Proteste : Brasilianer wollen die Fifa-Rechnung nicht zahlen

"Der Zirkus wird uns das Brot kosten": Die Brasilianer protestieren wie seit 20 Jahren nicht mehr. Sie wollen Schulen und Krankenhäuser statt die Fußball-WM.
Demonstranten in Rio de Janeiro mit einem Plakat: "Kommt auf die Straße!" © Christophe Simon/AFP/Getty Images

Um in Rio de Janeiro protestieren zu können, muss Marcus Losanoff umgerechnet 1,20 Euro zahlen. Soviel kostet das Ticket für die U-Bahn ins Zentrum. Um etwas mehr als 10 Cent wurde der Preis kürzlich erhöht. Das hört sich nach nicht viel an. Aber für Markus Losanoff, einen 35-jährigen Musikjournalisten, ist es genau eine Preiserhöhung zu viel.

"Irgendwann muss damit Schluss sein, die Leute können sich die Stadt einfach nicht mehr leisten", sagt er. "Klar, jetzt geht es um kleine Beträge. Aber das ist nur der Anstoß, um zu zeigen, wie groß die Wut auf der Straße ist." Dass sich diese Wut gerade jetzt entlädt, hängt wenig mit den Ereignissen in der Türkei, aber vor allem mit dem Beginn des Confed Cups zusammen, der Generalprobe für die Fußball-WM im kommenden Jahr. Plötzlich bekommen viele Brasilianer im Fernsehen zum ersten Mal die Stadien zu sehen, die Hunderte Millionen Reais gekostet haben. Umgerechnet rund elf Milliarden Euro sollen es insgesamt sein. Den Preis, so denken hier viele, haben die Menschen täglich zu zahlen. Unter anderem am Ticketschalter der U-Bahn.

Etwa 100.000 Menschen zogen am Montag durch Rios Zentrum. 200.000 sollen in ganz Brasilien demonstriert haben, in São Paulo, Brasilia, Belo Horizonte. Es sind die größten Proteste seit 20 Jahren. Adressat: die Regierung und der Fußballweltverband Fifa. Schon bei der Eröffnungsfeier des Confed Cups am Wochenende in der Hauptstadt Brasilia wurden Fifa-Präsident Sepp Blatter und die brasilianische Präsidentin Dilma Roussef ausgepfiffen.

"Das ist unsere WM"

Das viele Geld werde in Schulen, Universitäten und Krankenhäusern dringender gebraucht, sagen viele Brasilianer. Zudem fürchten sie einen Ausverkauf. Das legendäre Stadion Maracanã etwa wurde mit Steuergeldern neu aufgebaut. Nach der WM wird die einstige "Arena des Volkes" einem Konsortium vermacht, dem einer der reichsten Männer Brasiliens angehört. Außerdem kann sich der Durchschnittsverdiener die neuen, erhöhten Eintrittspreise nicht leisten. Fußball, einst der große Gleichmacher, wird zur Klassenfrage.

Ganz wohl ist Markus Losanoff und seinen Freunden auf der Straße nicht. Bei Demonstrationen in São Paulo in der vergangenen Woche reagierte die Polizei hart. Unbewaffnete Demonstranten wurden mit Schildern geschlagen, Tränengas und Gummikugeln wurden in die Menge geschossen. Auf Facebook und Twitter verbreiteten sich die Bilder. "Natürlich habe ich ein bisschen Angst, aber gerade deswegen wollten wir heute demonstrieren gehen", sagt er. 

Doch auf den Geschäftsstraßen und auf dem Praça Floriano vor dem berühmten Teatro Municipal ist kaum Polizei zu sehen. Die Stimmung erinnert an ein Festival. Die Leute gehen gemächlich nebeneinander her, manchmal fängt eine Samba-Band zu spielen an, die Slogans werden gesungen wie im Fußballstadion. Einer davon lautet "No Rio copa nossa, ha ha, hu hu", das ist unsere WM. In den Bürotürmen stehen viele Angestellte am Fenster, einige zeigen ihre Solidarität mit Papierschnipseln, die sie in die jubelnde Menge werfen. Doch auch in Rio de Janeiro werden die Medien später von Ausschreitungen berichten. Polizisten wurden mit Molotowcocktails, Steinen und Kokosnüssen beworfen, das Gebäude des Regionalparlaments attackiert. 

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