ProtesteDanke, Brasilien!

Was Südafrikaner 2010 und Deutsche 2006 nicht wagten, übernehmen nun die Brasilianer. Ein Volk erhebt sich gegen die Fifa. Das wird Folgen haben, kommentiert C. Spiller. von 

Demonstranten im brasilianischen Belo Horizonte

Demonstranten im brasilianischen Belo Horizonte  |  © Yuri Cortez/AFP/Getty Images

Damit haben sie nicht gerechnet, die Herren des Weltfußballverbandes (Fifa). Eine Million Menschen demonstrierten am Donnerstagabend in 100 Städten gegen teure Stadien und den Gigantismus der Fifa. Ausgerechnet in Brasilien, dem fußballverrücktesten Land der Welt, in dem Männer auf der Straße stehen, mit einem Ball jonglieren und dafür Geld bekommen.

Der Protest richtet sich natürlich nicht nur gegen die Fifa. Den Menschen geht es um die Unfähigkeit ihrer Regierung, die es nicht schafft, die soziale Entwicklung der wirtschaftlichen anzugleichen. Ihnen geht es um Korruption und Inflation. Doch untrennbar damit verbunden ist der Kniefall der brasilianischen Regierung vor der Fifa und dem IOC, den Wächtern über die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016.

Anzeige

Die Menschen zürnen, dass ihr Land die Friss-oder-stirb-Einstellung akzeptiert, die Fifa und IOC ihren Ausrichterländern entgegenbringen. An den Knebelverträge der milliardenschweren Verbände voller Steuererleichterungen, Exklusivität für deren milliardenschweren Sponsoren und dreisten Forderungen nach noch größeren Stadien, Hotels, Flughäfen.

Die Brasilianer lassen sich das nicht mehr gefallen. Niemand soll für den Sport-Zirkus darben müssen. Niemand soll als Kulisse für sonnige WM- und Olympia-Bilder dienen, aber Busse, Brote und Bildung nicht mehr bezahlen können. Wenn schon Fifa-Standards, dann bitte auch für Krankenhäuser und Grundschulen. Das fordern die Brasilianer auf den Straßen. Und sie sind das erste sportverrückte Volk der Welt, das dies laut ausspricht.

Tageszeitungen

Die größten Zeitungen des Landes sind O Globo und Folha de S. Paulo. Letztere bietet auch eine englische und spanische Onlineversion.

Live-Blogs

O Globo und Folha bieten Live-Blogs zu den Protesten an. Die Rio Times berichtet auf Englisch. Die großen Magazine des Landes, EpocaVeja und Piaui berichten ebenfalls live.

Live-Streams

Verschiedene Medien, aber auch private Websites bieten Live-Streams an, die das aktuelle Geschehen auf den Straßen abbilden sollen. Etwa Anonymous Brasil oder O Globo.

Blogs

Auch Blogger begleiten die Proteste und erläutern Hintergründe, auf Englisch.
Zum Beispiel Andrew Downie, Mauricio Savarese oder Chris Gaffney

Die Menschen in Rio, São Paulo und Belo Horizonte tun damit der ganzen Welt einen Gefallen. Ihre Proteste zeugen nicht nur von der demokratischen Reife eines Landes, das noch vor 30 Jahren von Generälen regiert wurde. Sie setzen den Sportgiganten auch ein Stoppschild: Bis hierhin, und nicht weiter. Endlich erhebt sich eine Demokratie gegen die zutiefst anti-demokratische Fifa. Was Südafrika 2010 und selbst Deutschland 2006 nicht wagten, übernimmt nun ein Schwellenland, das um seinen Platz in der Welt kämpft.

Christian Spiller
Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Schon vor wenigen Monaten weigerten sich erst die Bürger Wiens und dann die des Schweizer Kantons Graubünden in naher Zukunft die Olympische Spiele in ihre Städte zu lassen. Zu groß, zu teuer, brauchen wir nicht. Eine dänische Studie aus dem Jahr 2011 zeigt, dass sportliche Großereignisse von den Demokratien Europas und Nordamerikas in autoritäre Staaten wandern, wo niemand aufmuckt. Nach China, nach Russland, nach Katar. Brasilien war fast so etwas wie eine demokratische Ausnahme. Die Folgen sieht man jetzt.

