Um in Rio de Janeiro protestieren zu können, muss Marcus Losanoff umgerechnet 1,20 Euro zahlen. Soviel kostet das Ticket für die U-Bahn ins Zentrum. Um etwas mehr als 10 Cent wurde der Preis kürzlich erhöht. Das hört sich nach nicht viel an. Aber für Markus Losanoff, einen 35-jährigen Musikjournalisten, ist es genau eine Preiserhöhung zu viel.

"Irgendwann muss damit Schluss sein, die Leute können sich die Stadt einfach nicht mehr leisten", sagt er. "Klar, jetzt geht es um kleine Beträge. Aber das ist nur der Anstoß, um zu zeigen, wie groß die Wut auf der Straße ist." Dass sich diese Wut gerade jetzt entlädt, hängt wenig mit den Ereignissen in der Türkei, aber vor allem mit dem Beginn des Confed Cups zusammen, der Generalprobe für die Fußball-WM im kommenden Jahr. Plötzlich bekommen viele Brasilianer im Fernsehen zum ersten Mal die Stadien zu sehen, die Hunderte Millionen Reais gekostet haben. Umgerechnet rund elf Milliarden Euro sollen es insgesamt sein. Den Preis, so denken hier viele, haben die Menschen täglich zu zahlen. Unter anderem am Ticketschalter der U-Bahn.

Etwa 100.000 Menschen zogen am Montag durch Rios Zentrum. 200.000 sollen in ganz Brasilien demonstriert haben, in São Paulo, Brasilia, Belo Horizonte. Es sind die größten Proteste seit 20 Jahren. Adressat: die Regierung und der Fußballweltverband Fifa. Schon bei der Eröffnungsfeier des Confed Cups am Wochenende in der Hauptstadt Brasilia wurden Fifa-Präsident Sepp Blatter und die brasilianische Präsidentin Dilma Roussef ausgepfiffen.

"Das ist unsere WM"

Das viele Geld werde in Schulen, Universitäten und Krankenhäusern dringender gebraucht, sagen viele Brasilianer. Zudem fürchten sie einen Ausverkauf. Das legendäre Stadion Maracanã etwa wurde mit Steuergeldern neu aufgebaut. Nach der WM wird die einstige "Arena des Volkes" einem Konsortium vermacht, dem einer der reichsten Männer Brasiliens angehört. Außerdem kann sich der Durchschnittsverdiener die neuen, erhöhten Eintrittspreise nicht leisten. Fußball, einst der große Gleichmacher, wird zur Klassenfrage.

Ganz wohl ist Markus Losanoff und seinen Freunden auf der Straße nicht. Bei Demonstrationen in São Paulo in der vergangenen Woche reagierte die Polizei hart. Unbewaffnete Demonstranten wurden mit Schildern geschlagen, Tränengas und Gummikugeln wurden in die Menge geschossen. Auf Facebook und Twitter verbreiteten sich die Bilder. "Natürlich habe ich ein bisschen Angst, aber gerade deswegen wollten wir heute demonstrieren gehen", sagt er. 

Doch auf den Geschäftsstraßen und auf dem Praça Floriano vor dem berühmten Teatro Municipal ist kaum Polizei zu sehen. Die Stimmung erinnert an ein Festival. Die Leute gehen gemächlich nebeneinander her, manchmal fängt eine Samba-Band zu spielen an, die Slogans werden gesungen wie im Fußballstadion. Einer davon lautet "No Rio copa nossa, ha ha, hu hu", das ist unsere WM. In den Bürotürmen stehen viele Angestellte am Fenster, einige zeigen ihre Solidarität mit Papierschnipseln, die sie in die jubelnde Menge werfen. Doch auch in Rio de Janeiro werden die Medien später von Ausschreitungen berichten. Polizisten wurden mit Molotowcocktails, Steinen und Kokosnüssen beworfen, das Gebäude des Regionalparlaments attackiert. 

300.000 Euro für ein Haus in der Favela

Das alles passt nicht ins Bild, das Brasilien momentan abgeben will. Die Großereignisse, Fußball-WM, Olympische Spiele 2016 und auch der Weltjugendtag in ein paar Wochen wurden in das Land vergeben, weil es doch so gut feiern kann. Die Vorbereitungen haben schon jetzt vielen die Laune verdorben.

Zum Beispiel Miguel de Oliveira. Der 46-jährige wirkt mit seinen Manschettenknöpfen und dem eingerollten Regenschirm in der Hand ein bisschen fremd unter den Protestlern, die meisten von ihnen sind Studenten. Doch auch de Oliveira, Manager bei einem Einzelhändler, ist wütend. "Die Kosten für die Stadien sind explodiert. In Städten wie Brasilia oder Manaus werden wir Arenen haben, die zu den teuersten der Welt gehören, obwohl es dort keine nennenswerte Fußballmannschaft gibt", sagte er. "Aber ein WM-Ticket ist für die meisten normalen Leute unbezahlbar."

"Der Zirkus wird uns das Brot kosten"

Für die wird es immer schwieriger, die Kosten des Alltags zu bewältigen. Wer in Rio im Supermarkt einkauft, wähnt sich oft im Feinkostgeschäft, die Lebensmittelpreise schossen zuletzt in die Höhe. Die geplanten Großereignisse locken zudem Immobilieninvestoren auf den Plan. In der Favela Vidigal, eigentlich einem Armenviertel, ist ein Häuschen auf dem Markt, das von außen eher wie eine Baracke anmutet. Der Preis: 300.000 Euro. Die Mietpreise in Rio de Janerio gehören mittlerweile zu den höchsten der Welt. Eine Fachangestellte wie Maria Clara Mançor wohnt deswegen an der Copacabana in einer Vierer-WG, mit zwei Zimmern. Die 21-jährige hat sich während der Arbeit spontan entschlossen, nach Dienstschluss noch auf die Straße zu gehen. Mitgenommen hat sie ein DIN-A3 Blatt, das sie in die Luft hält. Darauf hat sie geschrieben: "O circo custaria nosso pao" – "Der Zirkus wird uns das Brot kosten".

Gegen 19 Uhr nimmt Marcus Losanoff den Bus nach Hause. Auch der ist nun teurer, aber heute macht ihm das nichts aus. "Das war wichtig", sagt er. In seiner Generation hätte es bisher kaum  große politische Kämpfe gegeben, die Brasilianer gelten allgemein nicht als besonders protestwütig. Die meisten, die auf den Straßen waren, werden zur WM ihr Brasilien-Trikot anziehen und die Mannschaft anfeuern, da ist sich Losanoff sicher. Aber: "Wir lassen nicht alles mit uns machen, das wollten wir heute zeigen."