Manchester Uniteds Wayne Rooney © Alex Livesey/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Hornby, früher wurden deutsche Spieler und deutsche Mannschaften insbesondere in England als bloße Renner, Maschinen, Panzer verspottet, bewundert, gefürchtet. Nun haben zwei deutsche Mannschaften die Champions League unter sich ausgemacht: Dortmund und Bayern. Zusammen mit der deutschen Nationalmannschaft gelten sie als Avantgarde des modernen, künstlerisch wertvollen Spiels. Wie nehmen Sie diese Entwicklung aus englischer Perspektive wahr?

Nick Hornby: Ich glaube, dass die Menschen hier das deutsche Modell wirklich bewundern. Gerade die Arsenal-Fans hatten die Arroganz der beiden spanischen Vereine satt. Ständig diese Ankündigungen, dass sie wahrscheinlich diesen oder jenen Spieler kaufen würden, und das immer mitten in der Saison. In den letzten paar Jahren haben wir Song, Hleb und Fabregas an Barça verloren und es scheint ganz so, als wären alle drei Spieler durch den Wechsel beschädigt, wenn nicht sogar zerstört worden. Daher ist die Achse Dortmund/München nicht nur wegen ihres Fußballs interessant, der aufregend und technisch anspruchsvoll ist, sondern auch weil gerade die Dortmunder Mannschaft gut aufgebaut ist, ganz offen für jeden. Bloß, dass sie gerade ihre Spieler an München verliert.

ZEIT ONLINE: Kann, muss der englische Fußball am Ende ausgerechnet von den Deutschen etwas lernen?

Hornby: Wir müssen noch eine Menge Dinge erledigen, bis wir von den Deutschen lernen können. Wir sind noch gar nicht in der Lage, überhaupt etwas zu lernen. Der englische Fußball ist von Oligarchen und Scheichs ruiniert worden. Es gibt zu viele Fußballer in England, die zweihundertfünfzigtausend Euro in der Woche verdienen und keinerlei Interesse an dem Klub haben, für den sie spielen, geschweige denn so etwas wie ein Zugehörigkeitsgefühl verspüren. Nur drei Teams können die Meisterschaft gewinnen, und das wird sich in den nächsten Jahren auch nicht ändern. Die Pokalwettbewerbe werden entwertet durch das Bedürfnis nach Champions-League-Fußball. Viele unserer besten internationalen Fußballer kommen in ihren Klubs kaum zum Spielen. Beim Match von Manchester United gegen Real Madrid saß selbst Rooney auf der Bank! Ich habe keine großen Hoffnungen für die Zukunft des Fußballs in unserem Land. Aber vielleicht müsst ihr das auch irgendwann durchmachen. Bayern wirkt auch schon zu stark für die Bundesliga.

ZEIT ONLINE: Bei Ihrem Verein Arsenal London spielen ja zwei Deutsche, Per Mertesacker und Lukas Podolski. Kann man von denen auch etwas lernen?

Hornby: Mertesacker haben die Arsenal-Fans sehr gern. Auf die Melodie von "Guantanamera" singen sie "Big fucking German/we’ve got a big fucking German!" Ich selbst mag ihn aus nostalgischen Gründen: Er erinnert mich an die siebziger und achtziger Jahre, als Innenverteidiger genauso aussahen wie er und genauso spielten.

ZEIT ONLINE: Es hieß immer, er sei zu langsam für die Premier League.

Hornby: Nun ja, er ist schon langsam. Aber er schafft es irgendwie, das zu überspielen. Er bringt sich nie in eine Lage, bei der seine Geschwindigkeit – oder vielmehr das Fehlen derselben – zum Problem wird.

ZEIT ONLINE: Und Podolski?

Hornby: Mein deutscher Verleger Helge Malchow, ein FC Köln-Fan, erzählte mir, dass Podolski "grenzenlos viele" Tore für Arsenal schießen würde. Ich möchte keinesfalls Helges Urteil infrage stellen. Aber ich denke, es ist vertretbar, wenn ich sage, dass es eventuell doch… ein paar Grenzen gibt. Das Problem für Podolski war, dass er Robin Van Persie ersetzen musste. Vielleicht nicht ganz direkt, aber beide schießen mit dem linken Fuß, also waren Vergleiche unvermeidlich. Aber er hat kaum je ein ganzes Match für Arsenal durchgespielt – immer wird er ausgewechselt, und ich weiß nicht, wie fit er im Moment ist.

ZEIT ONLINE: Das deutsch-englische Verhältnis ist aus vielen historischen Gründen nicht einfach. Spielt das bei der Beurteilung deutscher Spieler in der Premier League noch eine Rolle?

Hornby: Nein, gar nicht. Es gibt kein Problem, denn kulturell gesehen sind sich die beiden fußballspielenden Länder sehr ähnlich. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass Poldi oder Per in die gleiche Art von Nöten geraten würden wie zum Beispiel Liverpools uruguayischer Stürmer Luis Suárez in den letzten zwei Jahren: Den Gegner beißen, Rassimus und üble Nachrede – eine unschöne Kombination. Und für Arsenal haben die Deutschen noch einen ganz besonderen Vorzug: Sie sind keine Franzosen. Viele Jahre lang war Arsenal eine französische Mannschaft, und – mit Petit, Vieira, Henry, Pires und selbst Nasri – auch ganz glücklich dabei. Aber seit einigen Jahren gibt es keine französischen Spieler solchen Formats mehr, jedenfalls keine, die Arsenal sich leisten könnte. Trotzdem kauft Wenger weiterhin welche ein. Also sind die Deutschen eine willkommene Abwechslung in der Rekrutierungspolitik.