SchachDie Filmlegende Atze verliert gegen Otto Schily

Der ehemalige Innenminister Otto Schily und der Filmproduzent Artur Brauner sind unterschiedliche Typen. Doch dank Schach werden Fremde zu Kumpels. Von René Gralla von René Gralla

Otto Schily und Artur Brauner treffen sich auf eine Partie Schach.

Otto Schily und Artur Brauner treffen sich auf eine Partie Schach.  |  © Manfred Neugebauer/Brauer Photos

Schach wird oft mit einem Duell verglichen. Manche ziehen auch Parallelen zum Fußball (und vice versa), während Unentwegte, die noch den Psychotheorien des vergangenen Jahrhunderts anhängen, am Brett sogar verkappte Vatermörder wähnen.

In Wahrheit ist Schach jedoch vor allem ein echter Kommunikator. Der gemeinsame Spaß an der Jagd auf den König vereint Menschen unterschiedlichster Couleur, ohne Ansehen von Herkunft, Religion oder sozialer Position. Und sollten sie zuvor wenig bis gar nichts miteinander zu tun gehabt haben, verstehen sie sich dennoch sofort, sobald sie an einem Tisch sitzen und eine Partie beginnen. Ein gemeinschaftsstiftender Effekt der Symbolfiguren, die nach einem ausgeklügelten System durch den 64-Felder-Quadranten wandern und von den Eingeweihten wie ein Code entschlüsselt und gelesen werden können.

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Dass Schach tatsächlich einen überraschenden Buddyfaktor hat, kann in Berlin an einem Juniwochenende in Echtzeit studiert werden. Die Vorgeschichte: Jedes Mal, wenn sich der Filmproduzent Artur Brauner und der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily in der Vergangenheit auf einem Empfang oder einer Premiere begegnet waren, gingen sie nach dem üblichen Smalltalk auseinander in der erklärten Absicht, irgendwann ein Match auszutragen. Schließlich sind die beiden ausgewiesene Schachfans. Tritt Otto Schily zu einem Politikerturnier an, das in der Hauptstadt regelmäßig im Herbst veranstaltet wird, zittert vor ihm die Konkurrenz. Artur Brauner, der während der letzten Wochen des Ersten Weltkrieges als Kind jüdischer Eltern im polnischen Lódz geboren wurde, wagte bereits im Alter von fünfeinhalb Jahren einen Simultankampf gegen 22 Herausforderer und gewann achtzehn Partien. Und 2008 war Brauner neben Felix Magath und Günter Wallraff  einer der Botschafter für die Schacholympiade 2008 in Dresden.

Bisher jedoch scheiterte ein Kräftemessen der zwei Edelamateure stets daran, dass sie einfach keinen freien Termin fanden. Artur Brauner ist stolz darauf, ein Workaholic zu sein, er will Filme machen bis an sein Lebensende, das sagt er immer wieder. Und auch der bald 81-jährige Otto Schily hat weiterhin ein volles Notebook, die Anwaltsrobe holt er zwar selten aus dem Schrank, dafür ist er aktuell ein viel gefragter Unternehmensberater.

Nun aber, da Artur Brauners 95. Geburtstag näher rückt, ist aus den ständigen Absichtserklärungen ein festes Date geworden. In einem Hotel am Kurfürstendamm wartet Otto Schily in Suite Nr. 610 auf jenen Mann, der wandelnde bundesrepublikanische Kinogeschichte ist, im Guten wie im Gruseligen. Dessen Werkschau reicht von Trash und Leinwandschinken – "Mädchen in Uniform" (1958) oder "Die Nibelungen 1 und 2" (1966 und 1967) – bis zum Holocaust-Drama "Der letzte Zug" (2006). In Israels Gedenkzentrum Yad Vashem läuft eine Dauerschau von 21 Brauner-Produktionen, die sich mit der Schoah beschäftigen.

Der Jurist Schily mit dem Sinn für das Formale, trotz sommerlicher Temperaturen legt er später das Jackett, nicht aber die Anwaltsweste ab, trifft auf einen flamboyanten Artur Brauner, den die Boulevardpresse "Atze" nennt und der das entsprechende Klischee bedient mit seinem sorgfältig gepflegten Menjoubärtchen, das unverzichtbar zum Gesamtkunstwerk Brauner gehört.

Und doch entsteht, nachdem der Wettkampf eröffnet und Brauner mit den weißen Steinen seinen ersten Zug ausgeführt hat, sofort eine beinah intime Atmosphäre. Die Kontrahenten frotzeln und sticheln wie zwei alte Freunde, die seit gefühlten Ewigkeiten gemeinsam ihre Partiechen zocken.

