Wer die Sportschau am vorigen Samstag nur mit einem Ohr verfolgte, konnte zunächst denken, Uli Hoeneß könne die Polemik selbst in schweren Zeiten nicht lassen. Kurz zuvor hatte der Mainzer Manager Christian Heidel Bayern München meisterunwürdige Stillosigkeit vorgeworfen. "Herr Heidel kann da nicht mitreden", konterte der Vertreter des FCB, "weil er wahrscheinlich nie Meister wird". Ein vertrauter Ton bayerischer Arroganz. Doch der da sprach, war nicht Hoeneß. Es war Matthias Sammer

Läuft sich da jemand als Ersatz für Hoeneß warm, wird da einer vorgeschoben? Im Interview mit der ZEIT hatte der Präsident gebeichtet. Seine Straftat gab er zu, den unseriösen Kredit des damaligen Adidas-Chefs räumte er ein. Die Aufsichtsräte setzen ihn nun mit Hinweisen auf Compliance-Gebote unter Druck, einen Rücktritt schloss der Mann mit dem Schweizer Reservekonto erstmals nicht mehr aus. 

In der Frage, wer das Machtvakuum füllen würde, das Hoeneß hinterließe, blicken alle automatisch auf Sammer. Er ist als Sportdirektor einer von vier Vorstandsmitgliedern. Seit Sammer im Juli nach München kam, ging es bergauf. Den Bayern gelingt eine Rekordsaison, es könnten drei Titel werden. Doch welchen Anteil hat Sammer daran? Der Spieler Sammer gewann die Champions League und die Europameisterschaft, der Trainer Sammer wurde Meister. Auch der Funktionär Sammer steht im Ruf des Erfolgs. 

Experten und viele Leute in der Bundesliga gehen jedoch davon aus, dass Sammer durch die neue Situation allenfalls seinen rhetorischen Spielraum ausweiten könnte. Sie halten ihn für eine Randfigur ohne relevante Aufgabe. 

Wir hätten gerne mit Matthias Sammer über seine Arbeit gesprochen. Er sagt oft, er erwarte von Journalisten die kritische Analyse. Doch ließ er mehrere Interview-Anfragen über die Pressestelle des FC Bayern absagen. Stattdessen haben wir mit Fachleuten, Beobachtern, Wegbegleitern und Funktionären, auch ehemaligen,  gesprochen. Ihren Namen nennen lassen wollen sie nicht. 

Was allen Fußballfans, die ein Fernsehgerät besitzen, bekannt ist: Sammer ist der stete Mahner und Warner, der Motivationsredner. Selbst nach Siegesserien und Titeln fordert er Gier und Disziplin. Der Spiegel bezeichnete ihn als "Problemsucher". Inzwischen kokettiert Sammer sogar mit seiner Rolle als Spaßbremse. Doch wie arbeitet er konzeptuell?

Viel entscheiden durfte Sammer bislang nicht. Als der FC Bayern im Januar mitteilte, man werde Josep Guardiola verpflichten, den begehrtesten Trainer der Welt, da wurde Sammer in der Pressemitteilung nicht einmal genannt. Nur Hoeneß und der Vorstand Karl-Heinz Rummenigge äußerten sich. Auch in der Pressekonferenz saßen nur die beiden, dabei wird Guardiola Untergebener Sammers sein. Unwahrscheinlich allerdings, dass sich Guardiola von Sammer etwas sagen lassen wird. Die beiden gelten als Gegensätze.