ZEIT ONLINE: Frau Krahn, die Vorbereitung lief super, das EM-Turnier bislang nicht. Ein Sieg, ein Unentschieden, eine Niederlage – warum klappt es schon wieder nicht?

Annike Krahn: Weil wir unsere Leistung noch zu wenig abgerufen haben und so ein Turnier immer etwas anderes ist.

ZEIT ONLINE: Was genau haben Sie denn noch nicht abgerufen?

Krahn: Das Kombinationsspiel gehört eigentlich zu unseren Stärken, aber das haben wir vor allem gegen Norwegen nicht gezeigt. Mit so einem Spiel würden wir im Viertelfinale definitiv ausscheiden.

ZEIT ONLINE: War die Mannschaft verkrampft?

Krahn: Letztlich waren wir schon sicher im Viertelfinale, daher kann es damit nicht viel zu tun haben. Das sind halt Leistungsschwankungen, die wir momentan haben.

ZEIT ONLINE: Also war es ein Nachteil, schon vor dem Spiel zu wissen, sicher im Viertelfinale zu sein?

Krahn: Für mich nicht. Aber man kann nie ausschließen, dass es bei der einen oder anderen unterbewusst im Kopf drin war.

ZEIT ONLINE: Können Sie an einer Beobachtung festmachen, dass die Ernsthaftigkeit gefehlt hat?

Krahn: Nein, kann ich nicht.

ZEIT ONLINE: Zeigt sich bei dieser EM umso klarer, dass die anderen Nationen besser geworden sind?

Krahn: Ja, natürlich ist die Leistungsdichte viel enger geworden. Aber das ist eine Tatsache, die erzählen wir schon seit fünf Jahren. Und irgendwie wurden wir da nie so ganz ernst genommen.

ZEIT ONLINE: Ist die Ära des deutschen Kraftfußballs endgültig vorbei?

Krahn: Auch wir haben eine ganz andere Mannschaft.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich der Frauenfußball verändert?

Krahn: Er ist viel athletischer und präziser geworden. Die Spielerinnen sind besser ausgebildet und technisch versierter. Das Passspiel hat sich verbessert. Das liegt daran, dass es in vielen Ländern immer mehr in Richtung Professionalisierung geht.

"Wir haben gar keine andere Wahl"

ZEIT ONLINE: Das erste Spiel gegen die Niederlande guckten rund sechs Millionen Deutsche, was wohl auch mit dem Werbespot des ZDF zusammenhing. Der hat hierzulande für Wirbel gesorgt. Was haben Sie davon mitbekommen?

Krahn: Das habe ich nur nebenbei mitbekommen und mich nicht damit beschäftigt. Ich konzentriere mich hier aufs Fußballspielen und alles andere interessiert mich in sehr geringen Maßen.

ZEIT ONLINE: Fällt es unter solchen Umständen nicht umso schwerer, sich auf die Spiele zu konzentrieren?

Krahn: Für mich ist es nicht schwerer, wenn in Deutschland über irgendwelche Werbespots diskutiert wird.

ZEIT ONLINE: Auch nicht, wenn wieder auf dem Rücken der DFB-Frauen eine Sexismus-Debatte ausgetragen wird?

Krahn: Das liegt ja an Ihnen und Ihren Kollegen, die uns immer wieder versuchen, darauf anzusprechen. Mich interessiert es nicht.

ZEIT ONLINE: Also sind Sie genervt?

Krahn: Es nervt mich, wenn Sie mich jetzt weiter danach fragen.

ZEIT ONLINE: Ist die gute Stimmung, die Lockerheit nach der schwierigen Gruppenphase jetzt dahin?

Krahn: Wir haben eine sehr gute Stimmung in der Mannschaft und daran hat sich nichts geändert. Wir sind im Viertelfinale und wollen jetzt gegen Italien gewinnen.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie nach den bisherigen Spielen, dass die Mannschaft der nervlichen Belastung eines Alles-oder-nichts-Spiels nicht standhält?

Krahn: Nein, das glaube ich nicht.

ZEIT ONLINE: Obwohl Sie so viele junge Spielerinnen haben?

Krahn: Die jungen Spielerinnen werden aus dem Spiel gegen Norwegen gelernt haben. Wir vermitteln ihnen, was in diesem K.-o.-Spiel gegen Italien auf uns zukommt. Wir haben gar keine andere Wahl.