BrasilienNur noch eine Fußball-Macht unter vielen

Die brasilianische Nationalelf eröffnet die WM-Generalprobe, den Confed-Cup. Noch nie war so deutlich: Sie ist nicht mehr der unangefochtene Favorit des Weltfußballs. von Sven Goldmann

Trainer Luiz Felipe Scolari spricht während des Trainings mit seinem Team.

Trainer Luiz Felipe Scolari spricht während des Trainings mit seinem Team.  |  © Dean Mouhtaropoulos/Getty Images

Wenn der König spricht, verstummt das Volk, also sprach der König, und der König sprach: "Ich will so etwas nie wieder erleben!"

Brasilien hat die Monarchie vor 124 Jahren abgeschafft, aber Pelé regiert immer noch, als Rei do Futebol. Kurz bevor es jetzt ernst wird für das Volk, erzählte der König des Fußballs von damals. Von 1950, als sein Vater vor dem Radio saß und weinte. Nach der ersten Weltmeisterschaft in Brasilien, die nichts anderes sein sollte als eine Bestätigung des Herrschaftsanspruchs der Futebolistas aus Santos, São Paulo und Rio de Janeiro. Dem stand eigentlich nichts mehr im Wege, mal abgesehen von diesem letzten Spiel gegen den kleinen Nachbarn aus Uruguay. 200.000 Zuschauer drängten sich erwartungsfroh im neu erbauten Estadio do Maracanã. Die Sonderausgaben der Zeitungen waren schon gedruckt, und natürlich feierten sie Brasilien als Weltmeister. Ein Unentschieden hätte genügt im letzten Spiel dieser WM, die als bisher einzige kein Endspiel kannte, sondern eine Endrunde der besten vier Mannschaften.

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Am Ende gewann Uruguay. 2:1. Und damit die Weltmeisterschaft. Bis heute ist das ein Trauma in der Geschichte nicht nur des brasilianischen Fußballs, sondern des ganzen Landes. "Ich sehe immer noch meinen Vater, wie er vor dem Radio saß und wie er weinte, als das zweite uruguayische Tor fiel", erzählte Pelé bei der Countdown-Party an der Copacabana von Rio de Janeiro. Ein Jahr, bevor ein zweites Mal eine Weltmeisterschaft in Brasilien ausgespielt wird. An den Erwartungen hat sich nichts geändert. Nur der Titel zählt im Sommer 2014, aber anders als 1950 wird Brasilien nicht als großer Favorit in dieses WM-Turnier gehen. Der Rest der Welt hat nicht nur aufgeholt, er zeigt dem Land des ewigen Fußballstrandes schon seit Langem, dass die Machtverhältnisse sich verschoben haben. Und lange war das nicht so deutlich wie vor dem Confed-Cup, der offiziellen WM-Generalprobe. Im Vergleich mit den Weltmächten Spanien und Italien oder, fatale Erinnerung!, mit Uruguay. Denn Brasilien ist nur noch eine Macht von vielen. Eine Macht mit schwindendem Einfluss.

Die Japaner nicht unterschätzen

Heute eröffnet die Seleção in der Hauptstadt Brasilia das Turnier mit einem Spiel gegen Japan. Japonês, Japaner, nannte man zu Pelés Zeiten einen Fußballspieler, der Quadrate oder Dreiecke oder Löcher in den Ball schoss, aber sonst nichts mit ihm anzufangen wusste. Lange her. Ein halbes Jahrhundert später sind die Japaner nach dem automatisch qualifizierten Gastgeber Brasilien die erste Mannschaft, die sicher dabei ist bei der WM, als Sieger der Asien-Gruppe nach einem, nun ja, 1:1 vor einer Woche gegen Australien.

Brasiliens Offensivmann Hulk hat sein Geld ein paar Jahre lang in Japan verdient, bevor er sich über Porto und St. Petersburg versuchte, demnächst wird er vielleicht auf der neuen Milliardärsspielwiese in Monaco grasen. Hulk heißt eigentlich Givanildo Vieira de Souza, den Künstlernamen haben ihm die Japaner gegeben. Zur Eröffnung des Turniers der Erdteilmeister warnte Hulk seine Landsleute schon mal davor, das Spiel gegen die vermeintlichen Nichtskönner aus Fernost als Stiefelparade vor Bewunderern aus der dritten Fußballwelt zu betrachten: "Ich kenne viele japanische Spieler. Ich kenne ihre Qualität und weiß: Das wird ein sehr schwieriges Spiel. Wir müssen vorsichtig sein und Geduld haben."

