Fußball in ItalienDer Abstieg des Trainermörders

Maurizio Zamparini ist einer der letzten Despoten im italienischen Fußball, insgesamt 54 Trainer feuerte er. Jetzt ist sein Verein, die US Palermo, abgestiegen. von 

Maurizio Zamparini, Präsident der US Palermo, auf einer Pressekonferenz

Maurizio Zamparini, Präsident der US Palermo, auf einer Pressekonferenz  |  © Tullio M. Puglia/Getty Images

Als Maurizio Zamparini sechs Jahre alt war, besaß er den einzigen Fußball in seinem norditalienischen Heimatdorf Sevigliano. Er entschied, wann gespielt wurde, wer mitspielen durfte. "Das war großartig", sagt Zamparini heute.

Diese Anekdote aus der Nachkriegszeit charakterisiert den nunmehr 71-jährigen Geschäftsmann Zamparini bis in die Gegenwart. Als Präsident der US Palermo bestimmt der Norditaliener seit 2002, wohin der Ball rollt und wer ihn schießen darf. In seiner Ära beim AC Venedig (1987 bis 2002) war das genauso. Beide Vereine führte Zamparini in autokratischer Herrschaft in die Serie A. Eine eindrucksvolle Bilanz unterstreicht seinen Führungsstil: In seinen insgesamt 26 Jahren als Vereinsboss feuerte Zamparini 54 Trainer. Im italienischen Fußball heißt er "l'ammazza allenatori", der Trainermörder.

Anzeige

In der laufenden Spielzeit entließ Zamparini vier Mal den Trainer. Zu Saisonbeginn hatte er zunächst Giuseppe Sannino aus der Toskana nach Palermo gelotst. Weil Zamparini Sanninos "fantastische Saison in Siena mit der Lupe" beobachtet habe, wie er sagte, wollte er ihn "für fünf Jahre beschäftigen" und fügte hinzu: "Wenn ich ihn früh rausschmeiße, dann verdiene ich die Entlassung dafür."

Bereits nach drei Spieltagen entließ Zamparini Sannino, er selbst blieb. Sanninos Nachfolger Gian Piero Gasperini durfte neunzehn Spiele ran, ihm folgte Alberto Malesani. Für zwanzig Tage. Drei Remis waren Zamparini zu wenig. Er entschied sich für den Weg zurück in die Zukunft: Weil Malesanis Vorgänger noch laufende Verträge hatten, beorderte Zamparini Ende Februar zunächst den entlassenen Gasperini zurück – und beurlaubte ihn nach dreizehn Tagen zum zweiten Mal in fünf Wochen. Rückkehrer Sannino muss seitdem das Saisonfinale bestreiten. Am vergangenen Sonntag ist der Verein abgestiegen. 

2002 hatten die Palermitaner Zamparini wie einen Erlöser empfangen. Ihr Verein dümpelte seit dem Konkurs 1986 im Niemandsland. Der Geschäftsmann Zamparini brachte viel Geld, nach zwei Jahren waren die "Rosaneri" erstklassig. Auch die folgenden Spielzeiten verliefen erfolgreich. In zehn Jahren qualifizierte sich US Palermo fünf Mal für den Europapokal. Begeisterung entfachte sich unter den Sizilianern, das Stadio Renzo Barbera war regelmäßig ausverkauft. Während die großen Vereine wegen des Fußballskandals "Calciopoli" ein dunkles Kapitel schrieben, wechselten große Talente und namhafte Spieler nach Palermo. Es herrschte Aufbruchstimmung.

Aber in den wegweisenden Momenten nahm sich der Narziss Zamparini selbst wichtiger als den Verein. Als Luca Toni mit der Empfehlung von 50 Toren in 80 Spielen um eine Gehaltserhöhung bat, verhandelte Zamparini erst gar nicht und verkaufte den Stürmer für zehn Millionen Euro nach Florenz. Auch dort traf Luca Toni regelmäßig, ehe er zum FC Bayern wechselte und 2008 Torschützenkönig der Bundesliga wurde. Auch Spieler wie Javier Pastore, Edinson Cavani oder die Weltmeister Fabio Grosso, Andrea Barzagli und Cristian Zaccardo verkaufte Zamparini lieber gewinnbringend, als sie mit sportlichen Konzepten an den Verein zu binden.  

Leserkommentare
  1. Luciano Moggi war kein Mäzen sondern letztlich bestellter Manager bei Juventus Turin. Der Verein gehört seit 90 Jahren mehrheitlich dem Clan Elkann/Agnelli.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @ Nils Wilke: Sie haben vollkommen Recht.

