Für den großen Erfolg darf sich die deutsche Nationalelf heute beim Empfang in Frankfurt von ihren Fans feiern lassen. Wieder Europameister, obwohl einige wichtige Spielerinnen verletzt waren, obwohl die Mannschaft im Umbruch ist und es für viele Spielerinnen das erste große Turnier war. Auf seine Frauen kann sich der DFB verlassen.

Das Team hat sich in bester deutscher Tradition als Turniermannschaft erwiesen. Rückschläge hat es genutzt, um sich zu finden. Der rumpelhaften Vorrunde folgte eine Steigerung in den K.-o.-Spielen. Im Halbfinale und im Finale hat die Elf ihre besten, weil leidenschaftlichsten Leistungen gezeigt. Die drei entscheidenden Tore bei den drei Siegen gegen Italien, Schweden und Norwegen schossen jeweils Spielerinnen, die zuvor auf der Bank gesessen hatten. Das versinnbildlicht den Geist dieser Mannschaft.

Der EM-Titel ist auch ein Erfolg der Trainerin, der es nach der Enttäuschung der Heim-WM 2011 gelungen ist, die alten Erfolge zu wiederholen. Silvia Neid ist seit sechs Jahren Bundestrainerin, der Sieg von Solna ist ihr dritter großer Titel im fünften Turnier. Sie hat es ihrer wachsenden Zahl an Kritikern gezeigt, sie kann auch eine junge Mannschaft führen.

Bei aller Freude, Siege sind im Sport das Wichtigste, aber nicht alles. Spielerisch konnte die Mannschaft selten überzeugen. Im Angriff sah man viele Fehlpässe, die Verteidigerinnen taten sich schwer mit dem Spielaufbau. Bei dieser EM siegte die Defensive. Keine einzige Mannschaft konnte einen Rückstand drehen. Mit ihren drei 1:0-Siegen in der K.-o.-Runde ist die DFB-Elf die typische Siegerin. Ihre Beste war die Torfrau Nadine Angerer.

Aber musste das so sein?

Anders als viele Nörgler behaupten, kennt der Frauenfußball sehr wohl Spielerinnen, die das Besondere, das Elegante, das Littbarskihafte des Fußballs, ausmachen. Etwa Lira Bajramaj (die diesmal angeschlagen war) oder Dzsenifer Maroszan. Doch unter Silvia Neid kommen die Läuferinnen und Kämpferinnen wie Saskia Bartusiak oder Lena Goeßling besser zur Geltung als die Kreativabteilung. Dass Frauen besser, strukturierter, moderner, schöner spielen können, bewiesen die Japanerinnen beim WM-Titel vor zwei Jahren. Und in diesem Jahr, in Ansätzen, die Französinnen und selbst die Außenseiterinnen aus Dänemark.

Silvia Neid sollte den Titelgewinn zum Anlass nehmen, mehr Mut zur Spielkultur zu entwickeln. Das wäre die beste Werbung für diesen Sport, dem im Alltag Zuschauer und Sponsoren fehlen. Dass die Deutschen dies draufhaben, belegte eine der wenigen direkten Kombinationen im Finale: Laudehr zu Kessler, Kessler zu Mbabi, Mbabi zu Mittag, drin! Das war toller Fußball, das war das einzige Tor im Finale.