Im November 2009 feiern algerische Fußballnationalspieler ihren Sieg über Ägypten im WM-Qualifikationsspiel. © Fayez Nureldine/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Bertoli, Sie behaupten, Fußballweltmeisterschaften machen Länder aggressiv. Wie das?

Andrew Bertoli: Ich hab in meiner Studie (PDF) zwei Gruppen von Ländern zwischen 1958 und 1998 rausgesucht: Teams, die sich knapp für Weltmeisterschaften qualifiziert haben, und solche, die knapp scheiterten. Dann habe ich Zahlen verglichen. Schaut man sich das Level der Aggression an, stellt man fest, dass die Qualifizierten im Jahr der Weltmeisterschaften im Durchschnitt bedeutend aggressiver gegenüber anderen Ländern auftraten als die Nichtqualifizierten – und als sie selbst in den Jahren zuvor. Teilweise noch drei Jahre nach dem Turnier. Ich glaube, das liegt an der Weltmeisterschaft.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Bertoli: In der Wissenschaft kursieren zwei Argumente. Erstens: Fußball eint die Welt. Wir hören das auch in vielen Sonntagsreden. Das zweite, plausiblere, besagt das Gegenteil: Fußball stärkt den Nationalismus, der wiederum die Rivalität zwischen Nationen erhöht und sie spaltet. Das geht zurück auf George Orwell und sein Essay The Sporting Spirit. Darin bezieht er sich auf eine Reihe von Fußballspielen zwischen der Sowjetunion und Großbritannien 1945. Sie sollten die Beziehungen beider Länder nach dem Zweiten Weltkrieg verbessern. Doch viele Politiker und Funktionäre nahmen die Spiele zu ernst, beide Seiten bezichtigten sich des Betrugs. Es kam zu politischen Spannungen und Feindschaften zwischen beiden Ländern.

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ZEIT ONLINE: Haben Sie andere Beispiele?

Bertoli: Das bekannteste ist der Fußballkrieg zwischen Honduras und El Salvador 1969, der in einem militärischen Konflikt endete und zum Tod von 3.000 Menschen führte. Im Mai 1990 setzten sich serbische und kroatische Fußballfans gewaltsam auseinander, das war der Prolog des Jugoslawienkriegs, der ein Jahr später begann. Ein anderes Beispiel ist der Konflikt zwischen Ägypten und Algerien 2009, als ägyptische Fans vor dem Quali-Spiel den Bus des Gegners attackierten. Das führte zu immensen Spannungen und Drohungen zwischen beiden Ländern. Und der Sieg des Iraks beim Asien-Cup 2007 erhöhte merklich die Abneigung des Volks und der politischen Führung gegen die USA.

ZEIT ONLINE: Sie beziehen sich auf die Daten des Militarized Interstate Dispute (MID). Warum verlassen Sie sich darauf?

Bertoli: MID ist der Standard, um Konflikte zwischen Staaten zu messen. Diese Skala berücksichtigt nicht nur Kriege mit Toten, sondern auch Drohungen, Provokationen, Säbelrasseln. Übrigens, selbst wenn ich in meiner Studie die USA und die Sowjetunion streiche, die beiden Länder mit den meisten Konflikten, ist der Effekt noch sehr groß.

ZEIT ONLINE: Warum werden die Gewinner der WM-Quali aggressiv und nicht die Verlierer?

Bertoli: Es geht weniger ums Gewinnen, als um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Bereits die stärkt das Gefühl, wer zu sein.

ZEIT ONLINE: Aber dieser Effekt gilt doch nicht für alle Staaten?

Bertoli: Stimmt, insbesondere nichtdemokratische Ländern neigen dazu, aggressiver zu werden. Für sie sind internationale Sportwettbewerbe eine sehr ernste Sache. Viele haben staatliche Sportakademien, in denen Kinder dazu trainiert werden, den Ruhm ihres Vaterlands später zu mehren. Die Olympischen Spiele von Peking 2008 haben gezeigt, wie Sport in Autokratien nationalistische Gefühle freisetzen kann. Die Daten in meiner Studie belegen eindeutig, dass der Effekt in solchen Ländern größer ist.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht alles Zufall?