Doch wer liest schon dänische Studien? Die Menschen in Brasilien tragen diese Unerträglichkeit endlich auf die Straße. Fifa und IOC werden angesichts der Bilder ins Grübeln kommen. Ziehen sie sich aus Bequemlichkeit in autoritär regierte Länder zurück, geht ihnen über kurz oder lang die demokratische Legitimität verloren. Sie müssen zurückkommen, aber anders. Sie müssen die Gastgeber einbinden, sie teilhaben lassen, auch finanziell. Die Events müssen bescheidener werden, transparenter, individueller. 

Die großen Sportverbände werden umdenken müssen. Das wird allen guttun, auch den Sportlern und den Wettkämpfen, um die es bei diesen Großereignissen längst nur noch am Rande geht. Dafür: Danke, Brasilien!

Aktuelle Informationen über die Proteste liefern die größten Zeitungen des Landes, O Globo und Folha de S. Paulo. Letztere bietet auch eine englische Online-Version. Verschiedene Medien, aber auch private Seiten bieten Livestreams an, die das aktuelle Geschehen auf den Straßen abbilden sollen. Etwa UOL, Anonymous Brasil oder O Globo.  

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ... für Ihren Optimismus ("Niemand soll für den Sport-Zirkus darben müssen")

    Ich hoffe sehr Sie behalten Recht!

    27 Leserempfehlungen
  2. Hatten die Deutschen 2006 einen Grund sich zu beschweren? Hotels, Stadien, Infrastruktur, gabs doch sicher alles vorher auch schon in Deutschland, weshalb hierhin kein Geld verschwendet werden musste.

    Man hat hier und da etwas modernisiert, aber da die Stadien regelmäßig genutzt werden, brauchte man sich da denke ich keine Sorgen zu machen, dass diese nach der WM zu Ruinen zerfallen würden.

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Investitionen in die Infrastruktur
    Im Vorfeld der WM wurden nach Angaben der Bundesregierung rund 3,7 Mrd. Euro in den Ausbau der Infrastruktur investiert. Hinzu kommen Investitionen in den Ausbau des Berliner Olympiastadions und den Neubau des WM Stadions in Leipzig.

    Außerdem wurden mehrere Mrd. Euro in den Ausbau des Schienennetzes gesteckt. Hinzu kommen noch rund 300 Mio. Euro für den öffentlichen Verkehr sowie weitere 400 Mio. Euro für kommunale Straßen sowie Park and Ride-Plätze.

    An allen Spielstätten wurde in den Aus-, Um- oder Neubau der WM-Stadien investiert. Spitzenreiter ist hier der Neubau der Allianz-Arena in München mit ca. 280 Mio. Euro, gefolgt vom Berliner Olympiastadion, dessen Umbau mit immerhin 242 Mio. Euro zu Buche schlägt. Dagegen fällt der Umbau des Dortmunder Westfalenstadions mit gerade einmal 40 Mio. Euro geradezu bescheiden aus. "
    Quelle: foerderland.de

    Nun ja, 2006 unterlag das ganze Land dem Feindrecht der FIFA. Das grosse Schild "Allianz" musste vom Münchner Stadion abmontiert und irgendwo zwischengelagert werden. Ähnlich ging es AOL, die selbst die Fliesen mit ihrem Emblem auf den Toiletten des Stadions abschlagen (!) mussten. "Gut", mögen sie sagen, "wer beim grossen Spiel teilnehmen will muss die Regeln befolgen, kein Stadion war gezwungen als Spielort zu dienen". Aber betroffen waren eben auch "Unschuldige". Theater und Kneipen in den Städten mit Stadien. Die durften an Tagen mit Spielen (und oft auch am Tag davor) keine Aufführungen veranstalten. Wenn ich mich richtig erinnere hatte diese "Bannmeile" einen Radius von 2km um das Stadion.

