ZEIT ONLINE: Herr Adler, Sie sind zurück im Nationalteam, gelten als der beliebteste Profi des HSV, trotzdem wollen Sie Ihre Kinder davor bewahren, einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie Sie. Weshalb?

René Adler: Vor allem, weil ich in einem oberflächlichen Geschäft arbeite. Manchmal kommen Erwachsene auf mich zu und wollen ein Autogramm von mir. Sie erhalten es natürlich, aber ich kann das nicht verstehen. Ich könnte deren Sohn sein. Oder Leute sprechen mich auf der Straße an, als ob sie mich kennen würden. Manche wollen mich sogar berühren. Ich brauche natürlich Bestätigung, aber wer bin ich denn? Mein Gott, ich kann gut Bälle halten, aber ein Arzt trägt doch mehr Verantwortung als ich.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie nicht gemocht werden?

Adler: Ich bin Leistungssportler, habe ein großes Ego, das will gefüttert werden. Aber ich weiß eben auch, wie schnell sich das ändern kann. In Leverkusen war ich lange verletzt, und verletzte Spieler sind tote Spieler. Die sind unwichtig geworden, nach denen fragt keiner mehr. Vor einem solchen Absturz würde ich mein Kind warnen, wenn ich jemals eins haben sollte.

ZEIT ONLINE: Würden Sie verhindern, dass Ihr Kind Profifußballer wird?

Adler: Nein, der Satz ist ja nur die halbe Wahrheit. Fußballer zu sein, hat wunderschöne Seiten. Außerdem würde ich meinen Sohn schon selbst entscheiden lassen. Glaube ich. Ich bin ja noch gar kein Vater, ich weiß ja gar nicht, wie ich mich verhalten würde. Gedanken mache ich mir aber schon darüber, mit Lilli [die Schauspielerin Lilli Hollunder, René Adlers Lebensgefährtin, ist während des Gesprächs anwesend, die Red.] hab ich mich erst vor zwei Tagen über das Thema unterhalten.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie einem dreijährigen Kind Ihren Job beschreiben?

Adler: Die kleine Tochter einer Bekannten sagt immer: "René muss den Ball fangen." Viel mehr gibts eigentlich nicht zu sagen. Vielleicht sollte ich noch ergänzen: Ich arbeite in der Entertainmentbranche. Nichts anderes ist die Bundesliga.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Adler: Der Boulevard verlangt ständig nach Sensationen und Skandalen. Und die Medien bewerten unsere Leistungen zu oft nach dem Schwarz-Weiß-Schema. Erst ist einer der Held, drei Wochen später der Versager. Da wünsche ich mir öfter die gesunde Grauzone. Meine Freundin verbietet mir manchmal am Frühstückstisch die Lektüre der Sportteile.

ZEIT ONLINE: Dafür erhalten Sie große Zuneigung der Fans. Empfinden Sie die als warm, gar als Liebe?

Adler: Als Fußballer sollte man wissen: Die Fans machen Dich zu dem, was Du bist. Daher gebe ich oft über eine halbe Stunde nach dem Training Autogramme, auch wenn es manchmal nervt. Das gehört zu meinem Job.

ZEIT ONLINE: Der Basketballer Johannes Herber beschreibt in einem Buch, wie geschockt er darüber war, dass ihm sein Karriereende so sehr zusetzte. Während seiner aktiven Zeit hatte er sich lustig über diejenigen gemacht, die nichts anderes hatten als ihren Sport. Er wähnte sich gut vorbereitet auf die Zeit danach – und vermisste ihn dann so sehr: den Wettbewerb, das Gruppengefühl, auch die Aufmerksamkeit. Glauben Sie, dass Sie das alles nach der Karriere vermissen.

Adler: Nein. Ich hoffe zumindest nicht. Wissen kann ich das natürlich erst dann, wenn ich es erfahre. Die Gefahr besteht für den Profisportler immer, dass er später nicht mehr weiß, was er zu tun hat. Das soll mir nicht so gehen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass mir meine Mannschaft fehlen würde, denn ich habe das Gefühl, dass ich sie brauche. Wenn man Kinder hat, stellen sich diese Fragen vielleicht anders.

ZEIT ONLINE: Ein Kind würde irgendwann fragen, was der Unterschied ist zwischen dem mit den Handschuhen und den vielen anderen ohne. Wie würden Sie antworten?