    Warum ich ihn dennoch in die Liste aufgenommen habe: Bereits seit den 70er-Jahren zog Luciano Moggi bei diversen Vereinen der Serie A die Fäden. Und spätestens nach dem Ableben von Giovanni Agnelli 2003 trat Moggi (auch) bei Juventus endgültig in den Vordergrund. Seine zentrale Rolle im "Calciopoli" zeigt, dass er keine Marionette des Vereins gewesen ist. Jahrelang machte er, was er wollte. Auch Moggi war mächtig, anrüchig, gewieft, mondän, genial und geschäftstüchtig.

    Die lebenslange Sperre und das Verbot seines Konsortiums "Gea World", das als kriminelle Vereinigung eingestuft wurde, waren ein wegweisendes Signal für den gesamten italienischen Fußball. Bekanntermaßen ist Juventus als rundum erneuerter Klub aus der Serie B zurückgekehrt und hat heuer seine Funktion als Vorreiter mit der Titelverteidigung untermauert. Ferner trennen Andrea Agnelli Welten vom Auftreten und Handeln der "alten Garde" des Mäzenatentums. (Sofern es sich jedenfalls von Außen beurteilen lässt.)

    Dass Luciano Moggi nicht Mäzen von Juventus gewesen ist, hätte im Text allerdings einer Erwähnung bedurft. Insofern vielen Dank für die prompte Korrektur.

  2. Mir gefällt das Vokabular nicht!

  3. @ Nils Wilke: Sie haben vollkommen Recht.

    Warum ich ihn dennoch in die Liste aufgenommen habe: Bereits seit den 70er-Jahren zog Luciano Moggi bei diversen Vereinen der Serie A die Fäden. Und spätestens nach dem Ableben von Giovanni Agnelli 2003 trat Moggi (auch) bei Juventus endgültig in den Vordergrund. Seine zentrale Rolle im "Calciopoli" zeigt, dass er keine Marionette des Vereins gewesen ist. Jahrelang machte er, was er wollte. Auch Moggi war mächtig, anrüchig, gewieft, mondän, genial und geschäftstüchtig.

    Die lebenslange Sperre und das Verbot seines Konsortiums "Gea World", das als kriminelle Vereinigung eingestuft wurde, waren ein wegweisendes Signal für den gesamten italienischen Fußball. Bekanntermaßen ist Juventus als rundum erneuerter Klub aus der Serie B zurückgekehrt und hat heuer seine Funktion als Vorreiter mit der Titelverteidigung untermauert. Ferner trennen Andrea Agnelli Welten vom Auftreten und Handeln der "alten Garde" des Mäzenatentums. (Sofern es sich jedenfalls von Außen beurteilen lässt.)

    Dass Luciano Moggi nicht Mäzen von Juventus gewesen ist, hätte im Text allerdings einer Erwähnung bedurft. Insofern vielen Dank für die prompte Korrektur.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Korrektur"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hallo Herr Maunz,

    Sie haben völlig Recht, dass Luciano Moggi nicht nur in die Riege schillernd-zwielichtiger Vereinsbosse von Serie A Clubs passt, sondern geradezu herausragt (bei Konkurrenz von Berlusconi) erstaunlich. Mein Beitrag war tatsächlich nur als Tatsachenkorrektur gedacht. Den Artikel finde ich abgesehen davon ausgesprochen gelungen. Gerne mehr über den italienischen Fussball!

  4. das Herr Zampano ... äh, Zamparini seiner Mannschaft noch machen könnte, wäre sein Rücktritt. Dann braucht der Verein Kontinuität. Ein Trainer für vier Jahre und nicht vier für ein Jahr.

    Das Ganze erinnert mich an Eintracht Braunschweig vor einigen Jahren, die in einer Saison auch fünf Trainer verschlissen, abstiegen, immer noch keine Kontinuität reinbrachten, im Jahr drauf mit eineinhalb Beinen in der Bedeutungslosigkeit der vierten Liga standen. Bis sie das Management ausgewechselt und auf EINEN Trainer gesetzt haben. Das Ergebnis sieht man jetzt: wieder erstklassig.

  5. 5. Moggi

    Hallo Herr Maunz,

    Sie haben völlig Recht, dass Luciano Moggi nicht nur in die Riege schillernd-zwielichtiger Vereinsbosse von Serie A Clubs passt, sondern geradezu herausragt (bei Konkurrenz von Berlusconi) erstaunlich. Mein Beitrag war tatsächlich nur als Tatsachenkorrektur gedacht. Den Artikel finde ich abgesehen davon ausgesprochen gelungen. Gerne mehr über den italienischen Fussball!

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Luciano Moggi"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Italien | Fußball | Silvio Berlusconi | Abstieg | Palermo | Trainer
Service