Am vergangenen Sonntag, beim letzten Test gegen Frankreich, hatte das Publikum in Porto Alegre den Fußballspieler Hulk eher verhalten begrüßt, wenn denn überhaupt. Es überwogen die Pfiffe und erst am Ende Begeisterung und Zustimmung. Der Kämpfer Hulk entspricht nicht gerade dem Ideal eines brasilianischen Fußballfans, dasselbe gilt für die schwächelnde Nationalmannschaft.

Leserkommentare
  1. unter Vielen"...
    ;)

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    können Sie ruhig klein lassen... :P
    Vorherige Posting zu schnell gepostet, ohne es noch einmal zu lesen (wie immer).

  2. können Sie ruhig klein lassen... :P
    Vorherige Posting zu schnell gepostet, ohne es noch einmal zu lesen (wie immer).

    Antwort auf ""einE Fußball-Macht"
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    • lm.84
    • 15. Juni 2013 15:03 Uhr

    Hätten Sie auch so lassen können.. ;)

    http://journalexikon.de/p...

  3. in der japanischen Liga verdient"

    Der kam von Tokyo Verdy und die sind 2. japanischen Liga.
    Wirkt allmählich etwas übereilt zusammengeschustert der Artikel.

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    Der Hulk spielt für Brasilien?! Der Herr möge Erbarmen haben mit seinen Gegnern...

  4. körperbetont auftritt."

    Meine Güte, das stimmt auch nicht.
    Der hat den Namen damals bei Tokyo Verdy bekommen, weil er vom Körperbau sehr seltsam aussieht für einen Fußballer, nämlich im Oberkörper und am Hals überdurchschnittlich muskulös und Verdy halt grüne Trikots hat.
    Ergo, der Spitzname bezieht sich auf "The Hulk" und nicht "Hulk Hogan".

    Eine Leserempfehlung
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    Aber ich glaube Sie haben recht: http://www.spox.com/de/sp...

    Zum Thema: Selbst wenn beim Confed Cup nichts gerissen wird, so sollte man nicht den gewaltigen Heimvorteil vergessen, den Brasilien hat. Brasilien ist ein Favourit von vielen und ich bin sehr gespannt, wie ob das Team wieder zum eigenen Spielstil findet, über Ballbesitz, Dominanz und Offensivwucht. Ich hoffe, dass Neymar es den Skeptikern beweist.

    Redaktion

    Oh, ja, danke, ist korrigiert.

    Aber was ist falsch an dem Satz mit der japanischen Liga.

  5. Entweder "erzielte" oder "erzielt hatte".

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    Redaktion

    Danke für den Hinweis! Wir haben es geändert.

  6. Redaktion

    Danke für den Hinweis! Wir haben es geändert.

  7. Es ist beim Fußball wie in anderen Bereichen. Evolution findet zumeist in Nischen statt. Das bedeutet, dass es meist kleiner Nationen sind, die entscheidende neue Impulse setzen. In den Siebzigern waren es die Niederlande (und auch Belgien) mit ihrem "totalen Fußball). Zwie Jahrzehnte zuvor waren es die Ungarn. Solche Umbruchzeiten sind nie wirklich gute Zeiten für den Fußball in Brasilien, leben sie doch meist von ihrer individuellen Klasse. Im Augenblick schaut es auch nicht so günstig aus. Das zur zeit angesagte Umschalt und (Gegen-)Pressingsystem verlangt in hohem Maße mannschaftliche Koordination und Abstimmung, gepaart mit eher athletischen Ansprüchen. Sehr viel hängt dabei auch an den Taktgebern im Mittelfeld. Das macht die Xavis, Schweinsteigers und Gündogans so wertvoll. Momentan scheint es keinen Spieler in der Selecao zu geben, der diese Rolle zu spielen vermag. Auch dass die geliebten Dribblekünstler nun auch Defensivarbeit im Kollektiv verrichten müssen, erscheint mir für Brasilien Probleme zu bringen.
    Ein Vorteil könnte sein, dass die Europäer ihr Spiel nur bei klimatisch erträglichen Bedingungen durchsetzen können. Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit könnte dagegen das individuelle Spiel bevorzugen.

