Barcelona-Trainer MartinoEin Tiki-Taka-Fan, aber kein Fundamentalist

Der neue Barça-Trainer bevorzugt wie seine Vorgänger das schöne Spiel. Gerardo Martino kann aber auch pragmatisch und könnte damit genau der Richtige sein. von 

Bald in Diensten des FC Barcelona: Gerardo Martino

Bald in Diensten des FC Barcelona: Gerardo Martino  |  © Juan Mabromata/AFP/Getty Images

Gerardo Martino – gut möglich, dass in den vergangenen Tagen kein Name so häufig gegoogelt wurde wie dieser. Schließlich geht es um den berühmtesten Fußballklub der Welt, den FC Barcelona. Und Martino war von all den Kandidaten, die als Nachfolger des wegen seiner Krebserkrankung zurückgetretenen Trainers Tito Villanova im Gespräch waren, in Europa der wohl unbekannteste.

Die Barça-Stars Pique, Puyol, Iniesta, Xavi und Busquets hingegen brauchen keine technische Hilfe, um sich an Martino zu erinnern. Im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2010 trafen sie mit Spanien auf die von Martino betreute Nationalmannschaft aus Paraguay. Und die No-Name-Truppe jagte den späteren Weltmeistern einen gehörigen Schrecken ein.

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Spielerisch konnte die Mannschaft um den früheren Dortmunder Nelson Valdez nicht mithalten. Sie setzte auf Biss, Leidenschaft und taktische Disziplin. Martinos Strategie: Das spanische Kurzpassspiel schon im Ansatz zerstören und selbst immer wieder kontern. Das klappte so gut, dass nur der Torwart Iker Casillas und David Villas Tor in der 82. Minute eine spanische Blamage verhinderten. Für Paraguay war schon das Erreichen des Viertelfinales der größte Erfolg in der Geschichte.

Aus der Heimat von Messi – und Bielsa

Der FC Barcelona hat also einen Trainer eingestellt, der gezeigt hat, wie ein Team gegen das Barça-System bestehen kann, das ja auch die spanische Nationalmannschaft prägt. Gleichzeitig, und das ist vielleicht die entscheidende Besonderheit, gilt Martino als Verfechter eben dieses Systems: Ballbesitz, schnelles Verschieben aller Mannschaftsteile, Pressing überall auf dem Platz.

Bei Martino spielt sein Heimatort, Rosario in Argentinien, eine sehr wichtige Rolle. Aus Rosario stammt auch Lionel Messi. Martino ist mit Vater und Berater Jorge befreundet. Schon vor einem Jahr hatte Messi Martino als "großartigen Trainer" bezeichnet. Man kann davon ausgehen, dass sich Familie Messi für ihren Landsmann stark gemacht hat.

Noch wichtiger aber war eine andere Legende seines Heimatortes: Der Trainer Marcelo Bielsa. Bielsa gilt als eine Art Hohepriester des modernen Fußballs, auch wenn er kaum große Titel holen konnte. Zuletzt wurde er bei Barcelonas spanischem Konkurrenten Athletic Bilbao entlassen. Dennoch hat seine Art, Fußball spielen zu lassen – Rückeroberung des Balles tief in der Hälfte des Gegners, schnelles Umschalten, Ballbesitz als Form der Verteidigung –  viele ungleich erfolgreichere Kollegen beeinflusst. Dazu gehören Tottenhams Andre Villas-Boas, Dortmunds Jürgen Klopp und nicht zuletzt Pep Guardiola. Bevor letzterer sein Amt bei Barcelona antrat, traf er sich mit Bielsa zum Abendessen, um über Taktik zu sprechen. Sie trennten sich erst nach zwölf Stunden.

Taktik erinnerte an Barcelona

Seine Theorien entwickelte Bielsa in den frühen Neunziger Jahren bei Rosarios Klub Newell’s Old Boys. Martino war Bielsa dabei näher als jeder andere. Als Spieler war er das, was Guardiola für Johann Cruyff und Xavi für Guardiola bei Barcelona waren – der rechte Arm des Trainers auf dem Spielfeld. So war es fast logisch, dass Martino den Verein auch als Trainer übernahm, als Newell’s 2012 der Abstieg drohte.

Innerhalb kürzester Zeit gelang es Martino, die Mannschaft zum Titelkandidaten zu machen. Dabei war die von den Einzelspielern her sicher nicht die stärkste der argentinischen Liga. Doch Martino schien für jeden Spieler die perfekte Rolle zu finden, das Team verteidigte und attackierte als Einheit. Die Taktik erinnerte dabei sehr an die von Barcelona. Martino ließ entweder im 4-3-3 oder im 4-1-4-1 System spielen.

