TennisDer Rastafari aus Niedersachsen mischt Wimbledon auf

Lange war der Deutsch-Jamaikaner Dustin Brown so klamm, dass er im VW-Bus zu Tennis-Turnieren reisen musste. Jetzt begeistert er mit seinem unorthodoxen Spiel Wimbledon. von Petra Philippsen

Dustin Brown im Spiel gegen Lleyton Hewitt

Dustin Brown im Spiel gegen Lleyton Hewitt  |  © Adrian Dennis/AFP/Getty Images

Die Augen der drei Steppkes wurden immer größer. Geduldig hatten sie am schmalen Ausgang von Court No. 8 im All England Club gewartet, mitten im Gedränge. Und dann kam er endlich, der Spieler, für den sie ausgeharrt hatten. Der war genervt, weil er gerade in der ersten Runde des Doppelwettbewerbs von Wimbledon ausgeschieden war. Dennoch blieb er stehen, und gab den Dreien freundlich Autogramme. Sie mussten ziemlich weit hochschauen zu dem fast zwei Meter langen Schlacks mit den wilden Rastalocken, dem ärmellosen Muskel-Shirt und den verwegenen Ohrringen samt Zungenpiercing. "Ich weiß gar nicht, wie er heißt", sagte einer der Jungs, "aber ich habe ihn gestern spielen sehen – und er ist ja so cool." Das ist er wirklich, dieser Dustin Brown.

So einen wie ihn hatten sie in Wimbledon bisher wohl selten erlebt. Was hatte dieser Deutsch-Jamaikaner in der zweiten Runde für eine verrückte Show geboten – unberechenbar, eigenwillig und zugleich herrlich spektakulär. Brown hechtete am Netz, er schubste manchen Ball selbst mit dem Rücken zum Gegner noch ins Feld und hämmerte auf die gelbe Filzkugel so bedingungslos ein, als hinge sein Leben davon ab (Video hier)

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Die Zuschauer waren längst hingerissen von diesem kuriosen Rastamann, den alle nur "Dreddy" nennen. Lleyton Hewitt war das weniger. Den Wimbledon-Champion von 2002 brachte Brown mit seinem unorthodoxen Auftreten völlig aus dem Konzept. Er, der Qualifikant, der gerade mal auf Platz 189 der Welt rangiert.

"Ich bin eigentlich nicht der Typ, der heult"

Brown pflegt sein lässiges, karibisches Image, obwohl er aus dem niedersächsischen Celle stammt. Doch nach dem Sieg über Hewitt stiegen die Tränen in ihm hoch. "Ich bin eigentlich nicht der Typ, der heult", sagte er später etwas geniert, "und schon gar nicht wie ein kleines Mädchen." Nie zuvor war er in die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers eingezogen, das war dann einfach zu viel. Für einen, der den Großteil seiner Profikarriere in den Niederungen der Rangliste jenseits von Platz 500 zugebracht hat, und statt bei den großen, lukrativen Turnieren in den zugigen Tennishallen der europäischen Provinz für ein paar Dollar Preisgeld antrat, für den ist die dritte Runde von Wimbledon wie das gelobte Land.

"Ich bin einfach nur glücklich, dass ich es geschafft habe", sagte Brown. 28 Jahre ist er bereits alt und sein Weg ist weit steiniger und unbequemer gewesen als für die meisten seiner Kollegen. Den größten Teil dieser Strecke legte Brown in einem Campingbus zurück. Seine Eltern, die Mutter Deutsche und der Vater Jamaikaner, waren nie besonders wohlhabend. Sie konnten ihren Sohn bei seiner Karriere finanziell nicht so unterstützen, wie es im Tennissport immer noch nötig ist. Doch sie kauften ihm den VW-Bus, der Brown Flüge und Hotels ersparte. Und zumindest für die nächste Tankfüllung reichte das magere Preisgeld, das er sich Woche für Woche erspielte.

Leserkommentare
  1. ich hoffe er kommt weit. Ein echter Sympathieträger!!!

    7 Leserempfehlungen
    • sinta
    • 28. Juni 2013 10:06 Uhr
    2. Dreddy

    Das macht so einen Spaß, diesem Mann beim Spielen zuzuschauen. Ich wünsche es ihm sehr, dass er weiterkommt. Schade, dass man Wimbledon so gar nicht im Free-TV schauen kann, ich muss mich da wieder mal in Grauzonen bewegen (wäre für einen guten Streamtip sehr dankbar). Aber den Confed-Cup zur besten Sendezeit bringen, ja ja, ist ja auch Fußball ...

    Und was ist mit den Sponsoren los - der sieht doch mal richtig gut aus und sehr sympathisch noch dazu. Mehr geht nicht, intelligent ist er auch.

    4 Leserempfehlungen
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    ...ab 14.00 Uhr im SF2.

    Gruß SU

  2. heißt es ja eigentlich. Daher nennt man ihn bestimmt auch eher "Dready". Soviel ZEIT muß sein.

