Sportgeschichte"Walter Jens sagte als Erster, wie gehorsam der DFB den Nazis gegenüber war"

Auf einem Jubiläum entsetzte Walter Jens den DFB und warf dem Verband vor, zur NS-Zeit zu schweigen. Der Sporthistoriker Schulze-Marmeling hält das für eine Pioniertat. von 

Die deutsche Nationalmannschaft 1935

Die deutsche Nationalmannschaft 1935  |  © Staff/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Der Rhetorikprofessor Walter Jens, der am Sonntag starb, hat ein wichtiges Kapitel in der Sportgeschichte geschrieben. Im Jahr 1975 warf er dem DFB auf der 75-Jahr-Feier zum Entsetzen der Anwesenden Geschichtsblindheit vor.

Dietrich Schulze-Marmeling: Diese Rede ist berühmt geworden. Walter Jens sagte als Erster, wie gehorsam der DFB den Nazis war. Das war eine Pionierleistung. Vorher hatte der DFB seine nationalsozialistische Vergangenheit beschönigt und von sich das Bild einer großen Familie gezeichnet, die bruchlos den Übergang von Weimar in die Bundesrepublik geschafft hat. Auch nach der Rede war lange Ruhe, noch die DFB-Festschrift im Jahr 2000 war ein weiteres Kapitel des Beschwichtigens.

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ZEIT ONLINE: Jens sagte damals, der DFB habe sich zu seiner Geschichte verhalten, "als hätte es während der faschistischen Herrschaft nur ein einziges Problem gegeben: Wir bringen wir es fertig, die verschiedenen Spielsysteme, das kraftvolle, im Altreich geübte WM-System und den eleganten Offensivfußball aus Wien zu verbinden? Auschwitz, aber, Buchenwald, Emigration, der Widerstand der Antifaschisten, davon hätte doch auch die Rede sein müssen." Wie reagierte der DFB?

Dietrich Schulze-Marmeling
Dietrich Schulze-Marmeling

Der Sporthistoriker Dietrich Schulze-Marmeling ist als Autor vieler Fußballbücher bekannt. In einem seiner jüngsten Werke befasst er sich mit der Vereinshistorie des FC Bayern München. Schulze-Marmeling lebt in Altenberge bei Münster, als gebürtiger Kamener ist er Fan von Borussia Dortmund.


Schulze-Marmeling: Jens wurde zur unerwünschten Person erklärt. Das ging auch vielen anderen Kritikern nach ihm so, sie wurden als Nestbeschmutzer betrachtet. Das habe ich selbst erlebt.

ZEIT ONLINE: Wie lautet Ihre Kritik am Verhalten des DFB in der NS-Zeit?

Schulze-Marmeling: Viele Funktionäre handelten in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den  Nationalsozialisten. Juden wurden aus Verbänden und Vereinen ausgeschlossen, natürlich auch aus der Nationalelf. Und zwar schon zu einer Zeit, als die Nazis wegen der Olympischen Spiele 1936 und aus Angst vor einem Boykott des Auslands noch zur Zurückhaltung mahnten.

ZEIT ONLINE: Ist Jens' Kritik historisch oder noch aktuell?

Schulze-Marmeling: Seitdem ist viel passiert im deutschen Fußball. Viele Vereine befassen sich inzwischen mit ihrer Vergangenheit, geben Studien in Auftrag, der DFB ja auch. Die WM 2006 war in dieser Frage ein wichtiger Faktor, man wusste, das Ausland schaut hin. Aber auch Ultra-Gruppen haben Druck zur Aufklärung entfacht.

ZEIT ONLINE: 2005 hat der Historiker Nils Havemann die NS-Vergangenheit des DFB in einer Auftragsarbeit analysiert. Sein Werk wird von Historikern kritisiert, auch von Ihnen.

Schulze-Marmeling: Das Buch wird von einem menschelnden Ton durchzogen, die Lektüre ist stellenweise unangenehm. Über einen DFB-Funktionär schreibt Havemann, privat habe der gar nichts gegen Juden gehabt. Wie soll ich mir diese Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Antisemitsmus vorstellen? Dennoch rate ich nicht davon ab, Havemanns Buch zu lesen.

