J-LeagueJapan, die neue Fußballmacht

Starke Talente, starke Liga, starke Nationalelf: Weil Japan Spieler nicht mehr kauft, sondern ausbildet, erlebt die noch junge Fußballnation einen steilen Aufstieg. von 

Weil die japanische Nationalmannschaft erfolgreich und ansehnlich spielt, erfreut sie sich großer Beliebtheit.

Weil die japanische Nationalmannschaft erfolgreich und ansehnlich spielt, erfreut sie sich großer Beliebtheit.  |  © Toshifumi Kitamura/AFP/Getty Images

Am vergangenen Dienstagabend jubelte Fußballjapan wieder. In den U-Bahnen Tokios, wo sonst niemand einen Mucks sagt, sprachen die Fahrgäste jeden an, der ein blaues Trikot trug. "Wie war's?" "War die Stimmung gut?" "Verdient?" Den Ausgang, ein 1:1 gegen Australien in letzter Minute, kannten die Meisten schon seit dem Abpfiff. Die Bedeutung dessen auch: Am vorletzten Spieltag der Asien-Qualifikationsgruppe B hat sich Japan als erste Mannschaft einen Platz bei der WM 2014 gesichert. Es ist die fünfte Qualifikation nacheinander.

"Und das in diesem Jahr", sagte ein älterer Mann und ballte die Fäuste. Selbst der Zug, in dem die glückliche Bande fuhr, repräsentierte Fußballstolz. Wand und Fenster waren mit den Gesichtern bekannter Kicker bedruckt, daneben die Symbole der erfolgreichsten Vereine. Seit Anfang des Jahres pendeln vereinzelt U-Bahnen Tokios mit dem Banner der Profidivision J-League. Auch die darf in diesem Jahr feiern: 2013 ist sie zwanzig Jahre alt.

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Profifußball in Japan ist noch jung, aber schon eine Erfolgsstory. Als 1975 in Italien der erste Millionentransfer (in britischen Pfund) abgeschlossen wurde, war der Sport in Fernost noch pure Exotik. Die nationale Fußballliga blieb bis Anfang der Neunziger eine Angelegenheit für Amateure. Yasuhiko Okudera, ab 1977 der erste Profi in Europa beim 1. FC Köln, blieb lange ein Einzelfall.

Doch das sollte sich ändern. Inspiriert durch die Fußballbegeisterung und die großen Stadien in Europa startete Japan im Mai 1993 mit zehn Mannschaften seine erste Profiliga. Von Anfang an sollte es pompös zugehen, mit viel Geld, großen Namen und starker Gefolgschaft. In den Augen des Gründers Saburo Kawabuchi hieß das vor allem eines: die J-League so europäisch wie möglich zu gestalten. Die Namen der Mannschaften klangen spanisch, italienisch oder englisch, Trikotmuster erinnerten an Europas Topklubs. Die Urawa Red Diamonds richteten sich nach Manchester United, Gamba Osaka legte sich das Blauschwarz von Inter Mailand zu.

Vor allem zogen die jungen Vereine, meist Werksmannschaften großer Unternehmen, etwas an Land, das die Japaner selbst nicht hatten: Weltstars. Der Brasilianer Zico kam zum heutigen Rekordmeister Kashima Antlers, Gary Lineker wechselte von Tottenham zu Nagoya Grampus, Michael Laudrup von Real Madrid zu Vissel Kobe. Die deutschen Weltmeister Guido Buchwald und Pierre Littbarski gingen zu den Urawa Red Diamonds und JEF United Chiba. Deren Aufgabe war klar: Fußball auf einem Niveau spielen, das kaum ein Japaner beherrschte, und damit Interesse an der Liga wecken.

Wie aus dem Nichts hatte es das kurz zuvor auch noch wirtschaftlich boomende Japan, dessen Unternehmen reihenweise technische Innovationen auf den Weltmarkt beförderten, den Fußball nach Fernost geholt. Aus Deutschland kamen noch Uwe Bein, Frank Ordenewitz und Michael Rummenigge. Als Trainer arbeiteten unter anderem Gert Engels, später Volker Finke und Holger Osieck in Japan.

Leserkommentare
  1. "Weil Japan Spieler nicht mehr kauft, sondern ausbildet, erlebt die noch junge Fußballnation einen steilen Aufstieg."

    Hmmm.... und wenn man das auf den Arbeitsmarkt übeträgt....und in Deutschland anwendet?!

