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Der Rahmen hätte glänzender kaum sein können. Ein großes deutsches Telekommunikationsunternehmen stellte seine schicke Hauptstadtrepräsentanz zur Verfügung, viele Kamerateams waren gekommen und als Moderatorin war Kathrin Müller-Hohenstein verpflichtet worden, neben der sonst oft Oliver Kahn steht. Sie sprach von einem "historischen Nachmittag".

Man konnte das für etwas übertrieben halten, schließlich ging es vor allem um Worte, die so richtig wie selbstverständlich klingen: "Wir setzen uns für ein aktives Vorgehen gegen Homophobie auf allen Ebenen des Sports ein." Das war einer der zentralen Sätze der "Berliner Erklärung", die an diesem Tag in Berlin präsentiert wurde, ein Statement gegen Homophobie im Sport, vor allem im Fußball.

Jörg Litwinschuh, der Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Stiftung, die die Aktion initiierte, konnte immerhin drei Bundesministerien als Unterzeichner gewinnen. Der Deutsche Olympische Sport Bund (DOSB) war auch dabei. Doch wie es mit der Haltung zu diesem letzten Tabu im deutschen Fußball tatsächlich bestellt ist, zeigt ein Blick auf die, die nicht dabei waren.

Von den 18 Fußball-Bundesligisten unterschrieben lediglich der FC Bayern, Werder Bremen, Hannover 96 und Hertha BSC Berlin. Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach setzte nach einigem Zögern zwar auch seinen Namen unter die Erklärung, zog es aber vor, auf eine von Franz Beckenbauer organisierte Konferenz mit Sepp Blatter nach Kitzbühel zu fliegen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) möchte das Projekt zunächst einmal beobachten. Sie bangt angeblich um ihre Sponsoren. Und ein aktiver oder ehemaliger Profikicker, der mit seiner Unterschrift ein Zeichen gesetzt hätte, ließ sich auch nicht auftreiben.  

Jörg Litwinschuh beschwichtige zwar sofort, er sei nicht enttäuscht. Der ganze Prozess habe sich über ein Jahr gezogen und man habe nur mit den Vereinen weitergemacht, die sich sofort dazu bereit erklärt hätten. Auf die fehlenden Bundesligisten werde er jetzt noch einmal zugehen, kein Problem. Aber doch bleibt die Frage, wieso ein Verein bei solchen Sätzen, bei denen ja nun wirklich niemand ernsthaft abwinken kann, überhaupt zögert. Nach dem Motto: Gegen Homophobie? Später vielleicht!

So wirkt die Offensive gegen Homophobie in den vergangenen Tagen dann doch eher wie aus dem PR-Büro erdacht. Am Dienstag hatte der DFB eine Broschüre herausgebracht, die homosexuellen Sportlern und den Vereinen helfen soll, mit dem Thema umzugehen. Der DFB wird sie in den kommenden Tagen an all seine 26.000 Vereine verschicken. Darin finden sie Tipps für die Vorbereitung eines möglichen Coming Outs und sogar einen Antwortenkatalog für spätere Interviews.

Selbst die Sport-Bild, offizieller Medienpartner der Initiative, räumt in ihrer aktuellen Ausgabe diesem Thema elf Seiten frei. Die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte zum Beispiel in einem Interview, sie könne sich sehr gut vorstellen, dass der Bundestrainer Joachim Löw und ein paar Nationalspieler auch mal bei einem Christopher Street Day mitmachen. Der Trainer der Niederlanden, Louis van Gaal, hatte unlängst angekündigt, Anfang August bei der Gay Pride Parade mit durch die Grachten von Amsterdam schippern zu wollen.

Die Niederländer sind in punkto Toleranz bekanntlich ein Schrittchen weiter. Der deutsche Fußball, so hat man in diesen Tagen den Eindruck, ist tatsächlich noch viel archaischer als vermutet. Jörg Litwinschuh wird weiter arbeiten müssen. Er habe Kontakt zu schwulen Fußballern, erzählt er zum Schluss. Outen wollten sie sich noch nicht.