Die Augen der drei Steppkes wurden immer größer. Geduldig hatten sie am schmalen Ausgang von Court No. 8 im All England Club gewartet, mitten im Gedränge. Und dann kam er endlich, der Spieler, für den sie ausgeharrt hatten. Der war genervt, weil er gerade in der ersten Runde des Doppelwettbewerbs von Wimbledon ausgeschieden war. Dennoch blieb er stehen, und gab den Dreien freundlich Autogramme. Sie mussten ziemlich weit hochschauen zu dem fast zwei Meter langen Schlacks mit den wilden Rastalocken, dem ärmellosen Muskel-Shirt und den verwegenen Ohrringen samt Zungenpiercing. "Ich weiß gar nicht, wie er heißt", sagte einer der Jungs, "aber ich habe ihn gestern spielen sehen – und er ist ja so cool." Das ist er wirklich, dieser Dustin Brown.

So einen wie ihn hatten sie in Wimbledon bisher wohl selten erlebt. Was hatte dieser Deutsch-Jamaikaner in der zweiten Runde für eine verrückte Show geboten – unberechenbar, eigenwillig und zugleich herrlich spektakulär. Brown hechtete am Netz, er schubste manchen Ball selbst mit dem Rücken zum Gegner noch ins Feld und hämmerte auf die gelbe Filzkugel so bedingungslos ein, als hinge sein Leben davon ab (Video hier)

Die Zuschauer waren längst hingerissen von diesem kuriosen Rastamann, den alle nur "Dreddy" nennen. Lleyton Hewitt war das weniger. Den Wimbledon-Champion von 2002 brachte Brown mit seinem unorthodoxen Auftreten völlig aus dem Konzept. Er, der Qualifikant, der gerade mal auf Platz 189 der Welt rangiert.

"Ich bin eigentlich nicht der Typ, der heult"

Brown pflegt sein lässiges, karibisches Image, obwohl er aus dem niedersächsischen Celle stammt. Doch nach dem Sieg über Hewitt stiegen die Tränen in ihm hoch. "Ich bin eigentlich nicht der Typ, der heult", sagte er später etwas geniert, "und schon gar nicht wie ein kleines Mädchen." Nie zuvor war er in die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers eingezogen, das war dann einfach zu viel. Für einen, der den Großteil seiner Profikarriere in den Niederungen der Rangliste jenseits von Platz 500 zugebracht hat, und statt bei den großen, lukrativen Turnieren in den zugigen Tennishallen der europäischen Provinz für ein paar Dollar Preisgeld antrat, für den ist die dritte Runde von Wimbledon wie das gelobte Land.

"Ich bin einfach nur glücklich, dass ich es geschafft habe", sagte Brown. 28 Jahre ist er bereits alt und sein Weg ist weit steiniger und unbequemer gewesen als für die meisten seiner Kollegen. Den größten Teil dieser Strecke legte Brown in einem Campingbus zurück. Seine Eltern, die Mutter Deutsche und der Vater Jamaikaner, waren nie besonders wohlhabend. Sie konnten ihren Sohn bei seiner Karriere finanziell nicht so unterstützen, wie es im Tennissport immer noch nötig ist. Doch sie kauften ihm den VW-Bus, der Brown Flüge und Hotels ersparte. Und zumindest für die nächste Tankfüllung reichte das magere Preisgeld, das er sich Woche für Woche erspielte.