Pferdesteuer : Der Aufstand der Reiter

Weil sie Geld braucht, führte die hessische Kleinstadt Bad Sooden-Allendorf eine Steuer auf Pferde ein. Andere Kommunen ziehen nach. Die Pferdesportlobby schäumt.

Frank Hix kann sich noch gut an diesen Tag im Dezember erinnern. Da musste der Bürgermeister des hessischen Städtchens Bad Sooden-Allendorf zum Spießrutenlauf über den eigenen Marktplatz. Ein paar Hundert Empörte hatten sich dort im vergangenen Jahr versammelt. "Wir wurden beschimpft und beleidigt, einige sogar bedroht", sagt Hix. Die Situation war so angespannt, dass die folgende Stadtverordnetenversammlung unter Polizeischutz abgehalten werden musste.

Die Politiker des 8.300-Einwohner-Ortes, der ziemlich genau in der Mitte Deutschlands liegt, haben an diesem Tag ein Sparpaket beschlossen. Ein Punkt darin: die Einführung einer Pferdesteuer. Als erste Kommune bundesweit. 200 Euro pro Jahr und Pferd müssen die Halter berappen. Damit haben die Stadtverordneten in den Augen vieler Pferdefreunde eindeutig über die Stränge geschlagen.

Henrik von der Ahe ist einer von ihnen. Er arbeitet für den Reitsportverband, die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), Generalsekretariat für Sonderaufgaben. Weil die Pferdesteuer eine Sonderaufgabe ist, war von der Ahe auch vor Ort an diesem Tag. Er hatte mit zur Demonstration gerufen. "Der ganze Markplatz war voll, bei widrigsten Witterungsbedingungen", sagt von der Ahe.

Mit der Pferdesteuer wird erstmals ein Sport besteuert. Und würde sie flächendeckend eingeführt, träfe sie viele. Etwa 1,24 Millionen Deutsche betreiben laut einer Studie regelmäßig Pferdesport. Es gibt in Deutschland mehr als eine Million Pferde und Ponys. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung zählt rund 730.000 Mitglieder, die Hälfte davon ist jünger als 26 Jahre. Bei Mädchen und Frauen unter 26 Jahren ist Pferdesport sogar die drittbeliebteste aller Sportarten. Das Pferd gehört für viele zur Familie.

Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.


Mit der Steuer träfe man demnach vor allem Kinder und Jugendliche oder deren Eltern, sagen die Gegner der Steuer. Außerdem sorgten Pferde für Vielfalt in der Natur, weil in ihren Misthaufen zweihundert verschiedene Insekten lebten. Schließlich würde hier eine Gruppe willkürlich herausgegriffen, die schon alle anderen Gebührenerhöhungen mittrage. Wo bitte bleibe die Steuergerechtigkeit?

Frank Hix kennt all diese Argumente, aber der Bürgermeister hat auch ein gutes: Seine Stadt braucht Geld. Der Kurort gehört zu den ärmsten Kommunen des Landes, auf über 82 Millionen Euro ist der Schuldenberg gewachsen. Um unter den Schutzschirm der Landesregierung zu schlüpfen, muss der Ort sparen, bis es knirscht. Dann werden Bad Sooden-Allendorf fast die Hälfte der Schulden vom Land abgenommen, aber nur dann. "Wir sind in einer Situation, in der wir nach jedem Strohhalm greifen müssen", sagt Frank Hix.

Also schnürte die Stadt ein Maßnahmenpaket. Die Bücherei wird künftig ehrenamtlich betrieben, das spart gut 10.000 Euro. Die Straßenbeleuchtung wird unter der Woche nachts abgeschaltet, 40.000 Euro. Die Spielapparatesteuer wurde erhöht, 13.600 Euro. Selbst der Neujahrsempfang der Gemeinde findet künftig ohne kostenloses Buffet statt, was noch einmal 1.400 Euro sparen soll. Insgesamt umfasst das Paket neununddreißig Punkte. Der umstrittenste von ihnen, die Pferdesteuer, soll etwa 22.500 Euro bringen.

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Kommentare

166 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Teuer

Ein Varan ist auch teuer in der Haltung. Ich weiss nicht, was Sie für Leute kennen. Aber fragen Sie doch die Friseurinnen und Verkäuferinnen in unserem Stall und die Auszubildenden in den Offenställen, worauf sie verzichten, um sich den Sport leisten zu können.