    Eine Leserempfehlung
  2. (leider) geschlagen haben, dann sehe ich nicht unbedingt eine kommende Dominanz der Nippon-Elf heraufziehen, um es mal diplomatisch zu formulieren. ;)

  3. Ihrer Mentalität nach scheinen sie mir verspielter zu sein als z.B. Koreaner (aber gut ausgebildet und ballfertig sind sie). Sind die Japaner also die Brasilianer oder Holländer Asiens, denen in kritischen Situationen oft der Biss abgeht, dann sind Koreaner die Italiener des Fernen Ostens (die beißen nur, wenns drauf ankommt).

    Gut, dass in Japan dieses (mir immer noch sinnlos erscheinende) Baseball an Wirkung verliert, in Korea hat leider der Fußball gegen dieses Kaugummukauspiel immer noch keine Chance.

    2 Leserempfehlungen
  4. ...die Fußball-Begeisterung ist es nicht! Oder erinnert sich niemand an "Ganbare! Kickers" oder "Captain Tsubasa"? :)

    Danke für den Artikel, immer wieder spannend, über den europäischen Sporttellerrand hinauszuschauen!

    (Und Kommentar #2: sagt Ihnen der Name Shinji Kagawa etwas?)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    einem Land aber noch keine Fußballmacht ;)
    Das gab es schon in zig anderen Ländern. Viel interessanter finde ich die Entwicklung des Fußballs in den Staaten oder die Entwicklung der belgischen Nationalmannschaft...
    ich glaube da steckt noch viel mehr Potential hinter als bei Japan die immer mal wieder 2-3 europäische Spitzenleute haben.

    natürlich von einem Kagawa noch nie etwas gehört.

    Der Kiyotake kann ja auch durchaus was. Ich mag das Land, seine vielschichtige Geschichte und die Widersprüchlichkeit seiner Mentalität. Nur als kommende Fußballgroßmacht sehe ich sie noch lange nicht. Das wird noch einige Jahre brauchen. Gönnen würd ich es ihnen.

  5. einem Land aber noch keine Fußballmacht ;)
    Das gab es schon in zig anderen Ländern. Viel interessanter finde ich die Entwicklung des Fußballs in den Staaten oder die Entwicklung der belgischen Nationalmannschaft...
    ich glaube da steckt noch viel mehr Potential hinter als bei Japan die immer mal wieder 2-3 europäische Spitzenleute haben.

    • SteB
    • 11. Juni 2013 9:59 Uhr

    "In der Saison 2012/13 spielte bei jedem zweiten Bundesligaklub ein Japaner"

    Das hatte nur einen ganz bestimmten Grund und der hieß: Shinji Kagawa. Nicht nur, dass diverse Bundesliga-Manager hofften, ein ähnlich glückliches Händchen zu haben, wie Michael Zorc, der Hauptgrund dürfte der japanische Markt gewesen sein. Mit Kagawas Leistungen beim BVB stieg das Interesse der japanischen Fußballfans am BVB gewaltig. Dementsprechend positiv entwickelte sich auch der Merchandising-Bereich. Und von diesem Kuchen wollten die anderen auch etwas haben.
    Rein sportlich sind die Erfolge der Transfers bislang überschaubar.

  6. Mit Fußballmacht ist wahrscheinlich Asien gemeint. Es ist alles relativ und ich finde die Überschrift sehr passend. Daher sollte man sich nicht gleich so aufregen, da es ja nur auf Asien bezogen ist.

    Die Japaner machen es genau richtig. Erst einmal sich von Leuten wie Pierre Littbarski den Fußballer genau erklären lassen, dann selber einen eigenen Stil entwickeln der am besten zu Ihnen passt. Dieses Prinzip haben auch die Spanier angewendet.

    Das Prinzip der Japaner sollten sich andere asiatische Mannschaften auch mal zu Gemüte ziehen. Ich interessiere mich nicht für Fußball, aber gebe hin und wieder auch gerne meinen Senf dazu.

    Früher waren tolle Schauspieler, coole Musiker, berühmte Dichter und Künstler (auch Ballkünstler) die Stars, heute sind es Fußballer und Bälle die Superstars.

    Der Fußball und seine taktischen Spielchen sind überschaubar. Und Asien hat mehr zu bieten, als nur bei irgendwelchen Weltmeisterschaften hinterher zu laufen…

    :o))

  7. natürlich von einem Kagawa noch nie etwas gehört.

    Der Kiyotake kann ja auch durchaus was. Ich mag das Land, seine vielschichtige Geschichte und die Widersprüchlichkeit seiner Mentalität. Nur als kommende Fußballgroßmacht sehe ich sie noch lange nicht. Das wird noch einige Jahre brauchen. Gönnen würd ich es ihnen.

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  • Schlagworte Fußball | Japan | Guido Buchwald | Volker Finke | Osaka
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