Leserkommentare
  1. "Ich rechne ihm (Sepp Herberger) hoch an, dass er sich nach dem Krieg für Gottfried Fuchs einsetzte, einen ehemaligen jüdischen Nationalspieler, der vor den Nazis geflohen war." Zitatende

    Dazu eine Anmerkung aus Wikipedia: „Am 24. Mai 1972 schien die Gelegenheit gekommen, das neue Münchner Olympiastadion sollte mit einem Spiel gegen die Sowjetunion eingeweiht werden. Herberger schlug dem damaligen DFB-Vize Hermann Neuberger ... vor, Gottfried Fuchs als Ehrengast auf Verbandskosten einzuladen. Dies würde ‚als ein Versuch der Wiedergutmachung willfahrenen Unrechtes sicherlich nicht nur im Kreis der Fußballer und Sportler, sondern überall in Deutschland ein gutes Echo finden‘. Die Antwort des DFB an Herberger war perfide. Es bestehe ‚keine Neigung, im Sinne Ihres Vorschlages zu verfahren‘, schrieb der damalige Schatzmeister Hubert Claessen. Das Präsidium sei der Ansicht, ‚dass ein Präzedenzfall geschaffen würde, der auch für die Zukunft noch erhebliche Belastungen mit sich bringen könnte‘. Es folgte ein dürrer Hinweis auf die ‚angespannte Haushaltslage‘. Präzedenzfall? Gottfried Fuchs war 1972 der einzige lebende jüdische Fußballer, der jemals für Deutschland gespielt hatte. Angespannte Haushaltslage? Der DFB zahlte im Sommer 1972 jedem Nationalspieler für den Sieg bei der Europameisterschaft 10 000 Mark. Ein Hin- und Rückflug mit der Lufthansa von Montreal nach Frankfurt kostete zu jener Zeit in der Economy-Klasse 1760 Mark.“

    Gottfried Fuchs verstarb bald danach..

    11 Leserempfehlungen
  2. Walter Jens war ein Geschenk für unsere Kultur! In Tübingen hat die Uni ihm extra den Lehrstuhl Rhetorik geschaffen und er hat ihn genutzt. In seiner Rede über den schwäbischen Schweiger, Ludwig Uhland finden wir den Glücksfall dieser Synthese: "Ein Schwabe weiß mehr als er sagt, der Norddeutsche sagt mehr als er weiß." Beides vereinte Walter Jens.
    Solche Wissenden, die auch den Mund aufmachen, fehlen uns Heute.
    Jens war mein Vorbild, seit der Gründung der Gruppe 47 in Bad Dürkheim und meiner Studienjahre 1968 in Heidelberg und sein damaliges Engagement.
    Von Fußball weiß ich nur soviel, "es gibt Regeln aber es ist alles erlaubt, was der Schiedsrichter nicht sieht" . Seit dieser Erfahrung zur Schulzeit ist dieser Sport für mich gestorben. Es ist für mich lediglich ein gewaltiges Geschäft, das zwangsläufig bei Steuerhinterziehung endet?
    Schade.

    4 Leserempfehlungen
  3. 3. […]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie bei der Diskussion des konkreten Artikelthemas. Danke, die Redaktion/jp

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    wie den Ihren zu lesen. Sie haben diesen Artikel doch freiwillig gelesen. Wenn Ihnen das Thema also nicht passt, dann einfach ignorieren und zum Thema aufarbeitung. Sport ist ein sehr wichtiges Element, welches oft missbraucht wurde für Propagandazwecke und allein schon aus dem Antrieb eine Wissensgesellschaft zu sein sollte man daran interessiert sein, was Realität war. Auch Vertuschung ist eine Form der Mittäterschaft und sollte beleuchtet werden, aber vielleicht haben Sie ein Argument welches dagegen spricht? Sie müssen sich nicht schämen. Steht da in irgendeiner Form drin? Sollten sich die Fans von Schalke schämen, weil der Verein zur NS Zeit die größten Erfolge feierte? Nein, aber zumindest kritisch auseinandersetzen. Nein, Sie müssen sich nicht schämen, denn sie haben ja mit der NS Zeit an sich nichts zu tun, aber eine Gesellschaft verfügt über ein kollektives Gedächtnis und Selbstreflektion ist etwas sehr positives. Man schaue sich den DFB heute an. Weltoffen, eine ethnisch durchmischte Nationalmannschaft, auch schon in Jugendbereichen. Ihre Kritik finde ich persönlich sehr haltlos und schwer nachvollziehbar.