Wenn Sie Reiche besteuern wollen, müssen Sie die Einkommensteuer erhöhen oder eine Vermögenssteuer einführen. Die gut betuchten Pferdebesitzer gibt es - aber das ist nicht die Masse. Die Anderen sehen Außenstehende nur nicht. Die sitzen auch nicht in Restaurants - das können sie sich nicht leisten.

Im Übrigen wäre es mir neu, wenn Vereine ausgenommen sein sollten (ist ja auch Privatbesitz)

Dann...

...bitte ich darum, Skifahren und Golfspielen und Segeln zu besteuern, bevor Pferde besteuert werden.

Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, ausgerechnet Pferde zu besteuern. Zumal das eine Milchmädchenrechnung sein dürfte:
Die, die es sich leisten können, die gut betuchten Pferdebesitzer, werden ihre Pferde eine Gemeinde weiter unterbringen.
Die Vereine und Höfe mit den Pferden für den Vereinssport werden nicht umziehen können und die Kosten umwälzen. Die Mädchen und Jungen werden dann eine Gemeinde weiter zum Reiten gefahren.
Bleiben ein paar Leute, die sich den Umzug nicht leisten können und irgendwie die Steuer absparen müssen (Konsumverzicht) oder die Pferdehaltung aufgeben müssen. Von den >20 TEUR wird nicht viel ankommen.

Standort des Pferdes gilt

Die Pferdesteuer wird am Standort des PFERDES erhoben. Und somit ist mit einem Umzug des Pferdes in eine steuerfreie Gemeinde für Pensionsställe, die sehr oft in Aussenlage und somit auch mal an Gemeindegrenzen liegen, das Risiko der Abwanderung der Einsteller sehr wohl gegeben.
Es ist sehr schade, dass Menschen, die nicht mit der Materie vertraut sind oder sich vertraut gemacht haben, sich ein Urteil erlauben.

Steuerpflicht/Wohnort

Die Steuerpflicht entsteht NICHT am Wohnort des Eigentümers, sondern am Standort des Pferdes. Und so erscheint es nur natürlich - und wird auch so praktiziert - dass die Pferde in eine steuerfreie Nachbargemeinde umgestallt werden.
Zumindest soweit dies möglich ist. Halte ich meine Pferde am Haus auf eigenem Grund und Boden, gestaltet sich das Unterfangen schon deutlich schwieriger.

Klischee vom reichen Pferdebesitzer! Schön wärs!

"Sehr glaubhaft...alle Leute die ich kenne, die Pferde besitzen, gehören zu einer der oberen Einkommensschichten."

Tatsächlich, ich reite seit fast 40 Jahren und muß das Gegenteil behaupten. Der normale Pferdebesitzer spart sich sein Hobby vom Mund ab und zahlt schon mal Tierarztrechnungen per Rate ab. Außerdem verzichten viele auf Urlaubsreisen, Shoppingtouren oder teure Skiwochenenden, gerade weil der Unterhalt für ein Pferd schon so viel kostet! Viele halten ihre Tier auch in Eigenregie und misten nach Feierabend den Stall selber aus, um sich Kosten zu sparen!
Aber andererseits fahren viele Deutsche einen gehobenen deutschen Mittelklassewagen, machen 1-2 mal Urlaub weit ab der Heimat oder kaufen sich schicke Rennräder. Sicher auch nur Millionäre? Wird das jetzt in Zukunft auch besteuert?

Natürlich sind Existenzen bedroht!

Wenn Sie tatsächlich aus der Nähe von BSA kommen sollten Sie mitbekommen haben, dass Hofbesitzer sehr wohl in ihrer Existenz bedroht sind (s.u.).
http://www.hna.de/lokales...
Momentan stellen die Pferdehalter ihre Pferde woanders PS-frei unter, mittelfristig jedoch werden viele Pferde von privaten Haltern abgegeben werden müssen. Natürlich verlieren dadurch die Höfe ihre Einstaller und damit ihre Existenzgrundlage!
Nicht nur das, es soll auch Menschen geben die einen Beruf ausüben, der maßgeblich von Pferdehaltern abhängt. Beispielsweise Hufschmiede, Sattler, Reitsportbedarfshändler, Futtermittelhändler, Tierärzte, Chiropraktiker und -was es nicht alles gibt-. Viele dieser Menschen werden gezwungenermaßen arbeitslos werden, was ich persönlich als Bedrohung der Existenz ansehen würde.

