Fußball-EM : Ein Millionenminus als Souvenir der Euro 2012

Die Uefa nennt die Fußball-EM einen Erfolg. Doch ein Jahr danach verwaisen in Polen und der Ukraine Stadien und Flughäfen, auch sportlich hat das Turnier nichts bewirkt.
Der Flughafen von Kiew: Seit der Europameisterschaft bleiben die Touristen aus. © Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Donezk, 19. Juni 2012, Englands Verteidiger John Terry schlägt den Ball von der Linie. So zumindest sieht es der Schiedsrichter. Er besiegelt das Schicksal des Gastgebers Ukraine bei der Fußball-Europameisterschaft, die Mannschaft scheidet in der Vorrunde aus. In Wirklichkeit hat Terry den Ball erst hinter der Linie getroffen, die Ukrainer wurden um ein Tor betrogen.

Es ist eine Szene, wie sie sich üblicherweise in das Gedächtnis von Fußball-Nationen eingräbt. In der Ukraine jedoch ist die Tragödie von Donezk ein Jahr nach Beginn der Heim-EM kein Thema mehr. Stattdessen sagt Ministerpräsident Mykola Asarow im Gespräch mit ZEIT ONLINE: "Die Euro 2012 war ein Ansporn für uns, wichtige Infrastrukturprojekte umzusetzen."

Die Gedanken des 65-Jährigen kreisen nicht um den Fußball, wenn er auf das größte Sportereignis in der Geschichte des Landes zurückblickt. "Wir haben Straßen gebaut, Bahnhöfe und Flughäfen modernisiert", erklärt Asarow und fügt stolz hinzu: "Manches ist sogar in einem besseren Zustand, als Sie es aus Deutschland kennen – einfach deshalb, weil es auf dem neuesten Stand der Technik ist."

Auch die Uefa lobt in ihrer Jahresbilanz die Infrastruktur, die im Ko-Gastgeberland Polen und in der Ukraine vor der Euro 2012 entstanden ist. Polen und die Ukraine hätten "die Herausforderung mit Bravour gemeistert", sagt der Uefa-Chef Michel Platini. Haben sie das? Was ist geblieben von diesem ersten EM-Turnier in Osteuropa?

Korruption in der Ukraine

Vor dem Kiewer Flughafen Borispol reiht sich eine Schlange schneeweißer Taxis auf. Es sind nagelneue Fahrzeuge, ein Erbe der EM. Der Chauffeur fragt in akzentfreiem Englisch nach dem Ziel. Das Auto gleitet sanft an der glitzernden Glasfassade des Terminals F vorbei, das zur Euro errichtet wurde. "Es ist heute keine Frage mehr, dass wir zu Europa gehören", sagt der Fahrer. Die EM habe einen spürbaren Mentalitätswandel bewirkt.

So sieht es auch Asarow, dessen Regierung im Herbst ein Abkommen über eine enge politische und wirtschaftliche Anbindung der Ukraine an die EU unterzeichnen möchte. Er sagt: "Die Ukraine ist bei Weitem nicht das Land, wie es der Westen darstellt: Korruption, Unterdrückung, Demokratiedefizite. Es ist falsch, uns nur diese Stempel aufzudrücken."

Darüber freilich lässt sich streiten. Noch immer sitzt Julija Timoschenko, die Rivalin des autoritären Staatschefs Viktor Janukowitsch und seines Premiers Asarow, im Gefängnis. Wegen der Inhaftierung der Oppositionsführerin waren viele westliche Politiker nicht zur Euro gereist. Und die Generalstaatsanwaltschaft in Kiew ermittelt bis heute in zahlreichen Fällen von EM-Korruption.

Die Kosten, um die Infrastruktur zu erneuern, waren vor dem Turnier gewachsen und gewachsen. 40 Prozent der Investitionssumme seien in dunkle Kanäle geflossen, rechnen Experten vor. Allein für die Sanierung des Kiewer Finalstadions wurden rund 460 statt der geplanten 140 Millionen Euro fällig. Kritiker beschuldigen die berüchtigten Oligarchen, sich im Zusammenspiel mit der Regierung an den Staatsaufträgen bereichert zu haben.

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