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    Sie schreiben, man möge sich ZEIT nehmen bei der Recherche, und finden dann selbst nicht die 15 Sekunden um zu nachzuschauen, dass er sich "Dreddy" nennt? Junge Junge.
    https://twitter.com/dreddytennis

  3. vom VW-Bus?
    Gilt es jetzt schon als Härte, wenn man, zumal am Anfang einer Karriere, aufs Geld schauen muss?
    Viele, selbst gute, Sportler kommen darüber nie raus und wer beklagt deren "schweres Los"?

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    • Panic
    • 28. Juni 2013 10:51 Uhr

    Viele, selbst gute, Sportler kommen darüber nie raus und wer beklagt deren "schweres Los"?

    Wir tun das, wenn der Artikel erscheint, in dem es um diese Sportler geht.

    PS: Es gibt Menschen, die hungern jeden Tag. Und es gibt Korruption, Gewalt und Verletzung von Menschenrechten. Auch darüber werden wir reden. Wenn die entsprechenden Artikel auf ZO dazu erscheinen.

    Salut

    Der Mann ist 28. Das ist für einen Tennisspieler zwar nicht zu alt, aber das Ende seiner Karriere ist näher als der Beginn seiner Karriere.

    Schade eigentlich. So einen Typen könnte die deutsche Tenniswelt gut gebrauchen.

  4. ...ab 14.00 Uhr im SF2.

    Gruß SU

    Antwort auf "Dreddy"
    • Panic
    • 28. Juni 2013 10:51 Uhr

    Viele, selbst gute, Sportler kommen darüber nie raus und wer beklagt deren "schweres Los"?

    Wir tun das, wenn der Artikel erscheint, in dem es um diese Sportler geht.

    PS: Es gibt Menschen, die hungern jeden Tag. Und es gibt Korruption, Gewalt und Verletzung von Menschenrechten. Auch darüber werden wir reden. Wenn die entsprechenden Artikel auf ZO dazu erscheinen.

    Salut

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Was soll dass Geklage"
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    Nur hat das ach so harte Schicksal dieses Tennisprofis eben rein gar nichts mit dem Hunger in der Welt oder mit der Verletzung der Menschenrechte zu tun, da können Sie noch so weite Kreise ziehen.
    Da ist Ihnen wohl schon der Maßstab verloren gegangen.

  5. aber wofür macht er das?

    Damit er Ball spielen kann.

    Es gibt einige Menschen in Europa, die als Wanderarbeiter weniger Luxus haben und Jobs wie Putzen, Handlanger oder Schlimmeres machen müssen.

    Mein Mitleid mit der Vita dieses Tennisspielers hält sich in Grenzen.

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    Es ist nun mal so, berichte ich über einen Tennisspieler, dann berichte ich über das, was ihn ausmacht. Und es gibt eben Tennisspieler, die nicht Millionen scheffeln, sondern in den Niederungen der Tenniswelt ihr Dasein fristen. Was soll der Autor also schreiben?

    Ich frage mich manchmal wirklich, was manche Kommentatoren treibt, überall ihre sinnfreien Spuren zu hinterlassen. Es besteht weder Kommentarzwang noch Lesezwang.

    Klar, es gibt in der sozialen Hierarchie immer einen, dem es schlechter geht. Das geht bis hin zur Sklaverei, die es immer noch auf der Welt gibt. Verglichen damit geht es einer Putzfrau in Deutschland geradezu himmlisch. Sollen wir deswegen nicht mehr über die Putzfrau berichten, weil es immer noch jemanden gibt, dem es schlechter geht? Das wäre nämlich dann die logische Konsequenz, wenn die ZEIT demnächst über eine Putzfrau schreibt, die sich für 3-5 Euro verdingt. "Hey, die lebt doch im Luxus, verglichen mit dem Wanderarbeiter aus China." "Hey, dem Wanderarbeiter geht es doch prima, es gibt Leute, die werden versklavt."

    Also, leben Sie damit, dass, wenn man über einen Tennisspieler schreibt, erwähnt, dass dieser mit einem VW-Bus durch die Gegend tingelt und so nie zu großen Reichtum kommt, sondern eigentlich sogar draufzahlt. Verglichen mit einer Putzfrau mag es ihm gut gehen. Aber verglichen mit Nadal oder Federer geht es ihm dreckig.

  6. Liebe ZEIT ONLINE,

    ist Dustin Brown denn wirklich ein Rastafari, wie die Überschrift vermuten lässt?

    Eine Leserempfehlung
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    wollte ich auch fragen.

    Also liebe Redaktion, haben Sie konkrete Informationen, dass der Mann dieser Religion angehört (http://de.wikipedia.org/wiki/Rastafari) oder gilt für Sie das Gleichnis Dreadlocks=Rastafari?

    "Brown pflegt sein lässiges, karibisches Image, obwohl er aus dem niedersächsischen Celle stammt."

    Liebe Redaktion, so geht das nicht. Der Mann hat ein jamaikanisches Elternteil und hat ca. 8 Jahre auf Jamaica gelebt. Daher finde ich Ihren zweifelnden Unterton unangemessen.

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  • Schlagworte Grand-Slam-Turnier | Trainer | Video | Wimbledon | Celle
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