Wieso

1. Verwehre ich mich nach wie vor gegen die Behauptung, es träg keine armen Leute. Und ich bitte nochmals darum, in die Ställe zu gehen und die Friseurinnen und Verkäuferinnen zu fragen, in welchem Luxus sie leben. Und sich mal die Leute anzusehen, die im Winter bei -20 Grad den Offenstall am Laufen halten. Was haben die nicht alle für Kohle...

2. Gegen das "Verkoten" muss man Gesetze und Verordnungen erlassen. Eine Steuer wird kein Pferd am kacken hindern.

3. Mag sein, dass 200 Euro tragbar sind. Eventuell auch gegen Konsumverzicht an anderer stelle. Die meisten Pferdebesitzer, werden das irgendwie zusammen bekommen (wenn es ihnen auch bei weitem nicht so leicht fällt, wie hier gemeinhin vermutet). Bleibt es denn bei 200 Euro? Wann werden es 1.000? Ich freue mich schon auf den Wettbewerb um die Pferdebesitzer. Denn wenn die ja ach so recih sind, wird jede Gemeinde die bei sich haben wollen. Der Bürgermeister hier wird sich noch wundern, wiviele Pferde in Stallbetreiberbesitz über gehen oder die Gemeinde wechseln.

sorry ...

aber die argumentation hier ist etwas einseitig!
hier wird mit klisches gearbeitet ... pferdebesitzer sind nicht immer reich, aber durch die einführung einer steuer führt man genau das herbei!
vor allem weil die entsprechende steuer unsinnig hoch angesetzt ist!! 200 euro ist eine ganze und unerhöht hohe menge, dafür das pferde die gemeinden eigentlich nicht wirklich was kosten!
zudem werden andere sportarten, wie fußball, tennis oder golf auch nicht besteuert!
mal ernsthaft, warum nicht golf besteuern ... die gefahr von tieffliegenden golfbällen erschlagen zu werden ist nicht so unwahrscheinlich! ;)

Also:

sind auch nicht alle Autofahrer reich und in der Oberschicht zu finden. Da haben wir doch endlich mal einen gemeinsamen Nenner gefunden. Wenn ich also akzeptiere, dass es auch günstige Autos gibt, können Sie vielleicht auch akzeptieren, dass es auch Pferdehalter gibt, die eben nicht "reich" sind. Wär ja mal ein Anfang.
Im Übrigen habe ich nicht die Höhe der Steuer in Relation zum Wert des Pferdes gesetzt, sondern nur aufgezeigt, dass Pferdehaltung auch mit geringeren Mitteln als gemeinhin angenommen realisierbar ist.
Wenn jetzt also nicht alle Pferdebesitzer reich sind, ist eine Pferdesteuer dann immer noch "gerecht"? Und mit welchem Argument?

Ich kann mir die 200 leisten?

Was wollen Sie mir damit sagen? Woher kennen Sie meine finanzielle lage?

"Tierschutz ist ein Argument, mit dem man jede Tierhaltung untersagen müsste."

Richtig, Sie haben Recht. Man sollte jede Tierhaltung untersagen, die Tierwidrig ist. Erlaubt werden sollte nur die Haltung von Tieren aus Notfällen und Tierheimen. Die Zucht von Tieren gehört verboten.

Wir reden von 200€ nich tmehr. Das Argument "es könnte mehr werden", gilt nicht, denn man könnte die Steuer auch abschaffen oder jetzt schon höher ansetzen. Regen Sie sich doch bitte erst auf, wenn der Betrag genannt wird, der sie dann wirklich aufregt.

Ich zahle keine Hundesteuer. Meine Hunde sind nicht gemeledet.

unsinn ...

hier den tierschutz anzuführen - stimme hier sehr mit Ricochet und dem Hundevergleich überein! weiter verursachen hunde in der tat hohe kosten - zb im bereich der straßenreinigung in städten, die es aufzufangen gilt!
zudem: sie leben folglich vegan, denn die nutztierhaltung ist wohl aus tierschutzsicht bei weitem schlimmer als die pferdehaltung generell, was das tierwohl angeht!