Palästinensische Fans im Nationalstadion © Ahmad Gharabli

Wer auf Tribüne C steht, kann die Mauer sehen, zwischen der Haupttribüne und dem Seiteneingang. Die Mauer, dieses in Beton gegossene Symbol des Konflikts zwischen Israel und Palästina. Auf der anderen Seite beginnt schon bald Jerusalem, doch auf dieser Mauerseite steht der Stolz des palästinensischen Fußballs: das Faisal Al-Husseini-Stadium in Al-Ram.

Granulatgrüner Kunstrasen, die Vip-Plätze in weißem Marmor, hier und da fehlen noch Balustraden. Im Jahr 2008 hat die Fifa das Stadion modernisiert und eingeweiht, im selben Jahr fand hier auch das erste vom Fußballweltverband anerkannte Heim-Länderspiel der palästinensischen Nationalmannschaft statt; ein 1:1 gegen Jordanien. Doch Probleme bleiben.

Wenn Fifa-Chef Joseph Blatter diese Woche mal wieder nach Palästina reist, soll er nicht nur eine neue Fußballakademie einweihen, sondern auch zwischen Palästina und Israel vermitteln, deren Konflikt weiterhin schwelt. Auch auf Fußball-Ebene. Um diesen Konflikt zu illustrieren, braucht es gar nicht mal die Mauer. Es reichen in diesem Fall auch die Flutlichtmasten im Stadion.

"Aus Sicherheitsgründen"

Davon kann Adbelmajeed Hijjeh erzählen, der Generalsekretär des Palästinensischen Fußballverbandes (PFA). Hijjeh sitzt im alten PFA-Verbandsgebäude in Ramallah. Der neue Verbandssitz wird gerade direkt hinter dem Stadion errichtet, in dieser Woche soll er bezugsfertig sein. So empfängt Hijjeh in einem kargen Büro voller Umzugskartons, ein Bild des verstorbenen Präsidenten Arafat an der Wand, eine Zigarette in der Hand. Draußen im Gang hängen ein Poster von Mesut Özil und ein Mannschaftsfoto von Real Madrid. Hijjeh spricht erregt, sobald Israel zum Thema wird.      

Die Flutlichtmasten im Faisal Al-Husseini-Stadion sind 15 Meter hoch. "Wir wollten die Flutlichtmasten in unserem Stadion aber 30 Meter hoch bauen", sagt Hijjeh. "Doch die Israelis sagten: nein. Nicht höher als 15 Meter. Und warum?" Hijjeh macht eine Kunstpause, zieht die Augenbrauen hoch und schaut erwartungsvoll. Man ahnt es schon. Weil alle Schikanen der Israelis, die der Fußballmann bisher anekdotenhaft erzählt hat, mit undefinierbaren "Sicherheitsgründen" legitimiert wurden. "For safety reasons", sagt Hijjeh dann auch erwartungsgemäß und wirft die Arme in die Luft. Zu hohe Flutlichtmasten sind ein Sicherheitsrisiko für das israelische Volk. Hijjeh schüttelt den Kopf. 

Die Fifa hat den palästinensischen Fußballverband 1998 offiziell aufgenommen, derzeit steht Palästina auf Platz 151 der Weltrangliste. Geht es nach den Verantwortlichen, wäre ein wesentlich besseres Ergebnis möglich – wenn ihnen eben die Israelis nicht andauernd hineingrätschen würden. Immer wieder wird Spielern die Ausreise verweigert.  

Im Oktober 2007 etwa verhinderte Israel, dass Palästina das Rückspiel der ersten Qualifikationsrunde für die WM 2010 in Singapur austragen konnte: Israelische Grenzbeamte ließen 18 Spieler aus dem Gazastreifen nicht ausreisen. 2009 wurde der Stürmer Mahmoud Sarsak auf dem Weg zum Training festgenommen und wegen Terrorverdachts drei Jahre lang festgehalten; erst nach einem Hungerstreik wurde er kürzlich freigelassen. Das bisher einzige Treffen aller PFA-Verbandsleute musste im Libanon stattfinden – aus Sicherheitsgründen.     

Geheimdienst-, dann Sicherheits-, jetzt Fußballchef

Der Verband hat sogar eine ganze Broschüre erstellt, in dem er die Schikanen zusammengestellt hat, Titel: "Sport im Belagerungszustand". Unter diesen Umständen sind offizielle Spiele schwierig zu realisieren – eine wesentliche Möglichkeit, Punkte zu sammeln, um in der Fifa-Weltrangliste nach oben zu klettern, fällt somit weg.

 Allen voran Dschibril Radschub möchte sich diesen Restriktionen in den Weg stellen und den Fußball professionalisieren. Seitdem er 2008 zum Präsidenten der PFA gewählt worden ist, hat ein Modernisierungsprozess begonnen. Der Ligabetrieb mit zwölf Teams läuft wieder, die Spieler verdienen mehr Geld. Das liegt wohl vor allem an seiner Popularität und seinen einflussreichen Freunden.   

Als 15-Jähriger warf Radschub eine Handgranate auf eine israelische Patrouille und wurde zu 17 Jahren Haft verurteilt. Unter Arafat wurde er erst Geheimdienst-, später dann Sicherheitschef, er selbst nannte sich mal den "stärksten Mann in der Westbank". Tatsächlich galt er sogar mal als potenzieller Nachfolger Arafats. Heute sitzt Radschub im Zentralkomitee der Fatah. Er hat sein Leben dem palästinensischen Freiheitskampf verschrieben. Der Sport kommt ihm da gerade recht: Neben dem Fußballverband leitet Radschub auch noch das Nationale Olympische Komitee. Wenn Radschub beim Training vorbeischaut, so heißt es, salutieren die Spieler.