Vor allem entdeckten die Spieler durch Martino einen zuvor nicht offenbarten Siegeswillen. Er führte Newell’s im komplizierten argentinischen Ligasystem zum Sieg der Rückrundenmeisterschaft. Und den Einzug ins Finale der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions-League, verhinderte nur ein verlorenes Elfmeterschießen gegen Atlético Mineiro aus Brasilien.

Leserkommentare
    • LTank
    • 23. Juli 2013 20:42 Uhr

    Schöner Artikel, aber ein paar Teile erinnern schon ein wenig an Jonathan Wilsons Beitrag im Guardian. Könnte man doch zumindest drauf verweisen, oder?

    Bezüglich der Frage, ob ein Martino Team auch 0-7 gegen Bayern untergehen würde, würde ich eher die Gegenthese vertreten. Wenn seine Mannschaften gegen Ende der Saison körperlich hart abbauen, dann kann sowas durchaus wieder passieren. Vielleicht nicht aufgrund mangelnder Einstellung, aber eben aufgrund mangelnder Fitness.

    Eh finde ich diese Stelle etwas merkwürdig. Es wird ja angedeutet, dass Vilanovas Team nicht richtig motiviert ins Spiel gegangen ist. Ich will gar nicht behaupten, dass diese These falsch ist, aber sie ist so schwer zu überprüfen. Es ist so leicht, alle Dinge im Fußball durch Psychologisierungen zu erklären (Gruß an Olli Kahn), aber ich finde das meist wenig erhellend. Sicher spielt Psychologie im Fußball eine wichtige Rolle. Aber ebenso sicher ist die psychologische Seite des Fußballs dem externen Beobachter fast völlig verborgen.

    Eine Leserempfehlung
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    der einer ganzen Reihe von Thesen widerspricht. Allen voran, wer ein fußballerischer Revolutionär war und dass Guardiolas System bereits von Argentinien zu Beginn des Jahrtausends zelebriert wurde.
    Zwei Dingen würde ich widersprechen.
    "den berühmtesten Fußballklub der Welt" - bei allem Respekt, aber Barca ist nicht berühmter, als Real, United, Liverpool, Milan, RiverPlate, Boca und viele anderen Großen. Barca ist einer der erfolgreichsten Klubs der letzten Dekade.

    Ob Barca unter ihm auch gegen Bayern untergegangen wäre? Wer weiß. Es gibt eine Sache, die mich an der Betrachtungsweise stört und das ist die Stärke und die Motivation, die Bayern in diesen beiden Spielen gezeigt hatte. Die Niederlage war nicht nur der Schwäche Barcelonas geschuldet, die zugegeben in einer schwierigen Phase steckten, aber das gehört in einer Saison dazu.

    Ein letztes noch zu Neymar und Messi. Diese Kombination könnte eine der spektakulärsten des modernen Fußballs werden, denn vom Potenzial her könnten diese beiden zusammen, mehrere Fußballer auf einem Bierdeckel austanzen und auspassen. Ich freue mich da bereits auf die neue Saison und hoffe, dass in der CL Dortmund, Leverkusen oder Schalke auf Barca treffen.

    Jenseits des rein psychologischen, gibt es bei Barca aber eindeutig die Tendenz das eigene Spiel durchziehen zu wollen. Und das scheint inzwischen so tief drin zu sein, dass es ihnen sehr schwer fällt zu reagieren, wenn es dem Gegner gelingt das Spiel erfolgreich zu zerstören. Wahrscheinlich sollte "sehr schwer" eher "komplett gelähmt" sein. Das ist zumindest das was ich gesehen habe in der letzten CL Saison und gegen Brasilien im Confed Cup wirkte das ähnlich (nein, das war nicht Barca, aber Spanien und Barca sind ja auch nicht so verschieden, wenn es um Spielphilosophie geht).

    Freier Autor

    Hallo LTank,

    klar war auch ich einer der Googler und bin auch auf Jonathan Wilson gestoßen. (hier sei übrigens der Ihnen fehlende Hinweis nachgeholt http://www.guardian.co.uk...). Neben brasilianischen und argentinischen Zeitungen, die ich mir hier in Rio am Kiosk besorgt habe, plus dem eigenen bescheidenen Hintergrundwissen ist der Text natürlich auch das Ergebnis einer Internetrecherche. Das gehört zum Handwerk. Es wäre ja töricht diesen klugen Kopf zu ignorieren.

