Proteste in Brasilien : "Auch der arme Brasilianer mag gute Dinge"

Früher pissten die Leute im Maracanã ihren Nebenmann an. Heute geht es um Service und Unterhaltung, sagt Eduardo Martins, der für den Umbau des Stadions zuständig war.
Ein Arbeiter im Maracanã © Ricardo Moraes/REUTERS

ZEIT ONLINE: Senhor Martins, haben Sie das Maracanã jemals so gut bewacht erlebt wie vergangenen Donnerstag, als 300.000 Demonstranten darauf zumarschierten?

Eduardo Martins: Nein, aber es war ja auch ein ungewöhnlicher Tag. Es gab das Spiel Tahiti gegen Spanien – und es gab die Demo. Im Mittelpunkt der Proteste steht der Vorwurf, dass die Regierung ihr Geld an falscher Stelle ausgebe. Und die Stadien hier waren sehr teuer.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel das neu aufgebaute Maracanã.

Eduardo Martins

Eduardo Martins ist zuständig für Weltmeisterschaftsfragen und strategische Partnerschaften beim brasilianischen Großkonzern Odebrecht. Odebrecht ist federführend für den Umbau des Stadions und seinen künftigen Betrieb verantwortlich.

Martins: Brasilien erlebt gerade einen interessanten Augenblick. Die Wirtschaft brummt, es wird viel investiert, also sind nicht viele Arbeitskräfte verfügbar. Das heißt, solche Arbeiten werden teurer. Das ist das Gesetz des Marktes.

ZEIT ONLINE: Der Maracanã-Umbau ist sogar deutlich teurer geworden als ursprünglich veranschlagt.

Martins: Das Maracanã ist über 60 Jahre alt. Das muss man sich vorstellen wie die Renovierung eines sehr alten Hauses – da drohen immer Überraschungen. Plötzlich stellt man fest, dass die Wände alt und verschimmelt sind!

ZEIT ONLINE: Der Architekt sagt, es lag vor allem am Dach, das sich plötzlich als baufällig herausstellte ...

Martins: Es lag an etlichen Dingen, auch an den Vorgaben der Fifa. Mitten im Bauprozess kam die Fifa plötzlich an und forderte Sachen, die sie anfangs gar nicht auf dem Plan hatte. Die Sitze zum Beispiel. Dann das Drainagesystem des Rasens. Das Soundsystem. Das, was sie erst wollten, war etwas völlig anderes als das, was schließlich gemacht wurde. Deshalb kostete es mehr.

ZEIT ONLINE: Müssen die Fans künftig mit höheren Preisen rechnen, wenn nach den Großereignissen der Normalbetrieb weitergeht?

Martins: Also, wenn man die Eintrittspreise zu sehr erhöht, dann kommt ja niemand mehr ins Stadion. Aber der Fan muss andererseits begreifen, dass das Stadion moderner geworden ist, dass es darin mehr Service gibt, und dass man das nicht umsonst kriegt. Die billigsten Tickets werden rund 40 Reais (14 Euro) kosten, und ich denke schon, dass der Fan so etwas zahlen kann. Und dann gibt es auch zusätzliche Services oder Skyboxen, Dinge die es in dieser Form früher nicht gab. Dafür kann man mehr Geld verlangen.

ZEIT ONLINE: Aber brauchen die Leute all diesen zusätzlichen Service?

Martins: Heute geht man nicht mehr nur ins Stadion, um sich ein Fußballspiel anzusehen, sondern um ein Unterhaltungserlebnis zu genießen. In der Vergangenheit war der Fan der kleine Mann mit kleinem Einkommen, der arme Mann ohne Hemd, die ihren Müll auf den Tribünen liegen ließen, die ihren Nebenmann anpissten. Heute gibt es das nicht mehr. Heute ist das so: Ich nehme meine Frau mit, meine Tochter, und wir verbringen einen Tag im Maracanã. Da sind 78.000 Klienten, um die wir uns kümmern müssen, damit es ihnen gut geht. Das ist die neue Vision.

ZEIT ONLINE: Wann waren Sie zum ersten Mal im Maracanã?

