Strandbad Wannsee : Sandburgbauen mit Obama

In der Sandburg äußert sich die deutsche Mentalität. Steffen Dobbert hat sie zwischen knapp 10.000 Menschen im Berliner Strandbad gesucht und gefunden.
Das Strandbad Wannsee in Berlin am Mittwochmorgen, 19. Juni 2013, um 10 Uhr © Steffen Dobbert

Im Stau auf dem Weg zum Wannsee lässt der Radiosender seine Hörer sprechen. "Hier ist Roland: Ich wünsch’ mir von Obama Streichhölzer, die am Stiefel brennen, wie im Wilden Westen." Andere wollen von ihm mehr Geld oder weniger Drohnen. Auf jedem Sender Obama. Bestimmt wartet die ganze Stadt auf den ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten, und ich muss die attraktivste Sandburg am Wannsee finden.

Es sind 32 Grad, Ferienbeginn, ZEIT ONLINE ruft zum ganz ganz großen Sandburgen-Hype auf (siehe Infokasten unten). Und außerdem hat Sand- oder auch Strandburgbauen Geschichte. Jenes harmlose Treiben von Alltagssorgen entlasteter Menschen erweist sich bei näherer Hinsicht als Verhalten von vielfältiger sozialgeschichtlicher Aussagekraft und erstaunlichem Symbolgehalt. So steht es schon im 1995 erschienenen Standardwerk: Die Strandburg: Ein versandetes Freizeitvergnügen. Und weiter: "Der Drang zum Burgenbauen muss als Äußerungsform einer typisch deutschen Mentalität angesehen werden."

Aber erst die Hunderte Meter lange Schlange vor den Toren des größten Strandbades Europas. Rinko ist da. Er ist Key-Account-Manager und aus Belgien. Sein Freund Hans, arbeitssuchender Koch und aus Chile, wartet neben ihm. Rinko hat vergangene Woche seiner Kreativagentur gekündigt. Zuletzt sollte er Kennedy-Plakate für eine Kampagne der Berliner Morgenpost entwerfen lassen. Obama? In Belgien sei man froh, wenn man überhaupt eine Regierung hat, sagt er. Hans sagt, Sandburgbauen sei out, Frisbee gehe eher. Das Ehepaar vor ihnen erzählt, sie hätten vor mehr als 40 Jahren die letzte Burg zusammen gebaut und im Strandbad sei das eigentlich verboten, weil die Leute früher ihr Strand-Terrain mit immer größeren Burgwallen umzäunt hätten. Ich ahne, wird alles nicht leicht.


9:44 Uhr. Im Wasser schwimmen Algen, sieht dreckig aus. Auf dem 1,2 Kilometer langen Strand liegen Tausende Berliner und zwei halbe Sandburgen. Ich brauche Hilfe. Ich renne auf den einzigen langen Steg, immer weiter Richtung großer Turm, am Für-Unbefugte-Verboten-Schild vorbei. Ein starker Mann, Brüste wie Honigmelonen, kommt mir entgegen. Er stoppt mich:

- Was wollen Sie hier?

Ich bin Journalist, ich brauche Hilfe.

- Dann sind Sie hier falsch. Ich sage nichts.

Aber Sie sind doch Rettungsschwimmer, Sie kennen sich hier aus. Geht auch nicht um Obama: um Sandburgen.

- Mit der Presse redet nur unser Oberbademeister, Herr Ott. Arbeitet hier seit vier Jahrzehnten, finden Sie im Verwaltungsgebäude.

Haben Sie schon eine attraktive Sandburg gesehen? Darf man die hier überhaupt bauen?

- Klar doch. Aber vor dem nächsten Tag machen wir die alle wieder platt, Verletzungsgefahr. Verlassen Sie bitte den Steg.

Ich bahne mir den Weg zurück zum Eingangs- und Verwaltungsgebäude. Die Länge der Schlange vor der Kasse hat sich verdoppelt. Ich finde ihn im Treppenhaus. Axel Ott, der Oberbademeister und Betriebsleiter. Er sieht aus wie das Gegenteil seines Kollegen: klein, schmächtig, zäh, älter. Er läuft, umklammert sein Handsprechfunkgerät und ruft mir zu: Ausnahmezustand, eine Kasse ausgefallen, keine Zeit, Interview vielleicht später.   


Ich frage noch: Alles wegen Obama? Er ruft: Na bestimmt, die halbe Stadt is’ ja gesperrt. Das Chaos verlagert sich.

Um fünf vor zwölf kommt dann auch noch die Bild-Zeitung. Eine junge attraktive Frau in Sommerkleid und Sommerhut und ein elegant sportlicher Fotograf. Sie gehen an der Schlange vorbei, verlangen am Eingang Herrn Ott und werden reingelassen.

Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Weshalb sie vordrängeln, frage ich die beiden.
Na weil wir hier arbeiten, sagt der Fotograf.
Worüber sie denn berichten, auch Sandburgen oder Obama?, frage ich die beiden.
Der Fotograf schaut böse. Ich muss etwas falsch gemacht haben. Er sagt, lies morgen die Zeitung. Dann laufen auch sie weg.
Ich kann nicht mehr, brauche Hilfe. Ich fahre in die Stadt, in die Redaktion zu meinen Kollegen. Sie sagen, ich soll zurück.

Am Nachmittag, im Stau auf dem Weg zum Wannsee, lässt der Radiosender Obama sprechen. Er redet von Gerechtigkeit und solchen Dingen. Vor dem Wannsee ist die Schlange nun so lang wie am frühen Morgen. Der Strand ist komplett von Menschen, Handtüchern, Luftmatratzen, Buddelsachen, Pommes, Zigaretten und Bällen bedeckt. An manchen Stellen sieht man noch Sand. Ich suche weiter, laufe vom Strandanfang bis zum Ende des FKK-Bereichs. Was ich finde, will ich dokumentieren.

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Kommentare

9 Kommentare Kommentieren

Selbstreferenzierung ist halt alles

Hätte mir nicht mein Spediteur gesagt, dass Obama vorbei kommt, es wäre mir vermutlich nicht aufgefallen. Ich arbeite tagsüber, fahre mit dem Fahrrad durch die Stadt und höre kein Radio. Ob ich im Schwimmbad bin hat auch nichts damit zu tun, dass gerade irgendein Politiker irgendwo ist und irgendetwas erzählt. Bitte, liebe Medien, dass IHR darüber berichtet und dem Ereignis damit eine Relevanz gebt bedeutet nichts anderes als genau das. Und dass IHR dann in Schwimmbäder Leute nach dieser Relevanz fragt bedeutet nichts anderes als das IHR euch wunderbar mit euch selbst beschäftigen könnt.

PS: Wirklich bewusst bemerkt habe ich seinen Besuch nur Abends, als bei meiner Frau in der Küche das Radio an war, sein Abflug verkündet wurde und kurz danach seine unfassbar laute Maschine über Pankow hinweg startete.

Genehmigung?

Nur mal eine kleine Zwischenfrage, weil es mich extrem stören würde, wenn mein Besuch im Strandbad hier auf einmal als Video bei Zeit Online auftauchen würde: Haben sie die Genehmigung dafür eingeholt? Insbesondere die der Eltern der Kinder, deren Gesichter klar zu erkennen sind und damit unter die üblichen gesetzlichen Rahmenbedingungen fallen?