  4. 4. […]

    Entfernt. Bitte belegen Sie ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/jp

  5. wie den Ihren zu lesen. Sie haben diesen Artikel doch freiwillig gelesen. Wenn Ihnen das Thema also nicht passt, dann einfach ignorieren und zum Thema aufarbeitung. Sport ist ein sehr wichtiges Element, welches oft missbraucht wurde für Propagandazwecke und allein schon aus dem Antrieb eine Wissensgesellschaft zu sein sollte man daran interessiert sein, was Realität war. Auch Vertuschung ist eine Form der Mittäterschaft und sollte beleuchtet werden, aber vielleicht haben Sie ein Argument welches dagegen spricht? Sie müssen sich nicht schämen. Steht da in irgendeiner Form drin? Sollten sich die Fans von Schalke schämen, weil der Verein zur NS Zeit die größten Erfolge feierte? Nein, aber zumindest kritisch auseinandersetzen. Nein, Sie müssen sich nicht schämen, denn sie haben ja mit der NS Zeit an sich nichts zu tun, aber eine Gesellschaft verfügt über ein kollektives Gedächtnis und Selbstreflektion ist etwas sehr positives. Man schaue sich den DFB heute an. Weltoffen, eine ethnisch durchmischte Nationalmannschaft, auch schon in Jugendbereichen. Ihre Kritik finde ich persönlich sehr haltlos und schwer nachvollziehbar.

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    Antwort auf "[…]"
  6. "privat habe der gar nichts gegen Juden gehabt" Das ist doch eine der größten Selbstrechtfertigungsreflexe, die man dauernd auch aktuell in allen Bereichen der Diskriminierung erlebt. "Persönlich habe ich nichts gegen Homosexuelle, ABER". Homosexuelle könnte man problemlos ersetzen durch Ausländer, Muslime, Frauen, Männer, jede Menschengruppe, die sich diskriminieren lässt. Es rechtfertigt eine Diskriminierung auf Grund von sozialem Druck des Umfelds und der Umstände und gehört zurecht kritisiert.

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  7. Welche Relevanz hat dieser Artikel denn?
    Sportverbände sind ja nun die allerkleinste politische Stellschraube oder was hätte da denn passieren sollen?

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    Redaktion

    Der Artikel soll Walter Jens würdigen, der am Sonntag verstarb. Jens war ein Intellektueller, der sich in viele Debatten in Deutschland eingemischt hat. Welche Spuren hat er hinterlassen? Als ich von seinem Tod erfuhr, dachte ich zuerst an seine DFB-Rede. (Ob das für mich spricht?) Sie hat sehr viel bewirkt, wenn auch mit Verzögerung.

    Gerade beim Fußball. Es ist diese manchmal völlig sterile, glitzernde Allsamstagabendliche Scheinwelt. Friede Freude Eierkuchen. Bloß nicht politisch werden, bloß nicht etwas sagen, mit dem man anecken könnte, bloß nicht über den Tellerrand hinausschauen und vielleicht entdecken, dass gerade der Fußball eine gesellschaftliche Wirkung hat, wie kaum ein Politiker. Wenn sich also der DFB kritisch und offen mit der NS Historie auseinandergesetzt hätte, eher, freiwillig und ohne Druck, dann wäre es vielleicht vielen auch leichter gefallen.
    Darum war es auch richtig und wichtig, dass z.B. eine DFB Delegation Auschwitz besucht hat und über die Eindrücke gesprochen hat, weil diese mehr Menschen erreichen, als es viele Politiker können, oder sogar manch Lehrer.
    Darum ist die kritische Haltung von Walter Jens auch bei diesem Thema zu würdigen, auch wenn er an und für sich nicht viel mit Fußball zu tun hatte und ich finde es sehr interessant, dass ZO/Fritsch dieses Thema aufgreift und welch besseren Anlass als Jens Tod könnte es da geben?