Martins: Das ist lange her, mehr als 20 Jahre. Das Maracanã war immer ein Ort, an dem man ein bisschen Angst hatte wegen der Fangruppen, die dort waren. Ich erinnere mich an ein Spiel, bei dem es Ausschreitungen zwischen den Fangruppen von Fluminense und Flamengo gab. Die Polizei war da, mit Pferden, und sie gaben Schüsse ab, um die Menge zu sprengen. Heute ist es ein Ort, an dem man sich wohl fühlt. Man kommt Stunden vor dem Spiel, geht etwas essen in einem Restaurant. Dann geht man in eines der Geschäfte und kauft seinem Sohn ein T-Shirt, zum Beispiel von Fluminense, meinem Team. Die Leute haben Durst – man verkauft ihnen was zu trinken, verstehen Sie? Dann müssen sie aufs Klo. Das muss sauber sein! Ich gehe mit meiner Freundin hin. Ein Laden, der Blumen verkauft, wäre schön! So müssen wir denken. Die Leute wollen konsumieren, was wir anbieten. Wenn Sie zu Disney gehen, ist es das gleiche.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Genauso einseitig ist Ihr Kommentar

denn er argumentiert wenig inhaltlich. Ja, er äußert sich mehr als einmal menschenverachtend und dafür gehört er zurecht kritisiert, ABER in genügend Punkten hat er recht und es gleicht der Aussage von Uli Hoeneß, https://www.youtube.com/w...
Die Logen refinanzieren sehr viel und moderne Stadien ziehen eine deutlich breitere Klientel an.
Thema Sicherheit. Gerade in Brasilien ein wichtiges Thema, wenn man mal gesehen hat, was dort alles bei Spielen passieren kann, gerade auch bei Derbys.
"Damit können endlich alle sehen und lesen, wie die Menschen denken, die zum Teil für die wachsende Ungerechtigkeit in dieser Welt verantwortlich sind und was für ein verqueres Weltbild sie haben, das mehr Luxus für die Reichen und die Mittelschicht verspricht, für die anderen jedoch nur Verlust beinhaltet." Ich seh es nicht und vielleicht möchten Sie es mir gerne erklären? Die Modernisierung schaffte Arbeitsplätze, zieht Touris an, steht für Sicherheit und wird vor allem von den "Reichen" refinanziert. Worin genau besteht jetzt die Ungerechtigkeit? Wenn, dann kann man argumentieren, dass es Transparenzmängel gab ...
Ein Stadion ist schon lange nicht mehr einfach nur funktional und gerade die Zuschauerzahlen bestätigen die These. Wie war denn die Stimmung in München zu Zeiten des Olympiastadions und wie ist sie jetzt?
Man kann nach England und Frankreich schauen, was modernere Stadien bewirkt haben. Höhere Eintrittspreise, mehr Sicherheit, weniger Ausschreitungen.

Die Gesellschaft,

hm, Ich habe wirklich kurz überlegt, ob ich darauf antworte, weil das schon recht fresch ist, aber kneifen ist nicht meins.
Schreibe ich, dass günstig = schlecht ist? Ich schreibe, dass wir als Gesellschaft, als Konsumgesellschaft danach streben möglichst billig einzukaufen, logischerweise müssen Betriebe entsprechend billig anbieten, entsprechend irgendwo sparen. Also in der Regel beim Personal (Stichwort Mindestlohn, Leiharbeit, Kurzarbeit, etc) oder bei der Produktion (Stichwort, man lässt im Ausland produzieren und importiert nur). Die Konsequen. Arbeiter haben weniger in der Tasche, werden ihrerseits wieder billiger kaufen und der Kreis schließt sich und es sind nunmal bequeme Firmen, wie Zalando, wie Amazon, wie Ebay die dem Einzelhandel, also dem klassischen Modell schaden. Könnte man gesellschaftlich lösen, indem man eben etwas mehr ausgibt.
Zum Thema Kino: http://de.statista.com/st... absolut stabile Zahlen.
Zum Thema Fußball: 92,7% Stadionauslastung -> trotz hoher Ticketpreise etc. http://www.transfermarkt....
Es gäbe jetzt noch eine Menge mehr dazu zu sagen, aber das führt vom Thema weg. Fakt ist, dass der Service in den Stadien intensiv genutzt wird und nur zum Vergleich. Was kostet ein Ticket bei einem Konzert?

Na ja die haben eben von Deutschland (US, GB etc.) gelernt

schauen Sie sich nur mal den Berliner Hauptbahnhof an. Das ist auch nur ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss.
Ich denke das eigentliche Problem ist garnicht nachgefragt worden, dass nämlich die ganzen anderen Sportanlagen, die der Öffentlichkeit zugänglich waren, verschwunden sind. Das ist eben leider so: heute scheint es öffentliche Aufgabe zu sein, den Konsum zu fördern, nicht Gesundheit, Sport oder Transport. Jedes Vergnügen wird in etwas konsumierbares mit 'added-value' umgewandelt. Das passiert aber nicht nur in Brasilien.

