aján seinen Sport an den Abgrund gesteuert hat, sieht nicht nur er so – immerhin 55 Nationalverbände stimmten für ihn. 80 allerdings hielten Aján die Treue. Nicht gerade ein überwältigender Vertrauensbeweis für einen, der bisher immer durch so genannte Akklamation "gewählt" wurde, durch Händeklatschen.

Leserkommentare
    • Lefty
    • 22. Mai 2013 14:47 Uhr

    Die IOC-Führung stellte gerade erneut unter Beweis, dass sie fest ans Gute im Olympier glaubt: Ehrenmitglied Aján wurde erneut in zwei Kommissionen berufen.

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