Lieber Fußball,

ich spüre eine Leere in mir, ich frage mich, wo Du heute bist. Es ist Samstag, da rollst Du doch eigentlich in der Bundesliga, wo immer so viele witzige Dinge passieren. Wahrscheinlich würde die Fortuna Dich gleich in ihr eigenes Tor schießen oder Hoffenheim seinen Trainer entlassen. Also ich wüsste spontan nichts, das witziger ist als die Bundesliga. Aber heute ist die ja nicht.

Ist ja schon seit Wochen so, aber an den vergangenen Samstagen warst Du im Olympiastadion und in Wembley. Das war schön, auch spannend. Und bei der Nationalmannschaft warst Du ja auch noch. Das war langweilig. Aber es ist mir egal, wie Du bist, wenn Du bist. Ich liebe Dich.

Ich fühle mich einsam und frage mich, wie vielen Menschen es heute genauso geht. Bestimmt vielen. Ich weiß noch, 2006 warst Du zum Sommermärchen hier. Da waren so viele Menschen glücklich deinetwegen, ich hatte in diesem Land noch nie zuvor erlebt, dass es so viele glückliche Menschen überhaupt geben kann, weil ich beim Mauerfall noch in der Krabbelgruppe war. Vielleicht vermissen Dich die Menschen von der Fanmeile heute nicht alle. Und bestimmt wird einer fragen: Was soll das denn, gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt?

Aber wenn ein Mensch doch jemanden liebt! Ich weiß auch noch, wie das 2000 und 2004 war. Da waren keine Sommermärchen, und mir ist sogar etwas schlecht geworden. Aber ich habe Dich trotzdem geliebt, auch wenn Du nicht so schön warst wie heute. Du warst sogar sehr hässlich. Ich finde, da kann ein Mensch, der Dich liebt, jetzt nicht so tun, als wärst Du vor zehn Jahren jemand anderes gewesen. Das bist ja beides Du, und wenn man jemanden liebt, liebt man immer alles an ihm und nicht nur etwas. Das weiß ja jeder Mensch, der noch ein Kind ist.

Wahrscheinlich muss einem Menschen auch noch als Kind etwas mit Dir passieren, etwas Besonderes, wenn daraus Liebe werden soll. Bei mir war das am 26. Mai 1999, diesen Abend werde ich nie vergessen. Da schaute ich das Finale der Champions League, das war spannend. Damals mochte ich Dich sehr und wusste schon länger, dass es Dich gibt, aber noch nicht, was Du mit den Menschen machen kannst.

Manchester gewann den Pokal, weil die noch ganz schnell zwei Tore schossen. Die waren dann glücklich, auch ihre vielen Fans, die in Barcelona waren, das konnte ich sehen, das war schön. Die Spieler und Fans aus München waren ganz traurig, doch bis dahin dauerte es einige Minuten, die konnten nämlich erst gar nicht fassen, dass Du noch zwei Mal bei denen ins Tor gegangen bist. Noch nie hatte ich solche Gesichter gesehen.

Und dann wurde es draußen in meiner Straße plötzlich gruselig, ich ging zum Fenster, weil da seltsame Geräusche kamen, das kannte ich nicht. Da waren so Männer, ich konnte die unter einer Laterne sehen. Die trugen Trikots und brüllten, heulten, traten gegen eine Tonne, alles rumpelte und grummelte. Ich fürchtete mich, mir fehlten die Worte, ich war fasziniert.

Im Endspiel der Champions League 1999 unterliegt Bayern München in letzter Minute. © Marcus Brandt/Bongarts/Getty Images

Du hast einen Tag und eine Nacht in Dir, lieber Fußball. Das Lachen in Manchester, die Tränen in München. Ich wollte beides, ich will beides. Du hast wirklich etwas Bedrohliches, Menschen liefern sich Dir aus, Du stößt sie voneinander weg, um sie wieder zusammenzuführen. Von der Nacht in den Tag.

Aber am Ende ist es immer der Tag. Das haben vor vierzehn Tagen auch die Münchner erlebt, nachdem Du vor vierzehn Jahren noch zwei Mal bei denen ins Tor gegangen bist. Wo es finster ist, wirst Du bald wieder leuchten. Deshalb bist Du für die Menschen so wichtig. Deshalb haben Dich die Menschen so lieb.

Bitte komm bald wieder

Dein Sören