Frage: Frau Duplitzer, die Bundesjustizministerin hat gerade mit mehreren Profifußballklubs und anderen Organisationen eine Erklärung gegen Homophobie im Sport vorgestellt. Es ist von einem historischen Schritt die Rede – was halten Sie davon?

Imke Duplitzer: Ich muss meinen Blutdruck erstmal wieder ein bisschen runterbekommen. Man tut so, als erfinde man damit das Rad neu, aber das Rad ist doch schon da. Die sollten nicht so viel reden, sondern einfach mal machen. Ich frage mich außerdem, warum bei der Veranstaltung keine Sportler zu Wort gekommen sind. Um die geht es ja.

Frage: Was hätten Sie zum Beispiel erzählen können?

Duplitzer: Dass homosexuelle Sportler immer noch die gleichen Erfahrungen machen wie Martina Navratilova vor 25 Jahren. Sie werden gemobbt, geschnitten, missachtet. Ich bin es einfach leid, wie ein Zirkustier begafft zu werden. Es wäre zu schön, wenn es kein Thema mehr wäre, weil es völlig Pumpe ist, auf welches Geschlecht man steht. Ich will nicht behandelt werden, als wäre ich normal. Ich bin normal. Ich mag auch nicht mehr die arme, bemitleidenswerte Lesbe sein. Ich will einfach ich sein.

Frage: Hat sich wirklich nichts verändert?

Duplitzer: Doch, es ändert sich die gespielte Toleranz. Wenn ein BBC-Reporter über die Wimbledonsiegerin Marion Bartoli sagt, sie habe bestimmt früher zu hören bekommen, dass sie nie ein Hingucker werde, ist die Empörung zunächst groß. Hinterher hauen aber doch alle dem BBC-Mann auf den Rücken und sagen: Haste toll gemacht. Außerdem werden die Gegensätze größer.

Frage: Was meinen Sie damit?

Duplitzer: Je toleranter die eine Seite wird, desto radikaler wird die andere. Natürlich bekommt man immer mehr Verständnis zu hören, aber andere radikalisieren sich gegen die Homo-Ehe. Wir sind wieder in so einem Biedermeier, wo alle Veränderungen den Leuten Angst machen. Und vor der Radikalisierung habe ich wiederum Angst, weil mir dagegen die netten Worte der Wohlmeinenden nicht helfen.

Frage: Gab es bei der Veranstaltung gegen Homophobie in Berlin nichts, was Sie überzeugt hat?

Duplitzer: Doch. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es eine Charta der Vielfalt gibt und 1500 Unternehmen in Deutschland sagen: Ich bin dabei. Außerdem hätte ich den Vertreter von Hertha BSC herzen können, weil er mit einer erfrischenden Selbstverständlichkeit erzählt hat, dass sie sich nicht aus einer Zwangssituation gegen Homophobie engagieren, sondern aus Überzeugung.

Frage: Wie haben Sie im Sport Diskriminierung erlebt?

Duplitzer: Ich sollte mal bei den Gay Games in Köln fechten. Doch um Fechten ins Programm aufzunehmen, musste unser Verband die Schirmherrschaft übernehmen. Als ich beim Deutschen Fechter-Bund nachgefragt habe, bekam ich zu hören: Die WM der Behinderten haben wir auch unterstützt, da können wir hier sicher auch was machen. Als der Kollege merkte, was er da gerade gesagt hatte, hat er sich wortreich rausgeredet, aber dieses Zurückrudern war nur noch peinlicher. Ich bin seit 20 Jahren vorne dabei, ich bin sozusagen das langlebigste Modell im deutschen Fechten. Aber ich habe in dieser Zeit keinen einzigen Einzelsponsor gehabt. Dafür habe ich schon zu hören bekommen, dass ich einfach nicht reinpasse.

Frage: Warum fällt die Toleranz gerade im Sport so schwer, der sich sonst als großer Integrationsmotor preist?

Duplitzer: Sport ist männerorientiert, körperorientiert. Das große Problem sind Vorurteile, das hat jetzt auch Marion Bartoli zu spüren bekommen. Es gibt einfach diese Zuweisungen. Schwuletten machen nur Eistanz. Und alle Lesben im Sport sind automatisch immer Kampflesben.