Jupp Heynckes ist weder für Gesten noch für übermäßige Interaktion mit dem Publikum bekannt. Daher ereignete sich Ungewöhnliches im Berliner Olympiastadion. Noch waren gut zwanzig Minuten im Pokalfinale zu spielen, da winkte der Trainer den Bayern-Fans kurz zu. Die feierten ihn gerade laut. "Juppjuppjupp!" und nochmals "Juppjuppjuppjupp!" Allen war in dem Moment klar, bald würde sich hier eine sagenhafte Story vollenden, Jupps sagenhafte Story.

Verglichen mit der Rekordmeisterschaft in der Bundesliga und dem Champions-League-Sieg in der Vorwoche ist der DFB-Pokal der unbedeutendste Wettbewerb. Das Finale war der sportliche Anti-Klimax. Und dennoch wurde es mehr als ein Anhängsel, denn es war Heynckes' allerletztes Spiel mit den Bayern. Gleichzeitig wurde es zum Epilog einer vollkommenen Saison, die mit dem Triple endete. Eine einmalige Bilanz im deutschen Fußball. Und so galten die Jubelchöre in Berlin allein dem Scheidenden.

Noch vor der offiziellen Siegerehrung empfing Heynckes vor der Bayern-Kurve die Siegerehrung seiner Spieler. Sie jagten ihn, sie schnappten ihn, sie warfen ihn hoch und fingen ihn wieder auf. Ein Mal, zwei Mal, fünf Mal. Fast jeder im roten Trikot verpasste seinem Trainer eine Bierdusche. Fast jeder im roten Trikot, der vor ein Mikrofon trat, würdigte als erstes Heynckes. Trainer und Spieler des Gegners gratulierten Heynckes, auch die Journalisten, bevor sie ihre Frage stellten.

Auch den Triple-Trainer Heynckes, sonst immer sehr reserviert, sah man ausgelassen und selig. Mit ausgestreckten Armen schwebte er den Fans entgegen. Den leeren Pokal hob er empor, goss eine imaginäre Flüssigkeit in sich. "Es ist mein erster Pokalsieg, ich wusste noch nicht, wie schön sich sowas anfühlt", sagte er. "Es sind großartige Momente, die Mannschaft hat sich und mir das schönste Geschenk gemacht." Heynckes sieht in diesen Tagen fünf Jahre jünger aus als vor zehn Jahren, er scheint sich sogar jugendlicher zu bewegen.

Es ist noch nicht lange her, da galt Heynckes, der am Tag nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, als Auslaufmodell. In Schalke und Gladbach scheiterte er Mitte des vorigen Jahrzehnts. Die drei zweiten Plätze im Vorjahr, nach denen manch anderer Trainer in München entlassen worden wäre, schienen untilgbar, ein Makel in seiner Vita. Nur einen Frühling später ist Heynckes der Schöpfer der besten Bayern aller Zeiten.

Wie er das geschafft hat, bleibt ein bisschen sein Geheimnis. Als ein Schlüssel zum Erfolg gilt Heynckes' Fähigkeit, die vielen wichtigen Stimmen der vielen wichtigen Leute beim wichtigen FC Bayern nicht so wichtig zu nehmen, wie sie nicht sind. "Diese Saison ist das Verdienst Jupp Heynckes'", sagte der Mediendirektor kürzlich, der dem Verein schon lange beiwohnt. "Er wusste schon immer zwei Tage vorher, was passiert."

Als zweiter Schlüssel gilt, dass sich Heynckes gut in Fußballer einfühlen kann. Den Ton vor dem Endspiel schien er jedenfalls wieder getroffen zu haben. Eine Woche nach dem Saisonhöhepunkt von Wembley sei ihm klar gewesen, dass es für seine Elf "nicht einfach" sei, sagte er. Die Euphorie im Klub sei verständlich gewesen, doch auch eine Last für dieses nächste Endspiel. Das war eine Anspielung auf Karl-Heinz Rummenigge, der sich zu der Prophezeihung hatte hinreißen lassen, gegen Stuttgart werde der FC Bayern auch besoffen gewinnen.

Für seine größte Stärke halten Beobachter Heynckes' Auge für die Form der Spieler, sein Auge für Qualität. Sie half ihm auch an diesem Abend. In den Sturm stellte er Mario Gomez, einen Nebendarsteller dieser Saison. Es war der einzige freiwillige Wechsel in Bayerns Startelf im Vergleich zu Wembley. Auch diese Entscheidung ging auf, Gomez schoss zwei Tore gegen seinen Ex-Klub. Als er ausgewechselt wurde, umarmten sich Trainer und Schütze herzlich.

Am Ende trugen sogar die Stuttgarter dazu bei, Heynckes einen würdigen Abgang zu bereiten. Zwischenzeitlich wirkten sie wie ein Sparringspartner. Zu Beginn unterliefen den Bayern zwar ungewohnt viele Fehler, aber als sie ernst machten, stand es 3:0. Diese Führung ließ die Bayern den Sieg bereits fühlen, er wog sie in falscher Sicherheit. Das konnte der VfB zu einer Aufholjagd nutzen, an die er langsam zu glauben begann. Nach dem 1:3 holte noch kein Schwabe den Ball aus dem Netz, nach dem 2:3 taten dies plötzlich zwei. Kurz vor Ende schaute der Ball noch drei Mal im Torraum der Bayern vorbei.

So wurde Jupps Finale doch noch knapp, doch noch spannend. Auch deswegen erlebte das Olympiastadion eine Atmosphäre, wie man sie nur aus großen Spielen kennt. Ein Sonderlob von Heynckes verdienten sich die Stuttgarter Fans. Die Unbeirrbaren ließen keine Sekunde von ihrem Plan ab, ihre Mannschaft zum Sieg zu singen – und die Bayern niederzupfeifen. Doch als Heynckes zur Pokalübergabe schritt, wurden ihre Pfiffe leiser. Und leiser. Und verstummten.

Ob Heynckes die Bühne für immer verlassen wird, ließ er offen. Am Dienstag werde er bekannt geben, wie es weitergehe, sagte Heynckes auf der Pressekonferenz. Im Album der Fußballgeschichte bleiben die Bilder des schwerelosen, fliegenden Jupp, der von seiner Mannschaft in die Luft geworfen wird. Es sind Bilder, die man auch mit Pep Guardiola verbindet. Der wird dem heiligen Jupp, der nun alles gewonnen hat, in wenigen Wochen folgen. "Diese Saison ist schwer zu toppen", sagte Heynckes und korrigierte. "Eigentlich kann man sie höchstens wiederholen, zu toppen ist sie gar nicht."