@l 5. Die Gesellschaft,

Ich weiß nicht, ob Sie selbständig sind, scheint erst einmal nicht so zu sein.
Als Betrieb liegt man im Konkurrenzkampf und es ist schier notwendig immer und immer wieder die Kosten zu kalkulieren, bzw. effizientere Wege zu suchen. Effizienz heißt Fortschritt, nachdenken, clever sein und muss nicht gleich mit Personal und Ausland zu tun haben. Wer aber schlechte Kalkulatoren hat und keine Ideen, wird diese Wege gehen. Effizenz ist kein Merkmal des Kapitalismus, sondern ist Zwang des Denkens.
Kino: stabile Zahlen ? habe beim Hobbit 15 Euro pro Karte bezahlen müssen. Vor wenigen Jahren waren es 8 Euro = 100 % Preisst.
Fußball: die Stadionauslastung sagt ja nichts darüber aus, wie viele es sich nicht leisten können.

Aber gut dass Sie geantwortet haben

Kapitalismusfan: ist doch egal wie man die Gesellschaft nennt, die Regeln bleiben immer gleich

Effizienz, Kalkulationen und Fortschritt,

nein ich bin nicht selbstständig, was aber auch nicht notwendig ist, um zu realisieren, dass es Druck gibt. Erfolgsdruck, Konkurrenzkampf und bei einem Scheitern steht die Existenz auf dem Spiel. Es ist nicht so, dass ich Ihre Argumentation nicht logisch finde (ich glaube, wir diskutieren aneinander vorbei), aber Effizienz zielt am Ende immer auf Gewinn ab und genau da verstehe ich Sie nicht. Sie finden "Geiz geil" weil überlebensnotwendig, finden Effizienz wichtig und Kalkulationen. Bleiben wir beim Beispiel Kino: ohne die komplette Kette aufzählen zu wollen, steht unterm Strich, dass der Kinobetreiber Gewinn erzielen möchte, ergo wird er den Ticketpreis so ansetzen, dass das Kino gut gefüllt ist, aber nicht so billig, dass es sich alle leisten können, denn dann fällt der Gewinn zu niedrig aus. Also eine einfache rationale Entscheidung, basierend auf dem Kosten-Nutzen Prinzip. Warum ist also da der Geiz beim Betreiber nicht geil, beim Konsumenten jedoch schon? Ersetzen wir Geiz durch Gewinnmaximierendes Denken. Sie haben den Hobbit für 15€ gesehen? Haben Sie das am Kinodienstag gemacht? Eventuell Gutscheine genutzt? Oder haben Sie sich den Luxus gegönnt einfach ins Kino gegangen zu sein?
Nochmal zu den Stadien. Ich bin der Meinung, dass Fußball ein allgemeines Kulturgut ist (sehr hochgegriffen, aber meine Meinung), also allen zugänglich sein müsste. Darum mag ich Sky nicht. Auf der anderen Seite weiß ich aber, dass die Sky-Kunden den Zirkus mit betreiben ...

.....

und darum würde ich niemanden einen Vorwurf machen, ein Skyabo zu haben. Andererseits verstehe ich die Leute, die sich dann CL Spiele, die nicht im FreeTV übertragen werden, über Stream anschauen.
Und zur Stadionauslastung. Natürlich wird sich nicht mehr jeder, aller zwei Wochenenden einen Stadionbesuch leisten können. Das wären bei der Bundesliga im Schnitt ca. 80€ im Monat. Das ist nicht schön auf der einen Seite, aber am Ende der Nutzenmaximierung geschuldet, die Sie ja bei Selbstständigen gut finden. Die Lösung wäre immer ein Kompromiss. Wenn im Schnitt die Karten im Stadion 40€ kosten und ich 10 Besucher habe, ich 5 von ihnen für 10€ ins Stadion schicken möchte, dann bleiben 350€ übrig, die sich die anderen 5 teilen. Wenn von diesen dann nochmal 2 für 25€ ins Stadion gehen wollen, dann müssen die anderen 3 je hundert Euro zahlen und diese erwarten dann entsprechend und für den Preis vielleicht sogar gerechtfertigt, Service, denn sonst würde sich ja die Frage stellen, warum sie dann das meiste zahlen?
Ein schwieriges Thema und der Fußballromantiker in mir wünscht sich manchmal etwas anderes, als dass, was der Fußballrealist als notwendig erachtet.

20% zahlen 80%

Wenn die reichen 20% der Besucher wirklich für 80% der Einnahmen sorgen muss nach Adam Riese der durchschnittliche Ticketpreis für die reichen 20% 16 Mal höher sein als für die ärmeren 80%. Das würde bedeuten dass wenn ein durchschnittliches billiges Ticket 30 Euro kostet ein durchschnittliches teures 480 Euro kostet. Alles in allem zwar traurig aber durchaus plausibel...