Handball"Sieger zweifeln nicht, Zweifler siegen nicht"

Das Scheitern der Handballer in der EM-Qualifikation ist ein Debakel, sagt der Funktionär Bob Hanning. Die Handball-Krise ähnele der des Fußballs zur Jahrtausendwende. von Benjamin Apitius und Christoph Dach

Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin

Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin  |  © Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Frage: Herr Hanning, woran denken Sie zuerst, wenn sie auf das zurückliegende Wochenende blicken?

Bob Hanning: An die Abschlussfeier unserer A-Jugend, die am Sonnabend die Deutsche Meisterschaft gewonnen hat. Wir hatten ein Boot gemietet, die Eltern der Jugendlichen waren dabei, einige Lehrer vom Leistungsstützpunkt. Es war eine gute Party.

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Frage: Am selben Tag hat die deutsche Nationalmannschaft die Qualifikation zur EM 2014 verpasst, zum ersten Mal überhaupt. Worin hakt es im deutschen Handball?

Hanning: Das Scheitern des Nationalteams ist ein Debakel. Wir haben in der Nachwuchsarbeit einiges versäumt. Ich glaube, dass man junge Spieler nicht nur sportlich, sondern auch in ihrer Persönlichkeit entwickeln muss. Sie sollten beim Stand von 25:25 kurz vor Schluss Spaß an einer solchen Situation haben und nicht vor Nervosität verkrampfen. Meine A-Junioren haben mittlerweile gelernt, wie man gewinnt. Sie stehen in kniffligen Situationen als Persönlichkeiten auf dem Feld.

Bob Hanning

Bob Hanning ist seit 2005 Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin. Zudem trainiert er die A-Jugend des Vereins. Aufgrund seiner Statur und seines Auftretens trägt er den Spitznamen "Napoleon". Im September kandidiert er für den Posten des Vize-Präsidenten beim Deutschen Handball-Bund.

Frage: War das Scheitern der Nationalmannschaft also eine Frage der Mentalität?

Hanning: Das denke ich. Wissen Sie, ich habe meiner A-Jugend bereits vor dem Meisterschaftsfinale ihre Sieger-T-Shirts ausgehändigt. Da stand drauf: Sieger zweifeln nicht, Zweifler siegen nicht. Ich muss eben Spieler aussuchen, die vom Charakter her meiner Mentalität als Trainer entsprechen. Nehmen Sie bei unseren Profis Iker Romero. Der weiß genau, wie man gewinnt. Nur deshalb haben wir ihn geholt. Ein solcher Charakter fehlt den Deutschen momentan.

Frage: Wie begründen Sie dann die eigentlich gute Leistung bei der WM im Frühjahr?

Hanning: Martin Heuberger hat es bei der WM geschafft, über das Kollektiv eine Menge zu lösen. Aber wenn einzelne dann nur 80 oder 90 Prozent geben, dann reicht dieses Kollektiv eben nicht mehr. Für das ganz Große brauchst du ganz große Persönlichkeiten. Und die müssen wir in Deutschland wieder entwickeln.

Frage: Ähnelt die Krise der Situation im deutschen Fußball zur Jahrtausendwende?

Hanning: Durchaus, wobei die Fußball-Bundesliga damals nicht die stärkste Liga der Welt war, sondern nur eine von vielen. Das macht es für uns ungleich komplizierter. Handball ist eine sehr physische Sportart, in der man eine gewisse Körperlichkeit braucht, die man mit 18 oder 19 Jahren gar nicht haben kann.

Leserkommentare
    • Lefty
    • 18. Juni 2013 10:52 Uhr

    Es fehlt im deutschen Handball der Unterbau,b.z.w. junge Spieler werden kaum eingesetzt.
    Bob Hanning redet seit Jahren,hat selbst Erfolg,doch kaum Mitstreiter.
    Und die jetzige Elite ist einfach überspielt,zu lang war die Saison mit Bundesliga und diversen Pokalen.

