Proteste in Brasilien : Die Buhrufe auf der feinen Fifa-Party

Der Confed-Cup ist die Bühne für den brasilianischen Protest. Wenn sich Grundsätzliches ändert, wäre das auch ein Erfolg für den Fußball. Von S. Goldmann, Belo Horizonte

Natürlich hat auch Daniel Teixeira die Helikopter gehört. Ließ sich kaum vermeiden, schließlich ratterten sie den ganzen Tag und die halbe Nacht über Belo Horizonte, die Industriestadt im Südosten Brasiliens, wo Teixeira wieder wohnt, nachdem er sein Fußballabenteuer in Europa beendet hat. Nach Stationen in Portugal und Japan und in Deutschland, wo er mit dem 1. FC Union Berlin in die Zweite Liga aufstieg, ins DFB-Pokalfinale einzog und so viele Tore schoss, dass er sie selbst kaum mehr zählen kann. "Eine großartige Zeit", sagt Teixeira. Sie ging erst zu Ende, als er 39 war und die Tore sich nicht mehr so leicht schießen lassen wollten.

Daniel Teixeira würde ja jetzt, da der Confed-Cup auch in seine Heimatstadt gekommen ist, gern über Fußball sprechen. Aber da sind die Hubschrauber, die den ganzen Abend und die halbe Nacht über Belo Horizonte ratterten. Auf der Praça XV im Zentrum klebte die Jugend der Stadt Transparente an den riesigen Obelisk und feierte ein fröhliches Polit-Happening. Alle paar Meter hielten Polizisten Wache, sie trugen Helme und Schlagstöcke und wussten nichts anzufangen mit den jungen Leuten, die sie lachend und tanzend und singend ignorierten.

Beide Seiten haben sich nichts zu sagen in diesen aufgeheizten Tagen, die die Welt einen brasilianischen Frühling nennt, obwohl doch gerade der Herbst in den Winter übergeht. Teixeira wohnt im wohlhabenderen Süden der Stadt, und weil drei Töchter umsorgt werden wollen, war er nicht dabei in der Party-Protest-Nacht, jedenfalls nicht physisch. Im Geiste schon. Er sagt: "Was will man den jungen Leuten schon vorwerfen? Dass sie die Wahrheit sagen?"

"Ein Wahnsinn!"

Wie sehr Daniel Teixeira an seiner Heimatstadt hängt, ist aus jedem seiner Sätze zu hören. Auch und gerade aus den kritischen, sie beziehen sich ja nicht so sehr auf Belo Horizonte, sondern auf das, was Grundsätzlich falsch läuft in Brasilien. Teixeira ist jetzt 42 Jahre alt, hat höchstens zwei Kilogramm mehr als sein Wettkampfgewicht und läuft noch immer breitbeinig wie ein Cowboy, passend zu seinem Spitznamen Texas. Mit seiner Agentur vermittelt er zwischen Europa und Brasilien und nutzt dabei die während der Profikarriere geknüpften Kontakte, "vor der WM im nächsten Jahr gibt es genug zu tun". Einmal in der Woche trifft Teixeira sich zum Kicken mit anderen ehemaligen Profis, etwa dem früheren Herthaner Gilberto, der im vorigen Jahr seine Karriere beendet hat, beim Zweitligisten America in Belo Horizonte. Vor ein paar Wochen hat er in einem deutschen Restaurant das Champions-League-Finale geguckt, stilecht mit Dortmunder Trikot im "Haus München" – kleine Reminiszenz an seinen Freund, den ehemaligen Dortmunder Profi Dede.

Aber Fußball ist eben nicht alles. Finden Brasiliens Nationalspieler wie David Luiz vom FC Chelsea, Hulk oder Dante. Und findet auch Daniel Teixeira. Er hat Verwandte in der Hauptstadt Brasilia, er kennt das neue Stadion, die Regierung hat es mit Milliardenaufwand ins Stadtzentrum geklotzt. "Ein Wahnsinn", sagt Teixeira, "da gibt es einen Zweit- und einen Drittligisten. Wofür brauchen die so ein Stadion, wofür braucht Manaus eins, wofür Cuiaba?"

Und warum werden zur selben Zeit die Preise für die öffentlichen Busse erhöht, warum wird nicht in die Bildung investiert und nicht in das Gesundheitssystem?

Daniel Teixeira steigt in sein Auto und fährt durch die engen Straßen des Zentrums von Belo Horizonte, durch die Hochhausschluchten Richtung Süden, wo die Häuser kleiner werden und hübscher, immer weiter den Berg hinauf bis zur Praça do Papa. Der Platz ist Papst Johannes Paul II. gewidmet. Joao Paulo Segundo, wie sie ihn in Brasilien nennen, hat hier 1980 eine Messe gehalten. Fast die ganze Stadt war da, und Belo Horizonte zählt immerhin zweieinhalb Millionen Einwohner. Daniel Teixeira war damals zwölf Jahre alt und selbstverständlich mit dabei.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Die Zitronen beginnen sich zu wehren

Fifa und Brasilien müssen lernen, aber auch die Vertreter des "höher", "größer" und "teurer" hier, dass die Schmerzgrenze überschritten ist, dass der Raubritter-Kapitalismus der 90er Jahre seine Grenzen nicht nur seit 2008 erreicht hat, die Raubritter haben die Grenzen überschritten.