ZEIT ONLINE: Herr Bertoli, Sie behaupten, Fußballweltmeisterschaften machen Länder aggressiv. Wie das?

Andrew Bertoli: Ich hab in meiner Studie (PDF) zwei Gruppen von Ländern zwischen 1958 und 1998 rausgesucht: Teams, die sich knapp für Weltmeisterschaften qualifiziert haben, und solche, die knapp scheiterten. Dann habe ich Zahlen verglichen. Schaut man sich das Level der Aggression an, stellt man fest, dass die Qualifizierten im Jahr der Weltmeisterschaften im Durchschnitt bedeutend aggressiver gegenüber anderen Ländern auftraten als die Nichtqualifizierten – und als sie selbst in den Jahren zuvor. Teilweise noch drei Jahre nach dem Turnier. Ich glaube, das liegt an der Weltmeisterschaft.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Bertoli: In der Wissenschaft kursieren zwei Argumente. Erstens: Fußball eint die Welt. Wir hören das auch in vielen Sonntagsreden. Das zweite, plausiblere, besagt das Gegenteil: Fußball stärkt den Nationalismus, der wiederum die Rivalität zwischen Nationen erhöht und sie spaltet. Das geht zurück auf George Orwell und sein Essay The Sporting Spirit. Darin bezieht er sich auf eine Reihe von Fußballspielen zwischen der Sowjetunion und Großbritannien 1945. Sie sollten die Beziehungen beider Länder nach dem Zweiten Weltkrieg verbessern. Doch viele Politiker und Funktionäre nahmen die Spiele zu ernst, beide Seiten bezichtigten sich des Betrugs. Es kam zu politischen Spannungen und Feindschaften zwischen beiden Ländern.

ZEIT ONLINE: Haben Sie andere Beispiele?

Bertoli: Das bekannteste ist der Fußballkrieg zwischen Honduras und El Salvador 1969, der in einem militärischen Konflikt endete und zum Tod von 3.000 Menschen führte. Im Mai 1990 setzten sich serbische und kroatische Fußballfans gewaltsam auseinander, das war der Prolog des Jugoslawienkriegs, der ein Jahr später begann. Ein anderes Beispiel ist der Konflikt zwischen Ägypten und Algerien 2009, als ägyptische Fans vor dem Quali-Spiel den Bus des Gegners attackierten. Das führte zu immensen Spannungen und Drohungen zwischen beiden Ländern. Und der Sieg des Iraks beim Asien-Cup 2007 erhöhte merklich die Abneigung des Volks und der politischen Führung gegen die USA.

ZEIT ONLINE: Sie beziehen sich auf die Daten des Militarized Interstate Dispute (MID). Warum verlassen Sie sich darauf?

Bertoli: MID ist der Standard, um Konflikte zwischen Staaten zu messen. Diese Skala berücksichtigt nicht nur Kriege mit Toten, sondern auch Drohungen, Provokationen, Säbelrasseln. Übrigens, selbst wenn ich in meiner Studie die USA und die Sowjetunion streiche, die beiden Länder mit den meisten Konflikten, ist der Effekt noch sehr groß.

ZEIT ONLINE: Warum werden die Gewinner der WM-Quali aggressiv und nicht die Verlierer?

Bertoli: Es geht weniger ums Gewinnen, als um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Bereits die stärkt das Gefühl, wer zu sein.

ZEIT ONLINE: Aber dieser Effekt gilt doch nicht für alle Staaten?

Bertoli: Stimmt, insbesondere nichtdemokratische Ländern neigen dazu, aggressiver zu werden. Für sie sind internationale Sportwettbewerbe eine sehr ernste Sache. Viele haben staatliche Sportakademien, in denen Kinder dazu trainiert werden, den Ruhm ihres Vaterlands später zu mehren. Die Olympischen Spiele von Peking 2008 haben gezeigt, wie Sport in Autokratien nationalistische Gefühle freisetzen kann. Die Daten in meiner Studie belegen eindeutig, dass der Effekt in solchen Ländern größer ist.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht alles Zufall?

"Fußball hat großen Einfluss auf Menschen und Politiker, oft auch schlechten"

Bertoli: Ich glaube, es ist ein kausaler Zusammenhang. Der Effekt ist sehr groß, auch die Datenmenge. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Korrelation handelt, liegt statistisch unter einem Prozent. Um publiziert zu werden, genügt schon ein Wert von 5. Das Feedback aus der Politikwissenschaft ist zudem sehr gut, auch weil es sich um ein natürliches Experiment handelt. Doch meine Studie hat auch Schwächen.

ZEIT ONLINE: Welche?

Bertoli: Es ist eine quantitative Analyse, die vor allem beweist, dass etwas so ist. Aber sie sagt wenig über die genauen Gründe. Sie zu kennen, wäre aber wichtig, um Gewalt zu reduzieren.

ZEIT ONLINE: Was kann der Fußballweltverband Fifa aus Ihren Ergebnissen lernen?

Bertoli: Es ist ja nur eine einzige Studie. Aber ich halte für bewiesen: Fußball hat großen Einfluss auf Menschen und Politiker, oft auch schlechten. Die Fifa sollte das beachten, wenn Länder mit schlechten Beziehungen gegeneinander spielen.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen Sport, den Sie als Friedensstifter betrachten, eine Art Antifußball?

Bertoli: Das habe ich nicht untersucht, glaube ich aber nicht. In den meisten Sportarten tritt man nun mal gegeneinander an. Aus der Geschichte kennen wir zwar die Pingpong-Diplomatie zwischen den USA und China in den Siebzigern. Aber kaum jemand in den USA schert sich um Pingpong. Zu Konflikten kann es nur kommen, wenn der Sport vielen Leuten etwas bedeutet.

ZEIT ONLINE: Also brauchen wir Deutsche einen Titelgewinn 2014 nicht zu fürchten?

Bertoli: Nein, die Deutschen waren in meiner Untersuchungszeit ohnehin nie in Konflikte involviert.

ZEIT ONLINE: Das hat historische Gründe. Aber die Rolle Deutschlands ändert sich seit Jahren.

Bertoli: Ja, Deutschland ist mächtiger geworden, aber nur aus ökonomischer Sicht. Aber wenn es ein Land gibt, über das ich mir in dieser Frage keine Gedanken mache, dann Deutschland.

ZEIT ONLINE: Es gibt eine alte Theorie: Fußball ist Kriegsersatz. Was halten Sie davon?

Bertoli: Nichts. Aber Fußball kann Konflikte auslösen, verschärfen. Fußball kann zum Krieg verleiten, kann Krieg auslösen. Es gibt ja schon Studien, die zeigen, dass Fußball den Nationalstolz erhöht, der politischen Führung einen Amtsbonus verleiht oder die Rate der Herzinfarkte steigert.

ZEIT ONLINE: Hat Fußball nicht auch positive Wirkungen?

Bertoli: Viele. Fußball unterhält, bringt Leute zum Sporttreiben. Fußball kann auch im besten Sinne die Identifikation mit seiner Nation schaffen. Dann steigt die Wahlbeteiligung und der Respekt unter Mitbürgern, oder die Leute melden sich zum sozialen Dienst oder Ehrenamt. Fußball kann sogar Frieden schaffen. 2006 half die Weltmeisterschaft, den Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste zu beenden, weil sich das Volk hinter der Mannschaft versammelte. Heute hoffen manche, dass eine Qualifikation zur WM 2014 Ägypten befrieden würde.

ZEIT ONLINE: Also dürfen wir weiterhin Fußball spielen und schauen?

Bertoli: Ja.