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    • Siru
    • 15. Juni 2013 19:40 Uhr

    Allerdings haben die Brasilianer auch 1994 bewiesen, dass sie flexibel sind und sich mit einer starken Defensive den WM-Titel geholt.

    Heute ist aber - wie Sie bereits so anschaulich beschreiben - das Defensivverhalten der gesamten Mannschaft, gepaart mit dem Pressing bereits in der gegnerischen Hälfte Grundlage für den Erfolg, so wie es die Spanier in den letzten 3 großen Turnieren vorgemacht haben. Das lässt sich in einer Auswahlmannschaft schwieriger umsetzen als in einer Vereinsmannschaft, weil weniger gemeinsame Zeit zum Einüben und noch wichtiger Spielpraxis gerade auch in wichtigen und engen Spielen, wenn zusätzlich die Nerven eine Rolle spielen. Daher sehe ich Brasilien nicht als den großen Favoriten, weil die Mannschaft noch relativ jung und nicht wirklich so eingespielt ist, dass es gegen Mannschaften wie Spanien, Argentinien oder auch unserer Elf reicht.
    Den Brasilianern wünsche ich trotzdem mindestens das Halbfinale und traue es ihnen auch zu.

  8. ... gehören diese Ansprüche gehörig zurechtgestutzt. WM, EM und Champions League sind Turniere im KO-Modus, und hier spielen Auslosung, Tagesform und knappe Entscheidungen eine viel größere Rolle als in einem Ligasystem, in dem sich so etwas über mehrere Spiele hinweg wieder ausgleicht. Außerdem ist Fußball bekanntlich ohnehin ein low-score-game. Kurz: Man muss nicht nur gut sein, sondern auch Glück haben. Und wenn man dieses Glückhaben von den Spielern wie selbstverständlich einfordert, dann ist es der jeweiligen Nation (ob Brasilien, Deutschland oder Honduras) zu gönnen, den Titel N I C H T zu holen.

    Abgesehen davon: 57 Mille und Nummer 10 für einen, der sich noch nie in einer europäischen Liga beweisen musste... mein lieber Scholli!

    greetz, BG

    Eine Leserempfehlung
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    • Siru
    • 15. Juni 2013 20:16 Uhr

    die den Titel einfordern, die von Ihnen beschriebenen Faktoren wie Tagesform oder Glück spielen m.M.n. aber eine eher untergeordnete Rolle. Und gar die Auslosung ist total egal, wer Weltmeister werden will, muss jeden schlagen (schon gut, die 3€ Euro klingeln grad ins Phrasenschwein :-))

    Spanien ist doch nicht umsonst 3x Turniersieger bei den letzten EM und WM geworden. Sie haben die beste Spielanlage, insbesondere aber die beste Defensive gehabt, die Gegentore in den genannten 3 Turnieren zusammen können Sie fast an einer Hand abzählen. Klar haben sie auch etwas Glück benötigt, z.B. 2010 im VF gegen Paraguay oder 2012 im HF gegen Portugal, aber das ist letztlich auch das Glück des Tüchtigen. Die Regel ist, das sich die stärksten Mannschaften unabhängig von den genannten Faktoren durchsetzen, Ausnahmen wie Griechenland 2004 oder Chelsea in der CL 2012 bestätigen die Regel.

    Insofern ist ein Titel, wenn denn die Voraussetzungen passen, durchaus "planbar". Ein gutes Beispiel sind doch die Bayern dieses Jahr gewesen. Dort sind neben der absoluten Grundvoraussetzung, nämlich individuell gute Spieler, auch andere entscheidende Faktoren erfüllt worden, nämlich ein Trainer mit der richtigen Anpassung der Taktik und der absolute Erfolgshunger der Spieler. Und das sind für mich die entscheidenden Kriterien, auch in einem K.O. Turnier.

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