    Ich habe sie schon mehr als einmal verlinkt, aber es ist eine der besten Dokumentationen, wenn es um die Strahlkraft und Möglichkeiten des Fußballs geht und zeigt, wie oberflächlich manchmal das Thema behandelt wird: http://www.youtube.com/wa... (PS: Herausragend synchronisiert)

    Die Olympiade 1936, die ja schon zur Zeit der Weimarer Republik "an Land gezogen" wurde, hatte für das Dritte Reich eine enorme propagandistische Relevanz, Fußball gespielt wurde auch, wobei die Deutschen früh ausschieden, worauf der "Führer" sich erbost abwandte. Der Feuerzauber, der Olympia bis heute begleitet, wurde damals von einem deutschen Olympier und NSDAP-Mitglied namens Carl Diem erfunden. Es war ein großes Verdient von Walter Jens, auf die Verflechtung von Sport (auch des DFB) und NS-Regime hingewiesen zu haben. Die Sportverbände wurden nicht einmal direkt gezwungen, sondern schlossen deutsche Juden aus freien Stücken - manche schon vor 1933 - aus. Vorauseilender Gehorsam wurde groß geschrieben damals. "Spitzenreiter" dürfte der Alpenverein gewesen sein, der dies schon 1921 tat.
    Nach dem Krieg gelangte ein ehemaliges Mitglied einer Totenkopftruppe der Waffen SS wie Rudi Gramlich zu hohen DFB-Funktionen sowie an die Goldene Ehrennadel des DFB und das Bundesverdienstkreuz. Was Gramlich als SS-Mitglied in den Jahren 1939/40 hinter der Front in Polen trieb, kann man sich denken. Das Totalversagen der DFB-Delegation während der WM 1978 in Argentinien gegenüber der Militärjunta war furchterregend.
    Walter Jens war ein Vorreiter, der bewirkte, dass ein gesellschaftlich wirkungsmächtiger Verband wie der DFB mit seinen 6,8 Millionen Mitgliedern seine Geschichte aufarbeitet. Fair Play ist nicht nur sportlich, sondern auch historisch und gesellschaftlich angesagt.

    Nein, sondern als Struktur gesellschaftlicher Integration von breitem gesellschaftlichen und damit auch politischem Echo. Aufsässigkeit seitens der Vereine gegen die rassistischen und antisemitischen Übergriffe der Nazis hätte ein multiples Zeichen gesellschaftlicher Renitenz setzen und damit den Nazis Hürden in den Weg stellen können. Stattdessen wurden jüdische Mitspieler - obwohl eigentlich unauffällig und, zumindest wenn erfolgreich, angesehen und gut integriert - von vielen Vereinen schon im vorauseilenden "Gehorsam" rausgeschmissen, in die Vogelfreiheit entlassen, bevor die entsprechenden "Gesetze" überhaupt erlassen waren. Z.T. unter dem opportunistischen Vorwand, so einer angeblichen "Zerschlagung" des Vereines zuvorzukommen.
    So z.B. auch der 1.FCN.
    So haben sich Vereine als Teil eines eigentlich stabilisierenden Netzes außerpolitischer gesellschaftlicher Organisation und Solidarität (die sie in Sonntagsreden gerne bemühen) zum großen Teil sehr schäbig gegenüber eigenen Mitgliedern verhalten, unnötig zu ihrer Aussetzung beigetragen und allzu früh den Nationalsozialisten in die Hände gespielt.
    Es wird immer wieder gefragt, warum es so viele Mitläufer oder untätige Zeitgenossen gegeben habe. Sicher auch aufgrund solcher demütigenden Signale: Wenn ihre außerpolitischen gesellschaftlichen Organisationsstrukturen so schnell nachgaben, haben sich, oft unpolitische, Bürger um so mehr vereinzelt und hilflos gefühlt.

    ... sie das wirklich ?

    Schröder oder Merkel und die anderen politischen Gestalten sitzen doch nicht auf der Tribüne oder reisen zu den medienwirksamen Großveranstaltungen weil sie tatsächlich Fußballfans sind !

    Sondern weil sie dadurch mittelbar "Einfluss auf die Wähler" nehmen und "Volksnähe" zeigen können. Propaganda pur ! Vom Einfluss auf die Sportverbände mit ihren Millionen Mitgliedern und Wählern ganz zu schweigen.

    So klein ist die Stellschraube nicht !

  8. Redaktion
    8. Spuren

    Der Artikel soll Walter Jens würdigen, der am Sonntag verstarb. Jens war ein Intellektueller, der sich in viele Debatten in Deutschland eingemischt hat. Welche Spuren hat er hinterlassen? Als ich von seinem Tod erfuhr, dachte ich zuerst an seine DFB-Rede. (Ob das für mich spricht?) Sie hat sehr viel bewirkt, wenn auch mit Verzögerung.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Fragt sich nur noch"

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  • Schlagworte Walter Jens | Theo Zwanziger | DFB | Theodor Heuss | Buchenwald | DFB-Präsident
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