Der Ball fällt Philipp Lahm am Strafraumeck vor die Füße, er will es ganz locker machen, so wie 2006. Doch sein Schuss landet diesmal nicht im Torwinkel, sondern steigt Richtung Abendsonne. Da packt ihn von hinten eine große Hand im Nacken, es ist die Hand von Michael Ballack. Der ehemalige Kapitän der Nationalelf wird doch seinem Nachfolger nicht etwa ein Leid tun? Nein, er gibt ihm einen freundlichen Klapps. Lächeln auf beiden Gesichtern.

Es ist ein Abend der Nettigkeiten. In der Arena Leipzig spielen zwei Mannschaften Fußball miteinander, nicht gegeneinander. Es ist das Abschiedsspiel für Michael Ballack. Die Geste zwischen Lahm und ihm ist dennoch ein besonderer Moment. Ballack hat die Nationalmannschaft vor einem Jahr im Streit und nicht ganz freiwillig verlassen. Lahm ist durch eine Intrige an seine Binde gekommen, so sieht das die Ballack-Fraktion. Ballack war zu alt und zu herrisch, so sehen das die anderen beim DFB. Es gab Zeichen der Annäherung, aber Versöhnung ist etwas anderes. Dieser Abend steht auch ein bisschen unter diesen Vorzeichen.

Doch viele Stars und Altstars aus Deutschland und der Welt sind gekommen: Didier Drogba, Andrij Schewtschenko, Michael Essien, Miroslav Klose, Bernd Schneider, Lothar Matthäus oder Michael Schumacher sind auf dem Feld. Rudi Völler, José Mourinho, Uli Hoeneß, Joachim Löw, Boris Becker, Wolfgang Niersbach und Günter Netzer auf der Bank oder der Tribüne.

Sie alle erweisen dem wichtigsten deutschen Fußballer des vergangenen Jahrzehnts die Ehre, dem Nichtrumpler unter Rumplern, der in der schwächsten Epoche des deutschen Fußballs der einzige von internationalem Format war. Dem Mann, ohne den Deutschland vor elf Jahren wohl zum ersten Mal eine Weltmeisterschaft verpasst hätte. Dem "Mann der wichtigen Tore", wie Rudi Völler in einem Interview über die Stadionlautsprecher während des Spiels sagt. Dem Mann des 1:0. Dem Capitano, dem seine Füße gehorchen.

Matthäus in Topform

Vieles auf dem Spielfeld ist wie früher. Lothar Matthäus zeigt sein breites Repertoire an Pässen, im Gegensatz zu denen der anderen kommen auch die schwierigsten an. Matthäus habe sich deutlich verbessert gegenüber der EM 2000, sagen die Fachleute. Nach Zweikämpfen mit Christian Wörns gehen die Stürmer zu Boden. Und Carsten Jancker lässt gekonnt einen Ball vom Fuß springen, um Jens Lehmann beidfüßig entgegenzuspringen. Gelb für Jancker.

Im Zentrum des Geschehens steht wie eh und je und ein letztes Mal: Ballack. Die Brust raus, den Rücken durchgestreckt, aufrechter Trab, lässt er sich von seinem ehemaligen Feldwebel Frings, dem Hackentrickser Schneider und vom braven Lahm immer wieder den Ball geben. Drei Tore schießt Ballack, mal mit dem rechten, mal mit dem linken Fuß. Ostdeutsche Fußballschule. Darunter natürlich das 1:0.