    Also zurück zu ihrer Frage: Hatten die Deutschen 2006 Grund sich zu beschweren?

    natuerlich hat der steuerzahler recht sich zu beschweren. die fifa zahlt keine steuer auf ertraege,behaelt alle werbeeinnahmen und gebaerdet sich als staat im staate. aber wir sind ja so doof, fuer ein bischen fussball werden gesetze ausgehebelt und der dfb sagt danke fifa

    Stimmt ganz und gar nicht.
    Stadien werden grundsätzlich nicht ausgelastet.
    Davon abgesehen wird das Stadion in Leipzig überhaupt nicht benutzt, evtl. für ein 5. Liga Spiel aller 14 Tage, mit 500 Zuschauern.
    Aber auch Stadien, wie in Berlin und anderswo werden max. aller 14 Tage genutzt. Rechnet man die Kosten dagegen, die Unterhaltung etc. sieht es in den meisten Stadien böse aus. Es gibt Fußballvereine, die sich die Stadien gar nicht leisten können.
    Aber weiter so, immer die blinde Kuh spielen und mitjodeln.

    ...ist für die WM gebaut worden. Immerhin funktioniert er heute noch.

  3. Die FIFA ist gerade auf einem Raubzug bei den BRICS-Staaten. Der IOC ist auch nicht viel besser.

    20 Leserempfehlungen
  4. Es geht also doch: Fussball-Fan sein und Gehirn eingeschaltet lassen. Respekt.

    33 Leserempfehlungen
  5. "exotische" Länder wie es geht eine vernünftige Politik für die Bevölkerung zu erzwingen? Was wäre, hätte man den Brasilianern eine GEZ-Gebühr von 17.90 pro Wohnung übergebraten hätte anstatt einer Fahrpreiserhöhung um einige Cents?

    Von Brasilien zu lernen schadet nicht.

    32 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aber das Preis-Leistungsverhältnis ist bei der GEZ besser, als beim brasilianischen ÖPNV.

    Sie haben vollkommen recht, wir könnten uns eine dicke Scheibe von der Courage der jungen Menschen in Brasilien oder Türkei abschneiden. Stattdessen mokieren wir uns darüber, dass in der Türkei regierungsfreundliche TV-Sender Pinguin-Dokus während der Proteste senden, während sich hierzulande die Bevölkerung beim Hirschhausenquiz, Rote Rosen etc. vor der Mattscheibe hindämmert. Jämmerlich!!!!

  6. Und das Prinzip bei den EMs abgeschafft. Nie wieder muss für eine EM ein Stadion gebaut werden, das man eigentlich nicht braucht.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    http://www.zeit.de/sport/...

    Wann hat denn die UEFA reagiert? Nach der letzten EM? ;-)

  7. Aber das Preis-Leistungsverhältnis ist bei der GEZ besser, als beim brasilianischen ÖPNV.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Warum zeigen uns immer"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ZPH
    • 21. Juni 2013 18:11 Uhr

    Aber beim brasilianischen ÖPNV muss man anders als bei der Zwangs-GEZ den Preis nicht bezahlen, wenn die- Leistung gar nicht will. Und über die GEZ und die Lizenzen die ÖR Sender für die Übertragungen von Fussball bezahlen wird hier gewungen, die Millionengehälter der Fussballer zu bezahlen und zwar mit über 200 Euro pro Jahr.

    Angebote der GEZ nicht nutzen möchte, zahle ich auch nicht? So ist das nämlich beim öffentlichen Nahverkehr. Äpfel und Birnen, weißte schon.

    Zum Thema: Von den gewalttätigen Ausschreitungen abgesehen habe ich vollstes Verständnis für die Brasilianer. Ich meine hierbei sowohl die Demonstranten als auch die Polizei.

    ob das Verhältnis bei der GEZ jetzt besser ist, da ich bei Preis geteilt durch Leistung leider durch 0 teilen muss, und das geht nicht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fifa | IOC | Fußball-WM | Grundschule | Korruption | Protest
Service