Bis Mittwochabend hatte LeBron James nur eine Schwäche. Er konnte punkten und passen, war schnell und kräftig, konnte verteidigen und den nächsten Spielzug vorhersehen. Auf dem Platz vereint er Finesse mit Urgewalt. Wenn er den Ball durch den Ring stopft, stößt er sich beinahe den Kopf. Als einer von nicht einmal einer Handvoll Spielern der Basketballgeschichte kann er jede Position spielen, jeden Gegenspieler verteidigen, in jedem Spielsystem brillieren. James' Schwäche: eine schwer zu ertragende Mischung aus Eitelkeit und Hybris.

 

Am Mittwochabend lief das sechste Spiel der NBA-Finalserie. James' Gegner, die San Antonio Spurs, lagen mit 3:2 Spielen und fünf Punkten vorn, nur noch eine halbe Minute trennte sie von der Meisterschaft. Und sie hatten James das Stirnband vom Kopf gewischt. Der einzige körperliche Makel des Athleten war entblößt: seine verhasste Halbglatze. Seine Reaktion schien vorhersehbar: Das Stirnband aufheben, den Kampf aufgeben, in den Urlaub fliegen und vorher noch schnell süffisant erklären, dass sein Leben als hundertfacher Millionär und Sport-Ikone immer cooler sein werde als das seiner Kritiker, Niederlagen hin oder her. 

Das hatte er nach der Finalpleite 2011 gegen Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks gemacht, die James mit einer verfrühten Jubeleinlage erst heraufbeschworen hatte. Und so würde er wieder reagieren – ohne den letzten Biss, nachdem er im vergangen Jahr "seine" Meisterschaft gewonnen hatte. So hatten es die Sportreporter aus aller Welt schon gedanklich vorformuliert. Es kam anders. 

Es klang nach echter Demut

James ignorierte seinen unvorteilhaften Look, überließ das Stirnband einem Balljungen, tankte sich wieder und wieder zum Korb durch, erzwang erst eine Verlängerung und dann einen Sieg und damit ein nächstes, letztes Finalspiel. Das war nicht mehr der alte James, der zu lieb war und zu nett. Der zufrieden damit war, das NBA-Finale zum vierten Mal erreicht zu haben, egal wer gewinne. Kein Michael Jordan, der regelmäßig auf seine eigenen Mitspieler losging.  

James begreift sich als Teamplayer. In der Nacht zum Freitag, in eben jenem letzten Finalspiel, fand er wie so oft die richtige Balance, band die anderen ein und übernahm doch die Verantwortung, traf jeden wichtigen Wurf aus der Distanz und von der Freiwurflinie. Er blieb ruhig und war zugleich aggressiv. Am Ende hieß es 95:88, die Titelverteidigung war perfekt. Und nach dem Abpfiff sparte sich der Mann des Abends jede pomadige Pose, jedes Gangsta-Rapper-Geprahle. "Mir fehlen die Worte. Ich bin LeBron James, aus Downtown Akron, Ohio. Ich sollte nicht einmal hier sein", sagte er stattdessen langsam, laut und deutlich. Es klang nach echter Demut.