Masaki Moriyama weiß noch nicht, ob er sich freuen soll. Gerade hat der zwölfjährige Torwart zwei Bälle reingelassen, die haltbar gewesen wären. Seine Mannschaft, der Nihonmatsu FC, hat das erste Turnierspiel verloren. Aber noch sei nicht alles dahin, muntert ihn sein Trainer auf. "Jungs, in zwei Runden seid ihr wieder dran", sagt er den Kindern, die zwischen Sporttaschen auf dem Boden sitzen.

Masaki sitzt etwas abseits, nicht nur, weil er sich für die Niederlage verantwortlich fühlt. Ein wenig auch deshalb, weil er seine Mitspieler nicht gut kennt. Vor nicht allzu langer Zeit spielte er noch in einer anderen Mannschaft. "Aber ich freue mich schon, wieder auf den Platz zu dürfen", sagt er dann leise.

Mehr als zwei Jahre durften Nachwuchsfußballer wie Masaki Moriyama in der Gegend um Fukushima nicht unter freiem Himmel spielen. Zu hoch ist die radioaktive Strahlung seit der größten Katastrophe der Nachkriegszeit gewesen. Am 11. März 2011 bebte zunächst die Erde mit der Stärke 9,0. Kurz darauf trug der Pazifische Ozean bis zu 23 Meter hohe Wellen an die Küste. Ganze Dörfer wurden weggespült, und durch die Wucht des Tsunamis folgte auch noch ein Reaktorunglück. Die "dreifache Katastrophe", wie diese dunklen Tage genannt werden, hat alle erwischt. Fast 16.000 Tote gab es, mehr als 2.700 Personen gelten bis heute als vermisst. 315.000 Menschen im Umkreis von 40 Kilometern mussten umsiedeln, auch Masaki.

Eltern haben Angst

Die Auswirkungen machen sich auch jenseits dieses Radius bemerkbar, in allen Lebenslagen. So etwa in Fukushima-Stadt, 60 Kilometer entfernt vom havarierten Kraftwerk, wo sich im Tal radioaktive Wolken aufstauen und seither sportliche Aktivitäten stark eingeschränkt sind. "Bis vor Kurzem konnte man kaum rausgehen", sagt der Mexikaner Juan Saldivar am Rand des Spielfelds.

Er ist vor acht Jahren nach Fukushima gekommen, sollte hier eigentlich Profifußballer werden, doch der Verein, bei dem er anheuerte, schaffte den entscheidenden Aufstieg nicht. Heute arbeitet er als Lehrer und verschreibt sich der Nachwuchsförderung, besonders seit dem März 2011. Erst allmählich merkt er, wie groß diese Aufgabe ist.

Fußballerisch ist die Präfektur zu Brachland geworden. Ein Eliteinternat des Japanischen Fußballverbands in der Nähe, wo 100 der talentiertesten Nachwuchsspieler ausbildet wurden, musste geschlossen werden. Bis heute wird es für Räumungs- und Dekontaminierungsarbeiten genutzt. Die rund 100 Sportklubs und Schulmannschaften, die in der Umgebung vor der Katastrophe aktiv waren, haben sich dezimiert. 

"Jetzt sind sie alle weg"

"Viele Kinder durften nicht mehr spielen", sagt Saldivar. "Die Eltern haben Angst, weil sie den manchmal verharmlosenden Informationen der Regierung nicht trauen. Du siehst oder fühlst die Strahlung ja nicht, das macht dich misstrauisch." Saldivar, der Lehrer und Vater, versteht diese Angst. Auch er lässt seine vierjährige Tochter täglich nur für eine kurze Zeit nach draußen an die Luft.

In den evakuierten Dörfern um Fukushima sind verlassene Sportplätze zu sehen. Viele Vereine existieren nur noch auf dem Papier, Mitgliedsbeiträge aber werden keine mehr gezahlt. "Wir hatten eine sehr starke Jugendmannschaft", sagt Norio Kanno, der Bürgermeister der evakuierten Ortschaft Iitate. "Die Trainer sagten, einige hätten das Zeug zum Profi. Aber jetzt sind sie alle weg, die meisten spielen gar nicht mehr."