Ein deutscher Tourist, der, wie alle Deutschen in New York, viel besser über diese Stadt Bescheid weiß als ich, erzählt mir, dass gleich eine Kissenwurfveranstaltung im Washington Square Park stattfinden wird. Ich habe keine Ahnung, was Kissenwerfen ist, aber ich erkenne es als Gelegenheit, eine neue Sportart kennenzulernen und ein bisschen abzunehmen.

Der Washington Square Park, direkt bei der New York University, ist verständlicherweise einer meiner Lieblingsorte in der Stadt. Diese Gegend ist eine Bastion der sogenannten Liberalen, der friedvollsten Menschen der Erde, und die liebe ich mehr als alles andere. Ich recherchiere ein bisschen über die Veranstaltung und lese in der New York Times, dass "das Tragen von Schlafanzügen freiwillig" ist, was mich vor Freude aufschreien lässt. Eine andere Quelle, PIX11, behauptet, die Kissen würden "an Obdachlosenunterkünfte in der Gegend gespendet" werden und dass "die Veranstaltung die Gewaltlosigkeit" fördere.

Vergessen Sie Sport! Hier geht's um Liebe im Park, das ist viel besser als bloß Sport, und sofort renne ich Richtung Downtown.

Als ich mich dem Park nähere, begegnen mir weitere Menschen, die in dieselbe Richtung laufen. Die meisten von ihnen sind noch im zarten Alter der Unschuld, und sie laufen mit Kissen herum und mit dem größten Lächeln im Gesicht, das sich in der Stadt finden lässt. Verständlicherweise komme ich schnell zu dem Schluss, dass wir alle bald unsere Schlafanzüge anziehen, nebeneinander schlafen, uns Worte der Liebe um die Ohren werfen und schließlich miteinander schlafen werden.

So viel Spaß hat nicht mal Woodstock gemacht!

Ich nähere mich dem Park immer mehr und kann immer deutlicher die vielen Kissen erkennen, die dort auf und ab hüpfen. Ein Zaun umgibt die glücklichen Liberalen, und ich gehe hinein.

Wie ich hätte wissen können, wäre ich nicht so naiv gewesen, lag dort niemand neben jemand anderem, von Schlafanzügen war nichts zu sehen, aber dafür flogen Zigtausende Kissen durch die Luft.

Ja, das hier ist eine Kissenschlacht, wie es offiziell heißt, kein Basar der Liebe. Wer gesagt hat, es würde gewaltfrei ablaufen, hat geträumt; wer von Schlafanzügen berichtet hat, muss zurück zur Journalistenschule. Diese Menschen hier, egal wie friedvoll sie zu sein behaupten, haben schrecklich viel Spaß dabei, sich zu schlagen. 

Natürlich mache ich sofort mit. Wenn diese Menschen friedvoll sind, sage ich mir, will ich sie noch friedvoller machen. Mit einem alten Kissen bewaffnet gehe ich um sie herum und übernehme prompt das Kommando. Fester zuschlagen, sage ich diesen Pazifisten, mit mehr Kraft!, befehle ich. Lustigerweise gehorchen sie mir vergnügt. Unter uns, und erzählen Sie es bloß nicht weiter, ich glaube, dass ich gerade zu einem klassischen Sadisten geworden bin, aber sie halten mich tatsächlich für cool. Fester!, schreie ich sie an und sie schlagen einander mit einer Kraft, die ohne Probleme die schnellste Rakete Nordkoreas im Flug aufhalten könnte. 

Um ihnen nicht nachzustehen und weil mir mein neuer Status als Befehlshaber gewaltig Spaß macht, nehme ich mein Kissen und schlage gnadenlos auf jeden ein, der das Pech hat, mir über den Weg zu laufen. Es ist ein unvergesslicher Anblick: wie schnell und ohne mit der Wimper zu zucken wir Vertreter der menschlichen Rasse uns von barmherzigen Friedensliebhabern in klassische Terroristen verwandeln können. Dem guten Adolf hätte das sicher gefallen.

Nach ungefähr einer Stunde verlasse ich den Park. Während ich abseits der Menge eine kleine Cola Light trinke, schießen mir Fragen durch den Kopf: Gehört Gewalt zum Sport? Ist Gewalt ein Teil des menschlichen Charakters?

Ich weiß es nicht.