    Aber vieles, was Jonathan beschreibt, vor allem die enge Verbindung zwischen Bielsa und Martino, die, auch das kann jeder sehen, sich auch in ihrer Verschobenheit ähneln, ist fußballerisches Allgemeinwissen, zumindest in Südamerika. Das sich da bei zwei mehr oder weniger zeitgleich geschriebenen Texten etwas doppelt: normal. Wenn Sie aufmerksam lesen, erkennen Sie, dass der Text teilweise über die Gedanken des geschätzen Kollegen hinausgeht, teilweise er vieles sehr viel detailierter erzählt. Hätte ich mich wirklich mit fremden Lorbeeren schmücken wollen, hätte ich seine grandiose Eingangsszene verwendet.

    Beste Grüße
    CW

  1. der einer ganzen Reihe von Thesen widerspricht. Allen voran, wer ein fußballerischer Revolutionär war und dass Guardiolas System bereits von Argentinien zu Beginn des Jahrtausends zelebriert wurde.
    Zwei Dingen würde ich widersprechen.
    "den berühmtesten Fußballklub der Welt" - bei allem Respekt, aber Barca ist nicht berühmter, als Real, United, Liverpool, Milan, RiverPlate, Boca und viele anderen Großen. Barca ist einer der erfolgreichsten Klubs der letzten Dekade.

    Ob Barca unter ihm auch gegen Bayern untergegangen wäre? Wer weiß. Es gibt eine Sache, die mich an der Betrachtungsweise stört und das ist die Stärke und die Motivation, die Bayern in diesen beiden Spielen gezeigt hatte. Die Niederlage war nicht nur der Schwäche Barcelonas geschuldet, die zugegeben in einer schwierigen Phase steckten, aber das gehört in einer Saison dazu.

    Ein letztes noch zu Neymar und Messi. Diese Kombination könnte eine der spektakulärsten des modernen Fußballs werden, denn vom Potenzial her könnten diese beiden zusammen, mehrere Fußballer auf einem Bierdeckel austanzen und auspassen. Ich freue mich da bereits auf die neue Saison und hoffe, dass in der CL Dortmund, Leverkusen oder Schalke auf Barca treffen.

    Antwort auf "Jonathan Wilson & 0-7"
  2. Jenseits des rein psychologischen, gibt es bei Barca aber eindeutig die Tendenz das eigene Spiel durchziehen zu wollen. Und das scheint inzwischen so tief drin zu sein, dass es ihnen sehr schwer fällt zu reagieren, wenn es dem Gegner gelingt das Spiel erfolgreich zu zerstören. Wahrscheinlich sollte "sehr schwer" eher "komplett gelähmt" sein. Das ist zumindest das was ich gesehen habe in der letzten CL Saison und gegen Brasilien im Confed Cup wirkte das ähnlich (nein, das war nicht Barca, aber Spanien und Barca sind ja auch nicht so verschieden, wenn es um Spielphilosophie geht).

    Antwort auf "Jonathan Wilson & 0-7"
  3. Freier Autor

    Hallo LTank,

    klar war auch ich einer der Googler und bin auch auf Jonathan Wilson gestoßen. (hier sei übrigens der Ihnen fehlende Hinweis nachgeholt http://www.guardian.co.uk...). Neben brasilianischen und argentinischen Zeitungen, die ich mir hier in Rio am Kiosk besorgt habe, plus dem eigenen bescheidenen Hintergrundwissen ist der Text natürlich auch das Ergebnis einer Internetrecherche. Das gehört zum Handwerk. Es wäre ja töricht diesen klugen Kopf zu ignorieren.

    Aber vieles, was Jonathan beschreibt, vor allem die enge Verbindung zwischen Bielsa und Martino, die, auch das kann jeder sehen, sich auch in ihrer Verschobenheit ähneln, ist fußballerisches Allgemeinwissen, zumindest in Südamerika. Das sich da bei zwei mehr oder weniger zeitgleich geschriebenen Texten etwas doppelt: normal. Wenn Sie aufmerksam lesen, erkennen Sie, dass der Text teilweise über die Gedanken des geschätzen Kollegen hinausgeht, teilweise er vieles sehr viel detailierter erzählt. Hätte ich mich wirklich mit fremden Lorbeeren schmücken wollen, hätte ich seine grandiose Eingangsszene verwendet.

    Beste Grüße
    CW

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  • Schlagworte Lionel Messi | Pep Guardiola | FC Barcelona | Iker Casillas | Trainer | Barcelona
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