Fett wie ein Turnschuh / Fett wie ein Turnschuh : Sport ist nur für Egoisten

Im Fitnessstudio gibt es nur ein Ziel: Man selbst. Tuvia Tenenbom hat genug davon und bummelt durch New York. Dort entdeckt er, wie die Amerikaner die Deutschen kopieren.
Tuvia Tenenbom entdeckt das Fahrradverleihsystem von New York © Isi Tenenbom

Ich weiß nicht, ob es Ihnen schon aufgefallen ist, aber Sport ist etwas sehr Egoistisches. Sport treiben Sie nicht des Kollektivs halber oder im Namen eines Glaubens; Sport treiben Sie für sich selbst. Beim Sport werden Sie von keiner tieferen Überzeugung angetrieben, Altruismus und große Ideen spielen dabei keine Rolle. Das ist ganz ähnlich wie beim Kapitalismus.

Und das Egoistischste in der Welt des Sports ist natürlich das Fitnessstudio. Dort gibt es nur ein Ziel: Sie selbst. Im Fitnessstudio kümmern Sie sich nur um eine Person, Sie beten nur ein Wesen an und schwitzen nur für einen einzigen Menschen: Sie selbst. Das Fitnessstudio ist der Ort, wo Ihr Körper auf dem Altar steht und der Boden sein unbestrittener Schrein ist.

Das ist alles schön und gut, aber ich finde, es ist an der Zeit, ein bisschen weniger narzisstisch zu sein. Der Sommer steht bevor und ich weigere mich, mich von vier Wänden mit Gewichten, Metall und dem Gestank von Schweiß einsperren zu lassen. Da draußen wartet eine wunderschöne Welt auf uns, und ich möchte ein Teil davon sein.

Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh". Im November erscheint sein neues Buch Allein unter Juden: Eine Entdeckungsreise durch Israel.

Also gehe ich hinaus auf die Straßen von New York. Einfach so.

Die Sonne lacht mich an und schließt mich gleich in die Arme. Ich fühle mich wie im Himmel.

Ich gehe hierhin und dorthin, beobachte die zigtausend Touristen, die ein Jahresgehalt für eine ausgefallene Broadway Tour ausgeben, unterhalte mich mit einer New Yorker Lady, die mir die Brille von der Nase stibitzt und sie sich selbst aufsetzt, einfach so, und dann gehe ich zum Ground Zero. Ich weiß nicht, wieso.

Der Typ vor mir gibt 20 Dollar; ich gebe 50 Cent

Ich merke schnell, dass um Ground Zero herum ständig ein paar New Yorker versuchen, mir Geld abzunehmen. Es gibt sogar einen vorgeschlagenen Eintrittspreis am Eingang zu Ground Zero, aber da ich ein egoistischer Fitness-Mensch bin, lese ich die Summe nicht. Der Typ vor mir gibt 20 Dollar; ich gebe 50 Cent. Ich sehe mir die Leute an, die den Ort anstarren, an dem früher die Twin Towers standen, und mir fällt auf, dass sie sich ständig gegenseitig beim Starren fotografieren. Ich betrete den Ground Zero-Souvenirladen und setze eine NYPD-Baseballkappe auf, nur für den Fall, dass ich einmal Polizist sein möchte. Ich suche nach einem Spiegel, finde aber nur eine Spendenbüchse, die von den Nicht-Fitness-Käufern brav gefüllt wird; von mir nicht.

Ich laufe weiter durch die Straßen von New York, bis ich Midtown erreiche. Es beginnt zu regnen, ich betrete das Museum of Modern Art.

Dieses Museum verfügt über eine Sammlung von Gemälden, die intelligent, klug und wahnsinnig anspruchsvoll sind. Zum Beispiel ein Bild in blau mit drei Buchstaben darauf: OOF. Das muss mindestens 89 Millionen Dollar wert sein. In der Nähe von OOF hängen drei weitere Leinwände: Bilder sind darauf nicht zu erkennen, nur Linien an den Rändern. Die müssen 260 Milliarden wert sein. Mindestens! Ich gehe weiter und stoße auf ein weiteres Bild für viele Millionen, ein rotes Gemälde, auf dem nichts zu sehen ist außer der Farbe Rot. Ich bin froh: Ich verbrenne Kalorien, während ich an den originellsten Kunstwerken vorbeilaufe, die die menschliche Fantasie je hervorgebracht hat!

Das schlägt jedes Fitnessstudio. Locker.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Doch der Enkel Heideggers

>>Das Fitnessstudio ist der Ort, wo Ihr Körper auf dem Altar steht und der Boden sein unbestrittener Schrein ist.<< Zitatende

In einer Ihrer früheren Kolumnen behaupteten Sie, der Enkel Heideggers zu sein. Das hielt ich für einen Scherz. Jetzt glaub ich's Ihnen. Ihr Opa sagte einmal: " Wenn der Sturmwind um die Hütte braust, ist es hohe Zeit für die Philosophie." Bei Ihnen muss es heißen: "Wenn der Sturmwind um das Fitnessstudio braust, ist es hohe Zeit für die Theologie." Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sagt man in old Germany. Viel Spaß beim Radeln à la Hamburg in New York..