Damit haben sie nicht gerechnet, die Herren des Weltfußballverbandes (Fifa). Eine Million Menschen demonstrierten am Donnerstagabend in 100 Städten gegen teure Stadien und den Gigantismus der Fifa. Ausgerechnet in Brasilien, dem fußballverrücktesten Land der Welt, in dem Männer auf der Straße stehen, mit einem Ball jonglieren und dafür Geld bekommen.

Der Protest richtet sich natürlich nicht nur gegen die Fifa. Den Menschen geht es um die Unfähigkeit ihrer Regierung, die es nicht schafft, die soziale Entwicklung der wirtschaftlichen anzugleichen. Ihnen geht es um Korruption und Inflation. Doch untrennbar damit verbunden ist der Kniefall der brasilianischen Regierung vor der Fifa und dem IOC, den Wächtern über die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016.

Die Menschen zürnen, dass ihr Land die Friss-oder-stirb-Einstellung akzeptiert, die Fifa und IOC ihren Ausrichterländern entgegenbringen. An den Knebelverträge der milliardenschweren Verbände voller Steuererleichterungen, Exklusivität für deren milliardenschweren Sponsoren und dreisten Forderungen nach noch größeren Stadien, Hotels, Flughäfen.

Die Brasilianer lassen sich das nicht mehr gefallen. Niemand soll für den Sport-Zirkus darben müssen. Niemand soll als Kulisse für sonnige WM- und Olympia-Bilder dienen, aber Busse, Brote und Bildung nicht mehr bezahlen können. Wenn schon Fifa-Standards, dann bitte auch für Krankenhäuser und Grundschulen. Das fordern die Brasilianer auf den Straßen. Und sie sind das erste sportverrückte Volk der Welt, das dies laut ausspricht.

Die Menschen in Rio, São Paulo und Belo Horizonte tun damit der ganzen Welt einen Gefallen. Ihre Proteste zeugen nicht nur von der demokratischen Reife eines Landes, das noch vor 30 Jahren von Generälen regiert wurde. Sie setzen den Sportgiganten auch ein Stoppschild: Bis hierhin, und nicht weiter. Endlich erhebt sich eine Demokratie gegen die zutiefst anti-demokratische Fifa. Was Südafrika 2010 und selbst Deutschland 2006 nicht wagten, übernimmt nun ein Schwellenland, das um seinen Platz in der Welt kämpft.

Schon vor wenigen Monaten weigerten sich erst die Bürger Wiens und dann die des Schweizer Kantons Graubünden in naher Zukunft die Olympische Spiele in ihre Städte zu lassen. Zu groß, zu teuer, brauchen wir nicht. Eine dänische Studie aus dem Jahr 2011 zeigt, dass sportliche Großereignisse von den Demokratien Europas und Nordamerikas in autoritäre Staaten wandern, wo niemand aufmuckt. Nach China, nach Russland, nach Katar. Brasilien war fast so etwas wie eine demokratische Ausnahme. Die Folgen sieht man jetzt.

Doch wer liest schon dänische Studien? Die Menschen in Brasilien tragen diese Unerträglichkeit endlich auf die Straße. Fifa und IOC werden angesichts der Bilder ins Grübeln kommen. Ziehen sie sich aus Bequemlichkeit in autoritär regierte Länder zurück, geht ihnen über kurz oder lang die demokratische Legitimität verloren. Sie müssen zurückkommen, aber anders. Sie müssen die Gastgeber einbinden, sie teilhaben lassen, auch finanziell. Die Events müssen bescheidener werden, transparenter, individueller. 

Die großen Sportverbände werden umdenken müssen. Das wird allen guttun, auch den Sportlern und den Wettkämpfen, um die es bei diesen Großereignissen längst nur noch am Rande geht. Dafür: Danke, Brasilien!

Aktuelle Informationen über die Proteste liefern die größten Zeitungen des Landes, O Globo und Folha de S. Paulo. Letztere bietet auch eine englische Online-Version. Verschiedene Medien, aber auch private Seiten bieten Livestreams an, die das aktuelle Geschehen auf den Straßen abbilden sollen. Etwa UOL, Anonymous Brasil oder O Globo.