Fett wie ein Turnschuh"In Kissenschlachten werden friedliche Menschen zu Terroristen"

Unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom besucht eine Kissenschlacht in der Hoffnung auf ein zweites Woodstock. Statt freier Liebe findet er jedoch nur Gewalt und Sadismus. von Tuvia Tenenbom

New Yorker Kissenschlacht

New Yorker Kissenschlacht  |  © Isi Tenenbom

Ein deutscher Tourist, der, wie alle Deutschen in New York, viel besser über diese Stadt Bescheid weiß als ich, erzählt mir, dass gleich eine Kissenwurfveranstaltung im Washington Square Park stattfinden wird. Ich habe keine Ahnung, was Kissenwerfen ist, aber ich erkenne es als Gelegenheit, eine neue Sportart kennenzulernen und ein bisschen abzunehmen.

Der Washington Square Park, direkt bei der New York University, ist verständlicherweise einer meiner Lieblingsorte in der Stadt. Diese Gegend ist eine Bastion der sogenannten Liberalen, der friedvollsten Menschen der Erde, und die liebe ich mehr als alles andere. Ich recherchiere ein bisschen über die Veranstaltung und lese in der New York Times, dass "das Tragen von Schlafanzügen freiwillig" ist, was mich vor Freude aufschreien lässt. Eine andere Quelle, PIX11, behauptet, die Kissen würden "an Obdachlosenunterkünfte in der Gegend gespendet" werden und dass "die Veranstaltung die Gewaltlosigkeit" fördere.

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Vergessen Sie Sport! Hier geht's um Liebe im Park, das ist viel besser als bloß Sport, und sofort renne ich Richtung Downtown.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Als ich mich dem Park nähere, begegnen mir weitere Menschen, die in dieselbe Richtung laufen. Die meisten von ihnen sind noch im zarten Alter der Unschuld, und sie laufen mit Kissen herum und mit dem größten Lächeln im Gesicht, das sich in der Stadt finden lässt. Verständlicherweise komme ich schnell zu dem Schluss, dass wir alle bald unsere Schlafanzüge anziehen, nebeneinander schlafen, uns Worte der Liebe um die Ohren werfen und schließlich miteinander schlafen werden.

So viel Spaß hat nicht mal Woodstock gemacht!

Ich nähere mich dem Park immer mehr und kann immer deutlicher die vielen Kissen erkennen, die dort auf und ab hüpfen. Ein Zaun umgibt die glücklichen Liberalen, und ich gehe hinein.

Wie ich hätte wissen können, wäre ich nicht so naiv gewesen, lag dort niemand neben jemand anderem, von Schlafanzügen war nichts zu sehen, aber dafür flogen Zigtausende Kissen durch die Luft.

Ja, das hier ist eine Kissenschlacht, wie es offiziell heißt, kein Basar der Liebe. Wer gesagt hat, es würde gewaltfrei ablaufen, hat geträumt; wer von Schlafanzügen berichtet hat, muss zurück zur Journalistenschule. Diese Menschen hier, egal wie friedvoll sie zu sein behaupten, haben schrecklich viel Spaß dabei, sich zu schlagen. 

Natürlich mache ich sofort mit. Wenn diese Menschen friedvoll sind, sage ich mir, will ich sie noch friedvoller machen. Mit einem alten Kissen bewaffnet gehe ich um sie herum und übernehme prompt das Kommando. Fester zuschlagen, sage ich diesen Pazifisten, mit mehr Kraft!, befehle ich. Lustigerweise gehorchen sie mir vergnügt. Unter uns, und erzählen Sie es bloß nicht weiter, ich glaube, dass ich gerade zu einem klassischen Sadisten geworden bin, aber sie halten mich tatsächlich für cool. Fester!, schreie ich sie an und sie schlagen einander mit einer Kraft, die ohne Probleme die schnellste Rakete Nordkoreas im Flug aufhalten könnte. 

Um ihnen nicht nachzustehen und weil mir mein neuer Status als Befehlshaber gewaltig Spaß macht, nehme ich mein Kissen und schlage gnadenlos auf jeden ein, der das Pech hat, mir über den Weg zu laufen. Es ist ein unvergesslicher Anblick: wie schnell und ohne mit der Wimper zu zucken wir Vertreter der menschlichen Rasse uns von barmherzigen Friedensliebhabern in klassische Terroristen verwandeln können. Dem guten Adolf hätte das sicher gefallen.

Nach ungefähr einer Stunde verlasse ich den Park. Während ich abseits der Menge eine kleine Cola Light trinke, schießen mir Fragen durch den Kopf: Gehört Gewalt zum Sport? Ist Gewalt ein Teil des menschlichen Charakters?

Ich weiß es nicht.

Leserkommentare
  1. Werter Mr. Tenenbom, wie kommen Sie bloß auf die Idee, eine Kissenschlacht hätte etwas mit "Make love, not war" zu tun? Kissenschlacht ist nur ein anderes Wort für Rosenkrieg, das heißt, der Vernichtungswille ist grenzenlos. Als Herr der Kissen und Kommandeur der Schlacht haben Sie es wenigstens bald bemerkt, auch wenn Sie sonst ein rechter Traumtänzer sind.
    Auf der zweiten Seite Ihrer Kolumne werden Sie heute beim Verzehr eines Strudels sogar nachdenklich. Das steht Ihnen gar nicht übel. Wenigstens ein liberaler Ami, auch wenn er in der Freizeit ein kompromissloser pillow fighter ist. Verspeisen Sie öfter einen Strudel. Anscheinend fördert das liberale Gedanken. Und überreden Sie auch andere Amis zum Strudelessen.