Leserkommentare
  1. 1. .....

    "Haben Sie mal am Schach gerochen und das genossen, dann fehlt Ihnen etwas, wenn Sie nicht mehr spielen."

    Das ist ein sehr wahrer Satz.

    Eine Leserempfehlung
  2. sind eigentlich alle im Urlaub, oder warum gibt es keinen Artikel, oder zumindest Agenturmeldung dass Bamberg dt. Basketballmeister geworden ist, oder dazu, dass Hamburg die CL im Handball gewann und der DHB die EM verpasst hat? Um es auf den Punkt zu bringen. Das ist ein sportliches Erdbeben für die Anhänger der DHB Auswahl und eine Analyse wäre interessant, wie es sein kann, dass sich ein Land, welches den CL Sieger stellt, nicht für die EM qualifiziert?
    Also liebe Sportredaktion. Bitte wenigstens eine kleine Agenturmeldung und wenn am Fußball wieder kein Weg vorbeigeht, dann könnte man thematisieren, wie Spanien gerade in der U21 dominiert in Israel und Spanien gestern Uruguay vorführte beim Confed-Cup:http://www.handelsblatt.com/sport/fussball/nachrichten/confederations-cup-spanien-fuehrt-uruguay-vor/8360224.html
    OK, das war jetzt wieder alles ein bisschen off topic und wäre es schön, wenn die wirklich wichtigen News aus anderen Sportarten zumindest kurz erwähnt werden würden, denn sonst gelangen andere Sportarten nie aus ihrem Nieschendasein.
    Und zum Thema Schach. Als ich vor vielen Jahren Zivildienst leistete packte mich das Fieber. In jeder Pause spielte ich gegen einen Kollegen und es sollte sage und schreibe über 100 Spiele dauern, bis ich das erste Mal gewann. Ein großartiges Erlebnis, ein sehr faszinierender Sport (zurecht Sport, denn man muss die ganze Zeit konzentriert bleiben).

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    ...diese Kritik nicht unter einen der täglich erscheinenden, sich mit dem Thema "Fußball" befassenden Artikel platzieren und nicht gerade dann, wenn es einmal um Schach geht ?

  3. ...unter Großmeistern, dass zum (langfristig) erfolgreichen Schachspiel vor allem Eins nötig ist: ein überbordendes Ego.

    Das könnte der Grund sein, dass das Schachspiel nicht immer diesen beschworenen "gemeinschaftsstiftenden" Effekt hat:

    http://www.youtube.com/wa...

    Allerdings gibt es auch Ausnahmen. So treten Spieler wie Anand oder Kramnik sehr angenehm auf. Vielleicht erlauben das aber auch nur die Millionen im Hintergrund.
    Ich freue mich auf die WM.

    Eine Leserempfehlung
  4. 4. ach...

    ...weil´s so schön ist. Der Herr Korchnoi:

    http://www.youtube.com/wa...

  5. ...diese Kritik nicht unter einen der täglich erscheinenden, sich mit dem Thema "Fußball" befassenden Artikel platzieren und nicht gerade dann, wenn es einmal um Schach geht ?

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Liebe Sportredaktion,"
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    regelmäßig ;) und das obwohl ich Fußballfan bin. Wie ich bereits schrieb, ist es off topic und zum Thema habe ich mich dennoch geäußert.
    Wenn man Schach lernt gegen jemanden, der dieses Spiel sehr gut beherrscht und der einen nicht gewinnen lässt, so entdeckt man einiges über das eigene Denken und gerade das macht dieses Spiel so faszinierend. Die Frustration, wenn man einen falschen Zug gemacht hat, dass Gefühl wenn man in eine Falle getappt ist und auf der anderen Seite die Freude, wenn ein lang angelegter Plan doch funktioniert. Nebenbei ist diese Partie sehr gut und lebendig beschrieben :)

  6. regelmäßig ;) und das obwohl ich Fußballfan bin. Wie ich bereits schrieb, ist es off topic und zum Thema habe ich mich dennoch geäußert.
    Wenn man Schach lernt gegen jemanden, der dieses Spiel sehr gut beherrscht und der einen nicht gewinnen lässt, so entdeckt man einiges über das eigene Denken und gerade das macht dieses Spiel so faszinierend. Die Frustration, wenn man einen falschen Zug gemacht hat, dass Gefühl wenn man in eine Falle getappt ist und auf der anderen Seite die Freude, wenn ein lang angelegter Plan doch funktioniert. Nebenbei ist diese Partie sehr gut und lebendig beschrieben :)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Sollten Sie ..."

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  • Schlagworte Otto Schily | Artur Brauner | Notebook | Israel
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