    Eine Leserempfehlung
  1. Sieger zweifeln nicht, Zweifler siegen nicht ist ein sehr guter Titel. Weil es im Zweifel immer um das Spiel gehen sollte und nicht um den Sieg. Aber diese Haltung des "Dabei sein ist Alles", "l´Art pour l´Art", des spielen um des Spiels wegen, die ist dem Profisport abhanden gekommen. Kommerzialisierung, Vermarktung in den Medien der ganze Quatsch mit dem da in erster Linie Gewinne im Sinne eines monetären Gewinns gemacht werde sollen, die ist ohne Zweifel ein riesen Verlust. Für jeden, der es wirklich ernst meint mit dem Sport.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    weil "dabei sein ist alles" "Spielen, des Spieles wegen" nur dann funktioniert, wenn alle die gleiche Basis haben, alle das gleiche verdienen. Sobald jemand jedoch mehr verdient, in der Regel auf Grund seines Leistungspotenzials, dann muss er das höhere Gehalt rechtfertigen, genauso wie die Einsatzzeit. So entsteht Druck, aber um die Weisheiten abzuschließen. Am Ende kann immer nur einer oben stehen und den größten Spaß hat man, wenn man 1. nicht unterlegen ist 2. ein umkämpftes Spiel hat und 3. die reale Möglichkeit das Spiel aus eigener Kraft zu gewinnen. Gewinnen ist nicht alles, aber ein elementarer Bestandteil von jedem Wettkampf.
    Wie z.B. Hamburg in der CL und darin liegt eigentlich ein interessantes Paradoxon. Hamburg ist CL Sieger, Kiel im letzten Jahr und trotzdem verfehlt die NM die Qualifikation. Kann man das wirklich nur mit ausländischen Spielern erklären? (typisches Randsportartenphänomen)
    Hanning spricht etwas sehr wichtiges an und das ist die Persönlichkeitsbildung. Der Umgang mit Druck, bzw. diesen zu suchen. In engsten Spielsituationen der "go-to guy" sein und dieses auch wollen und fordern. Vielleicht ist genau dies wirklich der notwendige Ansatz.
    Vielleicht hat der Handball auch nur erlebt, was den meisten Verbänden wiederfährt. Man hat eine goldene Generation und vernachlässigt daraufhin sträflich den Nachwuchs. Gerade darum sind die A-Juniorenmeisterschaften eigentlich immer auch sehr interessante Turniere (bei verschiedensten Sportarten).

  2. weil "dabei sein ist alles" "Spielen, des Spieles wegen" nur dann funktioniert, wenn alle die gleiche Basis haben, alle das gleiche verdienen. Sobald jemand jedoch mehr verdient, in der Regel auf Grund seines Leistungspotenzials, dann muss er das höhere Gehalt rechtfertigen, genauso wie die Einsatzzeit. So entsteht Druck, aber um die Weisheiten abzuschließen. Am Ende kann immer nur einer oben stehen und den größten Spaß hat man, wenn man 1. nicht unterlegen ist 2. ein umkämpftes Spiel hat und 3. die reale Möglichkeit das Spiel aus eigener Kraft zu gewinnen. Gewinnen ist nicht alles, aber ein elementarer Bestandteil von jedem Wettkampf.
    Wie z.B. Hamburg in der CL und darin liegt eigentlich ein interessantes Paradoxon. Hamburg ist CL Sieger, Kiel im letzten Jahr und trotzdem verfehlt die NM die Qualifikation. Kann man das wirklich nur mit ausländischen Spielern erklären? (typisches Randsportartenphänomen)
    Hanning spricht etwas sehr wichtiges an und das ist die Persönlichkeitsbildung. Der Umgang mit Druck, bzw. diesen zu suchen. In engsten Spielsituationen der "go-to guy" sein und dieses auch wollen und fordern. Vielleicht ist genau dies wirklich der notwendige Ansatz.
    Vielleicht hat der Handball auch nur erlebt, was den meisten Verbänden wiederfährt. Man hat eine goldene Generation und vernachlässigt daraufhin sträflich den Nachwuchs. Gerade darum sind die A-Juniorenmeisterschaften eigentlich immer auch sehr interessante Turniere (bei verschiedensten Sportarten).

  3. mit einem Satz beschreibt Bob Hanning zutreffend die Realität. Dabei ist es vollkommen egal, um was es geht. Wer nur um des Mitmachens dabei ist, verliert bald seine Mitspieler und Gegenspieler. Danach den Spaß, den Reiz und die Entwicklung nach vorne. Rückwärts geht es dann über kurz oder lang allerdings prächtig.

    Eine Leserempfehlung
  4. Im Jugendbereich sind ja schon immense Fortschritte erzielt worden in den letzten 15-20 Jahren. Es gibt zum Glueck traditionell handballverrueckte Staedte und Gemeinden in Deutschland, in denen die Vereine, teils zusammen mit den Schulen, super ausbilden aber eben nur eine Zweitliga- oder eine mittelmaessige Erstligamannschaft anzubieten haben.

    Die 3-4 Topteams der ersten Liga sind gespickt mit der Weltelite, aehnlich wie die englische Premierleague im Fussball. Das heisst, dass sich auf absolutem Topniveau in deutschen Sporthallen in erster Linie die besten Spieler der Welt, unabhaengig von der Nationalitaet, messen.

    Die Ergebnisse der Nationalmannschaft sind immerhin im Schnitt sehr viel besser, als sie der englische Fussball vorzeigen kann. Es ist also nicht alles schlecht.

    Sobald es wirtschaftlich an der Spitze der Liga etwas schlechter geht werden wir vermehrt deutsche Talente bei den Topklubs auf Schluesselpositionen sehen. Bob Hannig wird sie sicher mitausgebildet haben!

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