Die Aufgabe des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG ist es, Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Zumindest in diesem Punkt sind die Herren Winterkorn, Haider, Hainer und Markwort ihrer Pflicht vollumfänglich nachgekommen, als sie entschieden, Uli Hoeneß seine Ämter behalten zu lassen. Hoeneß hatte, so erklärte es der Verein, selbst angeboten, seine Ämter ruhen zu lassen. Die Aufsichtsratsmitglieder lehnten "einvernehmlich" ab, 8:0.

Es wären sonst wilde und führungslose Tage geworden in München. Tage, die der Verein so gar nicht gebrauchen kann, knapp drei Wochen vor dem ersten deutschen Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund. Jetzt wird Hoeneß als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender dabei sein können, im Wembley, auf der Ehrentribüne.

Dieses Geschenk, das die Wirtschaftsbosse ihrem Präsidenten gemacht haben, überrascht. Vorher war zu hören, Hoeneß müsse um seine Ämter bangen. Am Ende kam es im Aufsichtsrat des FC Bayern zu einer seltsamen Art der Interessenabwägung. Und zu einer falschen. Mit der Entscheidung setzen sie nicht nur ihre eigene Integrität und die ihrer Firmen aufs Spiel. Sondern sie hinterlassen auch den Eindruck, dass sie Hoeneß in der Steuer-Affäre den Rücken decken.

Als Bosse von Audi, VW, und Adidas setzen die Bayern-Aufsichtsräte in ihren Unternehmen strenge Compliance-Regeln um. VW etwa  bezeichnet auf seiner Homepage "ethische Grundsätze" als "integralen Bestandteil unserer Unternehmenskultur". Es gibt Mitarbeiter, die zusammenzucken, wenn ihnen ein Geschäftspartner einen Füllfederhalter schenkt. Ihre Bosse müssen sich nun vorwerfen lassen, mit einem Unternehmen zusammenzuarbeiten und im Falle von Audi und Adidas sogar Teil eines Unternehmens zu sein, deren Aufsichtsratsvorsitzender Steuern im großen Stil hinterzogen hat. Das gefährdet die Glaubwürdigkeit und das Image der Firmen.

Medienberichten zufolge sollen Hoeneß’ Anwälte versucht haben, einen Deal mit der Staatsanwaltschaft einzufädeln. Sein Gesuch, eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung, habe die Staatsanwaltschaft aber abgelehnt. Möglich, dass eine Einigung doch in Aussicht steht. Möglich, dass Hoeneß nicht ins Gefängnis muss. Möglich, dass Hoeneß damit den Aufsichtsrat beruhigen konnte.

Doch eine Strafe sollte kein Kriterium sein. Es geht auch um Moral. Selbst wenn er wegen seiner Selbstanzeige um eine Strafe herumkommt, bedeutet das nicht, dass er keine Straftat begangen hat. Wichtigster Mann des größten und bekanntesten deutschen Fußballvereins dürfte er nicht mehr sein.

Es ist verständlich, dass die Aufsichtsratsmitglieder, die bisher eng und erfolgreich mit Hoeneß zusammengearbeitet haben, ihm das große Finale gönnen. Dafür hat der Bayern-Präsident zu viel geleistet. In jedem Fall wäre er der Kopf hinter einem Sieg von London. Egal ob als Präsident auf der Ehrentribüne oder nicht.

Doch einen großen Gefallen tun sie ihm damit nicht.  Denn wer sich in zehn oder 20 Jahren Wembley-Jubel-Bilder von Hoeneß anschaut, könnte immer auch einen faden Beigeschmack spüren.