    • TSHR
    • 08. Mai 2013 14:25 Uhr

    Viele Menschen fühlen sich von sogenannten "tollen Veranstaltungen" angezogen, weil sie sich dort als gutherzige, engagierte oder karitative Menschen präsentieren können. Dieser Selbstzweck führt lediglich zur Etablierung der eigenen Wichtigkeit und hat mit der Sache an sich wenig zu tun. Eine Pervertierung der Moralität.

    Im Übrigen: Heutzutage scheint der (gebildete) Mensch so überaus gut zu seien, dass er nicht zu wissen braucht, dass er auch schlecht ist!

    Eine Leserempfehlung
  2. Was für eine Frage !
    Natürlich ist Gewalt ein Teil der Menschlichen, sagen wir mal besser, Natur !

    • Touria
    • 08. Mai 2013 15:58 Uhr

    Ich teile Ihre grundsaetzliche Verwunderung ueber unsere selektive Trauer. Aber das Libyen-Argument ("Tatsache ist, dass wir vor nicht allzu langer Zeit bei unserem Bombenangriff auf Libyen pro Tag mehr Muslime getötet haben als alle Muslime der Welt in unserer dreihundertjährigen Geschichte von uns getötet haben") taugt nicht. Im Rahmen des NATO-Einsatzes 2011 in Libyen wurden 72 Zivilisten getoetet (Human Rights Watch).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das Fazit des Artikels ist doch was die Oberstleutnantin Herrn Tenenbom in einem Interview sagte:
    " Als amerikanische Flugzeuge Tonnen von Sprengstoff über der libyschen Landschaft abwarfen, gab sie mir gegenüber in einem Interview zu, dass dabei Zehntausende von Libyern getötet wurden. Ich fragte sie, wieso die Medien nicht darüber berichteten, und sie sagte: "Fragen Sie Ihre Leute! Sie sind doch der Journalist, nicht ich."

  3. gibt es diese oeffentlichen Kissenschlachten nur in NY? Dude, u need 2 check out the 1 we have in San Francisco, California. :)
    Randbemerkung: theoretisieren ueber alltaegliches ist nicht immer intelligent. Menschen treffen sich und unterhalten sich -> enjoy themselves...ohne Ueber-Ich, dass jedesmal fragt: werde ich dafuer nu kritisiert/analysiert? Now seriously, wie harmlos muss es zugehen [harmloser als ein Kissen], bis dass die Gemeinde einfach mal zugibt: ja, die hatten Spass, definitiv. UND gut is.
    Believe it or not: Kissenschlacht ist Kissenschlacht ist Kissenschlacht ist Kissenschlacht. Tschoe mit oe.... [*gehtundholtseinkissen*]

  4. Das Fazit des Artikels ist doch was die Oberstleutnantin Herrn Tenenbom in einem Interview sagte:
    " Als amerikanische Flugzeuge Tonnen von Sprengstoff über der libyschen Landschaft abwarfen, gab sie mir gegenüber in einem Interview zu, dass dabei Zehntausende von Libyern getötet wurden. Ich fragte sie, wieso die Medien nicht darüber berichteten, und sie sagte: "Fragen Sie Ihre Leute! Sie sind doch der Journalist, nicht ich."

    Antwort auf "Tote in Libyen"
  5. Kommentar zu dem Absatz:
    "Um ihnen nicht nachzustehen und weil mir mein neuer Status als Befehlshaber gewaltig Spaß macht, nehme ich mein Kissen und schlage gnadenlos auf jeden ein, der das Pech hat, mir über den Weg zu laufen. Es ist ein unvergesslicher Anblick: wie schnell und ohne mit der Wimper zu zucken wir Vertreter der menschlichen Rasse uns von barmherzigen Friedensliebhabern in klassische Terroristen verwandeln können. Dem guten Adolf hätte das sicher gefallen."

    "Um ihnen nicht nachzustehen..." [Friedensliebhaber haben in der Regel bessere Gruende zur Gewalt (zum Kissen) zu greifen]

    Kopfkissenschlacht und Befehlshaber [ Befehlshaber befiehlt aber greift nicht selbst zum "Kopfkissen"].

    Kopfkissenschlacht und Terrorist [Teilnehmer einer Kopfkissenschlacht willigen durch Teilnahme der "Gewalt" zu. Terroristen fragen nicht nach Zustimmung]

    Kopfkissenschlacht und Friedensliebhaber [wenn ich ein Kopfkissen in die Hand nehme, bin ich militant? uiiuuiiuui ]

    Friedensliebhaber/Kopfkissenschlacht/Befehlshaber/Terroristen/Adolf - in einem einzigen Absatz. [what? womit verdient der Mann nochmal sein Geld?]

  6. Herr Tenenbom soll endlich mal auf Deutsch schreiben. Warum macht er das nicht?

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